Brasilien Das Gold der SlumsSeite 3/3

»Itagiba nutzte die Milizen im Kampf gegen die Drogenbarone«, erzählt Barros. »Denn in den Favelas, die von den Milizen beherrscht werden, gibt es wenigstens keine Drogenbosse.«

Ohnehin nimmt man es in diesem Kampf mit der Rechtsstaatlichkeit nicht allzu genau – das gilt vor allem in den Favelas, in denen die Ärmsten und Schwächsten leben. Laut einem Bericht der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erschoss die Polizei 2008 allein in Rio de Janeiro 1137 Menschen. Die Gruppe glaubt, dass es sich zumindest bei einigen um Unschuldige oder Opfer außergerichtlicher Tötungen handelt. Die Polizisten sind oft schlecht ausgebildet, vor allem aber miserabel bezahlt und damit korrumpierbar. Viele kassieren Bestechungsgelder oder schließen sich den Milizen an.

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Félix jedenfalls hatte von offizieller Seite wenig zu befürchten. Seine Freunde in Polizei, Verwaltung, Staatsanwaltschaft und Politik protegierten ihn, sein Monopol in Rio das Pedras war gesichert. Allein, es half nichts: Vor seinen Konkurrenten konnte ihn keiner schützen. 2007 wurde Félix mit 50 Schüssen vor dem Haus seiner Geliebten niedergestreckt. Ein Jahr später wurde auch Nadinho, der Mann mit den mächtigen politischen Freunden, auf offener Straße ermordet.

Zu dieser Zeit begann sich der Wind gegen die Milizen zu drehen. 2008 kidnappten Milizionäre drei Mitarbeiter von O Dia. Sie hatten in der Favela Batan undercover recherchiert, um das Terrorregime der dortigen Milizen aufzudecken, Barros war damals nicht dabei. Die Milizionäre hielten eine Journalistin und ihre beiden Kollegen stundenlang gefangen und folterten sie. Als sie freikamen und von ihrer Marter berichteten, ging ein Aufschrei durch die brasilianische Gesellschaft. Eine Artikelreihe von O Dia führte zu polizeilichen Untersuchungen und einer ganzen Serie von Verhaftungen. Viele mächtige Milizionäre sitzen seitdem im Gefängnis, ihre Vereinigungen setzen nicht mehr so viel um wie ehedem, auch erzählt man sich, dass die Bewohner einiger weniger streng regierter Favelas nun kein Schutzgeld mehr zahlen wollten. Die Milizen gelten als geschwächt.

Doch Normalität ist deshalb noch lange nicht in Rio das Pedras eingezogen. »Nach Félix kamen die Schlimmsten von allen«, erzählt Bethlem. »Sie sind schwächer und genau deshalb umso brutaler.« Eine Truppe von 50 Polizisten von außerhalb übernahm Félix’ Reich. Wo Félix noch ein wenig Jovialität und Patronage gezeigt hatte, verbreiten sie allein Terror. In den drei Jahren ihrer Herrschaft hätten sie allein 150 Nachbarn und Bekannte von ihm umgebracht, sagt Bethlem. Da war etwa die Mutter, deren 14-jähriger Sohn ab und zu klaute. Eines Nachts kamen die Milizen an ihre Tür und befahlen: »Tu etwas dagegen.« – »Was denn?«, fragte die Mutter, »er hört doch nicht auf mich.« Sie erschossen sie noch an der Haustür.

Die Geschäfte der Miliz laufen nicht mehr so gut wie früher. Bethlem schätzt, dass sie nur noch die Hälfte der Summe umsetzten, die Félix seinerzeit verdiente. »Doch je weniger sie verdienen, desto gieriger werden sie.« Die Schutzgeldgebühren seien dramatisch gestiegen. Bethlem selbst hatte mal einen kleinen Krämerladen, den er aufgeben musste, weil er die Schutzgelder nicht mehr bezahlen konnte. »Sie wollten 500 Reais (213 Euro) im Monat, so viel hatte ich einfach nicht«, berichtet Bethlem. »So wie mir ging es vielen.«

Damals wie heute ist das Leben in Rio das Pedras auf den Gewinn der Milizen ausgerichtet. Nur wenig entgeht ihnen, denn sie haben ein weit verzweigtes Spitzelsystem aufgebaut. Einmal, erzählt Bethlem, hätten sie mitbekommen, dass sich jemand von seinem Cousin Geld lieh, um ein Auto zu kaufen. »Das ist verboten, man darf sich nur von ihnen zum Wucherzins Geld leihen.« Die Milizen konfiszierten das Auto und verbannten den Cousin aus der Favela.

Es gibt eine Rechtssprechung hier, auch sie organisieren die Herrscher der Slums: Streiten sich zwei und die Miliz erfährt davon, muss jeder von ihnen eine Strafgebühr zahlen. »Ganz unabhängig davon, wer recht hatte und um was es überhaupt ging«, klagt Bethlem. Nachts trauen sich die Menschen nicht mehr aus dem Haus, dann patrouillieren die Männer mit ihren Kapuzen. »Wer Geld hat, zieht weg. Die anderen müssen durchhalten«, sagt Bethlem.

Zwei Männer der vierköpfigen Milizenführung von Rio das Pedras sitzen mittlerweile im Gefängnis, einer ist untergetaucht. Viel gebracht habe deren Verhaftung allerdings nicht, sagt Bethlem. Die Bosse im Gefängnis haben Handys. Das ist zwar verboten, aber weit verbreitet. »Die machen ihre Geschäfte ganz normal von dort weiter.« Geschäfte mit Schutzgeldern, Kleinbussen, Gas, Satellitenfernsehen und Immobilien. Der frühere Abgeordnete Jerônimo Guimarães Filho, ein inhaftierter Milizionär aus Campo Grande, schloss seine Immobiliengeschäfte direkt im Büro des Gefängnisdirektors ab, der ihm freundlicherweise noch einen seiner Angestellten zur Seite stellte – alte Freundschaft verbindet.

Slums, aus denen normale Stadtviertel werden? Ein Ende der Schattenwirtschaft? Das können wohl weder neue Straßen, Strom- und Gasleitungen bringen noch eine größere Polizeipräsenz, so nützlich sie auch sein mögen. Vor allem müssten die ökonomischen Gesetze der Slums gebrochen werden, müssten die Drogenbarone und Mafias ihre Geldquellen verlieren.

Bethlem glaubt, dass nur eine radikale Lösung helfen könnte – eine Staatswirtschaft unter hoheitlichem Schutz, bis auf Weiteres. »Die Stadt müsste Rio das Pedras übernehmen: die Sicherheit, die Busse, das Gas, das Kabelfernsehen«, sagt er. Besonders eilig scheint es die Stadtverwaltung damit allerdings nicht zu haben. Seit 2008 hat sie eine einzige Buslinie eingerichtet, auf einer Strecke, auf der 20 der von den Milizen kontrollierten Kleinbusse verkehrten.

Noch immer zirkulieren in Rio de Janeiro 5000 Milizenvans.

 
Leser-Kommentare
  1. Als Kenner der Oertlichkeit und langjaehrigem Leben in direkter Nachbarschaft von Rio das Pedras stellt sich mir nur die Frage, wo die Communidade denn waere, wenn es keine Miliz geben wuerde.
    Alle Personen, die ich kenne, und das sind nicht wenige, sind froh das es die Miliz gibt und eine relative Sicherheit.
    Schauen Sie sich die anderen Favelas an, die vom Comando vermehlo oder den ADA beherrscht werden. Da sind die wahren Totschlaeger und Drahtzieher der Drogenbanden zu suchen, die das Leben aller einfachen Leute unertraeglich machen.
    Wer sich an die Gesetze haelt in einem Gebiet, das von einer Miliz beschuetzt wird, hat nichts zu befuerchten.

    Wem das nicht passt, kann ja nach Mare oder in den Complexo de Alemao gehen und dann mal schauen, was passiert.

    Sicher waere es schoen, wenn es weder das eine noch das andere gaebe, aber die Realitaet sieht anders aus und wird auch in Zukunft nicht anders sein.

    Dazu braeuchte es eine andere brasilianische Gesellschaft, und davon ist man noch sehr weit entfernt....

    Boa tarde

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    Wissen Sie denn auch etwas über das Projekt "Bolsa Familia", welches in den Slums in Brasilien angelaufen sein soll? Wie wurde dieses in den Slums aufgenommen und was hat sich seitdem verändert?

    Noch ein Filmtipp zu dem Thema: "City of God" und die Serie "City of Men"

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    Noch ein Filmtipp zu dem Thema: "City of God" und die Serie "City of Men"

  2. Wissen Sie denn auch etwas über das Projekt "Bolsa Familia", welches in den Slums in Brasilien angelaufen sein soll? Wie wurde dieses in den Slums aufgenommen und was hat sich seitdem verändert?

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    Antwort auf "Was waere ohne Miliz"
    • peku28
    • 22.05.2010 um 13:51 Uhr

    Es scheint, der Autor kennt Rio de Janeiro nur aus dem deutschen Fernsehen.
    Iss doch Schwachsinn nzu glauebn, daß die Menschen die in einer Fawella leben keine Ruhe, Ordnung und Sicherheit wollen.
    Die Polizei hilft da schon sehr heutzutage, nur geht es eben nicht von heute auf morgen.

  3. Nun ja, unser Autor ha per Worterbuch "tiefschürfend" recherchiert: Mineiros sind Minenarbeiter, richtig. Aber sehr unwahrscheinlich, dass die "Dynastie" daher ihren Namen bezog. Vermutlich kamen sie ganz einfach aus dem Bundesstaat "Minas Gerais". Der erhielt, ganz richtig, in der Frühzeit des Landes seinen Namen wegen der Goldminen. Aber heute werden alle ihre Bürger "Mineiros" genannt, auch wenn sie Steuerbeamte oder Jornalisten sind ;-)

    "Wenn ich ein Land 14 Tage besuche, schreibe ich ein Buch. Nach 5 Jahren reichen meine Kenntnisse nur noch für einen Artikel. Und nach 20 Jahren stelle ich fest, dass ich letztlich gar nichts zu schreiben habe..." (deutsch-brasilianische Weisheit)

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