Kündigung Vor allem zuhören

Bloß keinen Abstand nehmen, wenn Kollegen gekündigt wurde, sagt der Psychologe Thomas Kieselbach

Wenn es Kündigungen in Unternehmen gab, hat dies auch negative Auswirkungen auf die verbleibenden Mitarbeiter

Wenn es Kündigungen in Unternehmen gab, hat dies auch negative Auswirkungen auf die verbleibenden Mitarbeiter

DIE ZEIT: In der Wirtschaftskrise werden Unternehmen umstrukturiert, auch Mitarbeiter gekündigt. Diejenigen, die es nicht erwischt, sind erleichtert.

Thomas Kieselbach: Natürlich sagt niemand: »Es wäre besser gewesen, wenn ich entlassen worden wäre.« Das wäre ja auch paradox. Aber die meisten Mitarbeiter, die im Unternehmen bleiben, empfinden neben spontaner Erleichterung auch Schuld gegenüber den entlassenen Kollegen. Das sind ähnliche Mechanismen, wie man sie bei Überlebenden von Naturkatastrophen oder Kriegen findet.

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ZEIT: Was bedeutet das?

Kieselbach: Die »Überlebenden« machen sich zwangsläufig Gedanken: »Warum wurde ich verschont?«, »Habe ich das auch verdient?«, »Mein Kollege steht jetzt erst mal vor dem Nichts, hat eine Familie zu ernähren, während ich selbst nur für mich selbst sorgen muss«. Diese Überlegungen sind verständlich, aber gerade für die »Opfer« einer Entlassung nicht immer hilfreich, da Schuldgefühle die Kommunikation mit den Betroffenen erschweren.

ZEIT: Fühlen sich denn die »Überlebenden« zu Unrecht schuldig?

Kieselbach: In den meisten Fällen ja. Deshalb sollte jeder versuchen, die Situation, so weit es geht, zu entpersonalisieren, die Schuld weder bei sich selbst zu suchen noch den Betroffenen in die Schuhe zu schieben – was auch häufig passiert. Nach dem Motto »Die war ja eh immer krank« oder »Der hat ja auch nicht so viele Projekte an Land gezogen wie ich«. In der Regel haben Entlassungen wenig mit der konkreten Person zu tun, sondern folgen anderen Mechanismen wie »last in, first out«. Außerdem gehen wir auch nicht mehr davon aus, dass diejenigen, die einmal verschont wurden, auch gelassen in die Zukunft schauen können. Das hat Auswirkungen auf das Gesamtunternehmen.

ZEIT: Welche?

Kieselbach: Eine Umstrukturierung wird ja eigentlich durchgeführt, um das Unternehmen profitabler und produktiver zu machen. Unsere Forschungen haben aber ergeben, dass oft das Gegenteil der Fall ist: Auch viele »Überlebende« reagieren negativ. Sie zeigen dann weniger Engagement, identifizieren sich nicht mehr so stark mit ihrem Arbeitgeber und reichen manchmal sogar selbst die Kündigung ein – gerade wenn sie gute Qualifikationen haben und für das Unternehmen eigentlich sehr wichtig sind. Deswegen werden solche Prozesse inzwischen auch als ein sehr viel komplexeres Phänomen angesehen, das große Rückwirkungen auf beide hat – auf »Opfer« und »Überlebende«.

ZEIT: Die »Überlebenden« umgehen das Thema?

Kieselbach: Ja. Menschen, die entlassen werden, machen häufig die Erfahrung, dass der Kontakt zu den Kollegen, der oft ja auch in den privaten Bereich hineingeht, abbricht. Das ist – neben den materiellen Existenzängsten – ein großer Stressfaktor. In unserer Arbeitsgesellschaft werden soziale Kontakte oft über die Erwerbstätigkeit organisiert. Fehlt dann nach einer Kündigung dieser Gesprächsgegenstand, wissen beide Seiten oft nicht mehr, worüber sie reden sollen. Für die »Opfer« ist das fatal, weil sie sich immer weiter isolieren. Viele Arbeitslose haben das Gefühl, dass das, was sie erleben, für die anderen nicht mehr interessant ist, und ziehen sich ins Privatleben zurück. Deshalb sollte man als »Überlebender« Sensibilität für die Situation mitbringen, zuhören können und nicht nur von den eigenen Projekten erzählen. Und sich genau überlegen, was man für die Betroffenen tun kann.

ZEIT: Ist es nicht aufdringlich, Hilfe anzubieten?

Kieselbach: Die Situation erfordert Fingerspitzengefühl. Wer vorher gar nichts mit einem Kollegen zu tun hatte, wird nicht ausgerechnet in der Krise Kontakt aufnehmen und ihn auf seine Entlassung ansprechen. Wer aber ein kollegiales oder gar freundschaftliches Verhältnis gepflegt hat, sollte dieses aufrechterhalten – zum Beispiel weiter gemeinsam den Stammtisch besuchen oder E-Mails austauschen. Denn gerade für den Wiedereinstieg in den Beruf, den ja fast alle Entlassenen anstreben, ist dieses professionelle Netzwerk sehr wichtig.

ZEIT: Wie kann man die »Opfer« unterstützen?

Kieselbach: Häufig entlassen Firmen zunächst Mitarbeiter, und wenn der Konjunkturzyklus wieder anzieht, brauchen sie diese Arbeitskräfte wieder. Solche Informationen haben diejenigen, die in der Firma bleiben. Sie bekommen mehr mit und haben Zugang zum internen Netzwerk. Deshalb sind sie gute Informationsquellen. Sie können ganz konkrete Tipps geben, wo Stellen angeboten werden – entweder im eigenen Unternehmen oder auch in Firmen, mit denen sie kooperieren. Wer eine gewisse Verantwortung für die gekündigten Kollegen übernimmt, hat es in der Regel auch leichter, die eigenen Schuldgefühle zu überwinden.

ZEIT: Wie kann man sich denn als »Überlebender« für die Zukunft in der Firma wappnen?

Kieselbach: Wir haben gerade im Rahmen eines großen EU-Projektes die Auswirkungen von Umstrukturierungen auf die Gesundheit der Mitarbeiter untersucht: Viele, die zunächst verschont bleiben, leiden trotzdem unter einer survivor sickness, sie sind anfälliger für Stress oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, rauchen oder trinken oft mehr – vor allem wenn die Umstrukturierung unvorbereitet und unsensibel durchgeführt wurde. Wir haben deshalb einen Maßnahmenkatalog zusammengestellt. Ein wichtiger Punkt dabei ist eine offene und ehrliche Kommunikation der Unternehmensführung. Dazu können auch die betroffenen Arbeitnehmer beitragen, indem sie ihre Vorstellungen oder Ängste äußern – direkt gegenüber dem Vorgesetzten oder über den Betriebsrat.

Interview: Maren Soehring

Thomas Kieselbach ist Mitglied des Vorstands der Internationalen Kommission für Berufliche Gesundheit

 
Leser-Kommentare
    • Akanda
    • 21.05.2010 um 20:11 Uhr

    Bevor eine Firma die Notbremse zieht und Arbeitskräfte entlässt sollte die Geschäftsleitung daran denken, in die andere Richtung zu gehen und auf Wachstum zu setzen - das geht nur mit einem vollkommen anderen Ansatz, mit einem Paradigmenwechsel, der das Problem von:

    a) stagnierendem Absatz ( Wirtschaftskrise ) und
    b) mangelnder Effektivität der bestehenden Firmenstruktur
    an der Wurzel anpackt und dauerhaft löst.

    Wie soll das funktionieren?

    Die Wirtschaft ist ein „kollektives" Phänoimen. Sie lebt auf allen Ebenen von Impulsen menschlichem Bewußtseins, sowohl auf der Seite des Konsumenten, als auch auf der Seite des Produzenten / Anbieters.

    Mit den aus der uralten Vedischen Tradition stammenden Bewußtseinstechnologien, die von dem indischen Seher Maharishi Mahesh Yogi für Unternehmen in einem unglaublich effektiven Paket zusammengestellt worden sind, ist es möglich, jedes beliebige Unternehmen / Wirtschaftssystem / Land innerhalb kürzester Zeit ohne großen Kostenaufwandt zum Erblühen zu bringen.

    Jede Unternehmensleitung, die vor der Entscheidung einer Personalreduzierung steht sollte sich über das Maharishi Corporate Development Programe ( zu deutsch: „Maharishi Technologie Programm für exzellente Unternehmensentwicklung" ) eingehend informieren - es lohnt sich...

    Mr. H.A. Montgomery, Geschäftsführer einer Chemiefirma aus den USA, sagt hierzu:
    „Die Einführung des MCDP-Programms in meinem Unternehmen war meine beste geschäftliche Entscheidung."

  1. Das Erwerbsleben in Deutschland ist ungerecht und brutal geworden. Der Psychologe Thomas Kieselbach erteilt in der ZEIT Ratschläge zur Verdrängung dieser Wirklichkeit. Damit macht sich zum bereitwilligen Handlanger der Akteure einer asozialen Arbeitswelt.
    Eine Kündigung aber ist nicht das Naturereignis, als das es in diesem Artikel von Maren Soehring hingestellt wird, sondern eine bewußte unternehmerische Entscheidung.
    Die demütigen Arbeitsbienen sollten sich nicht klaglos abfinden. Im Gegenteil, sie sollten ihren Mut zusammennehmen, und gegen ihre Situation angehen.
    Wer dann noch „Schuldgefühle“ entwickelt, sollte sich in die Behandlung eines richtigen Arztes begeben.

  2. Ich stimme „Partylöwe“ völlig zu – der Vergleich zwischen einer Naturkatastrophe und einer Kündigung ist falsch. Die einzige Gemeinsamkeit besteht im Ohnmachtsgefühl von Opfern und Überlebenden, wobei nicht einmal das ganz stimmt. (Es gibt Fälle, in denen sogar die „Überlebenden“ einer Kündigungswelle zugunsten der Opfer gestreikt haben sollen.) Aus der Arbeit mit von Naturkatastrophen Traumatisierten weiß ich, wie wichtig es ist, das zirkuläre Suchen nach Gründen oder einem höheren Sinn zu beruhigen und zu akzeptieren, dass es keine Antwort auf die bohrenden Fragen nach dem Warum gibt. So ein Unglück trifft niemanden gezielt, als Strafe oder Demütigung. Bei einer Kündigung ist das sehr wohl der Fall – sie geschieht nie nach Naturgesetzen, sondern immer aus einem selektiven Hintergrund heraus, und statt Solidarität schafft sie Scham und Ausgrenzung. Wenn das soziale Netz eines/einer Gekündigten nur aus ehemaligen Arbeitskollegen und Kolleginnen besteht, ist der Rat zur Aufrechterhaltung dieser Interessenbeziehungen scheinheilig, denn Freundschaft verträgt viel Ungleichheit, aber nur auf der Basis gleicher Anerkennung. Gab es vorher keine menschliche Basis und bricht auch noch die kollegiale weg, die immer auch durch Konkurrenz gekennzeichnet ist, geht die Beziehung zwangsläufig in die Brüche. Dann bleiben nur noch die wirklichen Freunde und die Familie.

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    Einfach einmal die Kommentare hier lesen, die sind auffällig gehaltvoller als der Artikel selbst.

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  3. Wollte sich hier jemand für Dienstleistungen im Bereich Outplacing empfehlen, mit Worten wie "Opfer", "Überlebende" und "Naturkatastrophen"? Die Mitarbeiter dürfen es also als höhere Gewalt ansehen, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden, vielleicht weil die Quartalszahlen nicht stimmen oder der Forecast ausgehübscht werden soll? Einzig das schlechte Gewissen ist ein Störfaktor und hinderlich an der weiteren Produktionssteigerung? Nun, wenn das Kind im Brunnen liegt, braucht niemand mehr "soziale Kontakte" und die Äusserungen des Bedauerns.
    Rechtzeitige Reaktionen aller Mitarbeiter hilft, übereilte Entscheidungen im Management zu verhindern. Bei uns im Betrieb haben die hochqualifizierten Kollegen (Guido würde "Leistungsträger" sagen) schlicht angekündigt dann auch kurz 'mal weg zu sein - schon war das Thema vom Tisch.
    Mit solchen Artikeln soll den Arbeitnehmern die Vorstellung von "Entlassungen als höhere Naturgewalt" unter die Hirnrinde geschoben werden. Vielen Dank, ZEIT!

  4. Einfach einmal die Kommentare hier lesen, die sind auffällig gehaltvoller als der Artikel selbst.

    Antwort auf "Naturereignis?"
  5. Redaktion

    Herr Kieselbach behauptet in dem Interview nicht, dass Entlassungen wie Naturkatastrophen passieren, vielmehr vergleicht er das Verhalten derjenigen, die ihre Jobs behalten, mit dem Verhalten von Menschen, die ein heftiges Naturereignis überstanden haben.

    Und dieser Aspekt ist doch interessant, bedeutet es doch, dass abhängig Beschäftigte Entlassungen und Umstrukturierungen in ihren Unternehmen eine ähnliche Wahrnehmung dessen haben.
    In diesem Zusammenhang würde mich Ihre Einschätzung interessieren: Sind Arbeitnehmer in Deutschland so machtlos?

    Tina Groll, Redakteurin Zeit Online

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    ich wünsche Ihnen, dass die Erfahrung des Arbeitsplatzverlustes auch weiterhin erspart bleibt.

    ich wünsche Ihnen, dass die Erfahrung des Arbeitsplatzverlustes auch weiterhin erspart bleibt.

  6. ich wünsche Ihnen, dass die Erfahrung des Arbeitsplatzverlustes auch weiterhin erspart bleibt.

    Antwort auf "kein Naturereignis"
    • thbode
    • 24.05.2010 um 17:26 Uhr

    Warum es so schwer ist simple Grundprämissen im Auge zu behalten ist unerklärlich. Ausser mit den neuen Erkenntnissen der Hirnforschung dass wir so gut wie gar nicht vom Intellekt sondern dem Unterbewussten gesteuert werden. Was eben auch für unsere mediale und politische Intelligenzija zutrifft.
    Es gibt doch unser gutes altes Grundgesetz. Was wenn nicht dies liefert unserer Gesellschaft die ständig beschworenen "Werte"? Wert Nr. 1: Die Würde des Menschen.

    Gesunder Menschenverstand und wissenschaftliche Erkenntnis zeigen dass die Art und Weise wie in unserem Wirtschaftssystem mit Menschen umgegangen wird Würde und Glück großer Bevölkerungsgruppen systematisch beschädigt. Nämlich all derer die nicht zu den Cleveren und Begünstigten gehören, sondern derer die seit der Schröder-Ära sogar von den "Volksvertretern" öffentlich gedemütigt werden dürfen. Die von Unternehmen "ein- und ausgeatmet" werden (Originalton eines Jung-Unternehmers in einer Talkshow).
    Es stimmt was nicht im System. Wenn die Menschheit die nächsten 100 Jahre überlebt werden künftige Generationen auf unsere Zeit mit ähnlichem faszinierten Schauder zurückblicken wie wir auf die Feudalzeit. Viele (nämlich die Profiteure) tun so als ob der Status Quo der Gipfel der Zivilisation sei und Sachzwänge jede Veränderung verbieten. Ich glaube aber dass die Kernidee des Sozialismus eine Wiedergeburt erfahren muss und wird. Wenn dadurch die Würde jedes Menschen sicher gestellt wird wäre das mal echter Fortschritt.

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  • Quelle DIE ZEIT, 20.05.2010 Nr. 21
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