Kolumbien Ein Pater gegen das Kokainland
Damals war Javier Hiraldo 17 Jahre alt. Im September 1962, als Papst Johannes XXIII. beschrieb, was Kirche sein müsste: »particolamente la Chiesa de poveri«, vor allem eine Kirche der Armen. Tausende Priester, Ordensfrauen und pastorale Helfer ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie zogen hinaus in die communidas de base , die christlichen Basisgemeinschaften Lateinamerikas, des einzigen rundum katholischen Kontinents der Erde. Lateinamerikas Diktatoren zahlten es ihnen wenig später heim, vertrieben, folterten und ermordeten Hunderte derer, die das Diesseits vom Elend befreien wollten. Wer blieb, wurde oft zum einzigen Glaubensanker in den von Warlords, Militärs und Rebellen misshandelten Gemeinden.
Javier Hiraldo folgt heute diesem Erbe und setzt den Mut über die Verzweiflung. 65 Jahre ist er inzwischen alt und Jesuitenpater im Kokainland Kolumbien. Es dauert eine Weile, bis man sich vorstellen kann, dass gleich vier Generäle ein Killerkommando auf diesen schmächtigen, zerbrechlich wirkenden Priester angesetzt hatten – von den Todesdrohungen der rechten Paramilitärs gegen ihn ganz zu schweigen. Der Pater erzählt schon eine Weile, da betreten zwei Männer das Gartenlokal im Norden Bogotás und setzen sich an den Nachbartisch. Unser Gespräch scheint sie schnell zu interessieren.
Pater Javier berichtet mit unveränderter Stimme weiter von der Gemeinde San José, um die er sich seit Jahren kümmert. Sie liegt in einer waldigen Bergkette im Norden des Landes. Hiraldo stammt aus dieser Region unweit von Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. Der Rauschgiftkönig Pablo Escobar hatte sie einst zum gefährlichsten Ort der Welt gemacht, während dort ein Bekannter von ihm Karriere machte: Kolumbiens heutiger Präsident Álvaro Uribe. Für San José begann in den neunziger Jahren eine endlose Heimsuchung. Paramilitärs übernahmen das Gebiet. Die 17. Armeebrigade deckte sie, weil dort der Korridor für den Drogen- und Waffenschmuggel zur Pazifikküste verläuft. Um ihn kämpfen die rechten Privatarmeen ebenso wie die linken FARC-Rebellen. Hilflos gerieten die Bewohner von San José zwischen die Fronten, Mord und Vertreibungen ausgesetzt. Verzweifelt erklärten die Bauern den Ort mit seinen 1600 Seelen zu einer neutralen »Friedensgemeinde«. Die Militärs bombardierten den Flecken Erde, schnitten ihn von der Lebensmittelversorgung ab und massakrierten Bewohner – »Friedensgemeinde« bedeutete für sie Staatsverrat. Die Gemeinde bat Pater Hiraldo, eine Anklage auszuarbeiten.
Seit 13 Jahren verfasst der Jesuit nun schon Eingaben an alle politischen und juristischen Institutionen. Dabei ergeht es ihm bis heute ähnlich wie dem Helden im Roman Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt seines berühmten Landsmannes Gabriel García Márquez: Niemand hat dem Priester je geantwortet. Stattdessen erhielt er immer mehr Todesdrohungen, stattdessen wurden auch die Menschen in San José weiter bedroht. 2004 ließ ein Oberst mehrere Dörfler foltern. Als endlich gegen ihn ermittelt wurde, hatte sich der hochrangige Soldat ein sauberes Führungszeugnis erkauft, Zeugen bestochen, damit sie Aussagen zurücknahmen, und eine Verleumdungsklage angestrengt. Seither wurde der Priester Hiraldo permanent in die Hauptstadt Bogotá vorgeladen – wohl, um den Glauben und das Grundvertrauen seiner Gemeinde in ihn zu erschüttern. Am Ende hat Hiraldo zur Klage des Obersts einen langen Brief geschrieben: Ich werde, so teilte er dem Gericht sinngemäß mit, keiner Vorladung mehr Folge leisten, weil ich erfahren musste, dass es bei uns kein Recht gibt. Für meine Gemeinde bin ich bereit, ins Gefängnis zu gehen.
Am Nachbartisch im Gartenlokal stehen die zwei Männer auf und treten bedenklich nahe an den Pater heran. Der flüstert: »Ich kenne die nicht. Aber meine Mörder würden bestimmt nicht so lange warten.« Da verbeugt sich einer der beiden und sagt: »Danke, dass Sie den Mut haben, Ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Und dass Sie die Wahrheit über unser Land mit reinem Herzen einem Ausländer anvertrauen.«
- Datum 20.05.2010 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2010 Nr. 21
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