Lithium-Abbau Der Schatz im SalzseeSeite 6/6

Und warum ist das so schlimm?

»Weil der Verdunstungsprozess wegen des Regens mehr Zeit braucht«, sagt Steffen Haber. Mehr Zeit, das heißt: höhere Produktionskosten, doppelt so hoch, dreimal so hoch, schätzt Haber. Höhere Produktionskosten, das bedeutet: geringere Chancen auf dem Weltmarkt.

Der bisher größte Lithiumförderer der Welt ist der chilenische Konzern SQM. Im vergangenen Herbst senkte er überraschend seinen Verkaufspreis für Lithiumcarbonat. Obwohl der Konzern genug Kunden hatte. SQM verzichtete freiwillig auf Gewinn. Ein ökonomisches Rätsel, für das es eine einfache Erklärung gibt: Die Chilenen wollten den Bolivianern Angst einjagen. Sie demonstrierten den Batterieherstellern und Autokonzernen, wo es das günstigste Lithium gibt. »Kauft lieber bei uns, als in Bolivien zu investieren.« Das sollte es heißen.

Die Chilenen wollten den Bolivianern zeigen, wie stark sie sind.

Das Taxi hält, Steffen Haber steigt aus. Französische Straße, die Berliner Vertretung der Deutschen Telekom. Der Ort des Gipfeltreffens. Zwei Stunden lang werden Kanzlerin und Minister mit den Vorstandsvorsitzenden diskutieren. Angela Merkel wird darauf hinweisen, dass die Regierung im Rahmen des Konjunkturpakets II 500 Millionen Euro für die Förderung der Elektroautos ausgibt. Knapp die Hälfte der Zeit wird man über Batterien sprechen. Von Bolivien wird nicht die Rede sein.

Vielleicht noch nicht. In La Paz hatte der Bergbauminister Pimentel gesagt: »Das Problem der Erderwärmung ist ein globales Thema.« Er hätte auch sagen können: »Das Problem der Erderwärmung ist unsere große Hoffnung.« Wenn die Polkappen noch schneller schmelzen als erwartet, wenn Wirbelstürme durch Florida fegen und halb Holland im Meer zu versinken droht, dann wird der Druck auf die Autoindustrie weiter steigen. Und auf die Politik. Dann wird es bald nicht mehr ins Gewicht fallen, dass Elektroautos nach wie vor 10.000 oder 15.000 Euro mehr kosten als vergleichbare Benzinautos. Dann werden die Regierungen das ausgleichen, mit Elektroprämien statt Abwrackprämien. Dann wird die Welt mehr Stromautos brauchen, als irgendeiner der Vorstandsvorsitzenden auf dem Gipfeltreffen ahnt. Und noch mehr Lithium. Egal, zu welchen Bedingungen.

Die große ökologische Katastrophe ist Boliviens große Chance. Die Konzerne des Nordens brauchten den Rohstoff so dringend, dass ihnen José Antonio Pimentel in seinem kleinen Büro die Vertragskonditionen diktieren könnte. Die Bolivianer wären am Ende doch die Stärkeren.

Maritza Vallejo soll ihrem Land dabei helfen, Kraft zu gewinnen. Mit Overall und Wollmütze geschützt, steht sie mit ihren Arbeitern in der grellen Sonne am Salar de Uyuni. Mit einer Schneidemaschine reißen die Männer den Wüstenboden auf und zerteilen die Kruste in rechteckige Blöcke aus steinhartem Salz, die sie wie Ziegel einsetzen zum Bau von zehn Meter langen und zehn Meter breiten Wannen. Maritza Vallejo sagt: »Ich bin stolz, am bolivianischen Traum mitzuarbeiten.«

Der Bergbauminister Pimentel hat die Ingenieurin Vallejo an den südlichen Rand der Salzwüste geschickt. Sie soll dort eine Fabrik errichten und Lithiumcarbonat produzieren. Pimentel will den Konzernen aus dem Norden sagen können: Seht her, wir schaffen es zur Not auch ohne euch. Es würde seine Verhandlungsposition stärken. Genau wie die Arbeit zweier unabhängiger Professoren an der Universität von Potosí, Jaime Claros und Wolfgang Voigt von der Universität Freiberg, die die Schwächen des bolivianischen Lithiums im Wettbewerb der Anbieter kennen. Die beiden entwickeln sogenannte Eindampfkegel, die den Verdunstungsprozess des Lithiums beschleunigen sollen. Sie versuchen den Regen zu besiegen, die Kosten zu drücken. Sie wollen um den Schatz der Bolivianer kämpfen.

Abends, nach Stunden im gleißenden Salz, fahren Maritza Vallejo und ihre Arbeiter hinüber zu einem unverputzten Haus. Manchmal spielen sie noch Fußball auf dem staubigen Feld neben der Baustelle, aus der einmal eine Lithiumfabrik werden soll. Bisher stehen nur ein paar Büroräume und die Schlafsäle für Maritza Vallejo und die Arbeiter. Für mehr Zukunft fehlt das Geld. Sie greifen an, aber mit ziemlich kleinen Schritten.

Im Norden mögen sie spöttisch darauf schauen, wie der Süden auf die eigene Stärke hofft, in Bolivien aber sitzt der Minister Pimentel in seinem Büro hoch über La Paz und formuliert trotzig einen Satz, der aus nur fünf Wörtern besteht und doch die Entschlossenheit einer ganzen Nation beschreibt. Einer Nation, die nicht noch einmal zulassen will, dass andere ihren Schatz ausbeuten. »Potosí wird sich nicht wiederholen«, lautet der Satz des Ministers. Nur darauf kommt es an.

Ein Knopfdruck, und ein Foto von Dieter Zetsche erscheint. Zetsche lacht. Neben ihm steht ein schwarzhaariger Mann. Er sieht arabisch aus. Zetsche schüttelt ihm die Hand.

Noch ein Knopfdruck, Thomas Bayreuther lässt das Bild des Daimler-Chefs von der Leinwand verschwinden. Er sagt: »Die Vereinigten Arabischen Emirate wissen nicht, wie lange das Öl noch reicht, deshalb haben sie in Daimler investiert, mit der Vorgabe, dass Daimler Elektroautos baut.« Dann fügt er an: »Das sagt doch alles.«

Bayreuther, schwarzer Anzug, schwarze Brille, steht in einem Konferenzraum in Stuttgart. Auf den Stühlen sitzen Vermögensverwalter. Ihr Beruf ist es, das Geld reicher Leute anzulegen. Sie sind auf der Suche nach Wertpapieren, die Rendite bringen. Eine Privatbank hat sie eingeladen, sich Bayreuthers Vortrag anzuhören.

Bayreuther ist vierzig Jahre alt. Er war Aktienhändler in Frankfurt, in London, in München. Den Lesern des Magazins Focus Money erklärte er jahrelang, wie er sein Geld investieren würde. Sein Musterdepot erzielte eine Rendite von 29 Prozent, pro Jahr. Heute leitet er ein eigenes Finanzunternehmen. Er hat einen Fonds aufgelegt, der nur in Unternehmen investiert, die an Elektroautos verdienen. Lithiumförderer, Batteriehersteller, Autobauer. Future Mobility hat er ihn genannt. Mobilität der Zukunft.

Noch haben die Anleger Bayreuthers Fonds nicht entdeckt. Noch verdienen die Autobauer ihr Geld mit Verbrennungsmotoren. Doch wenn die Zukunft tatsächlich elektrisch fährt, dann wird Thomas Bayreuther dafür sorgen, dass nicht nur Autokonzerne und Batteriehersteller davon profitieren. Sondern auch private Anleger, die genug Geld übrig haben, um es investieren. Weit weg von der Salzwüste Boliviens könnte das Lithium am Ende viele reiche Leute noch reicher machen.

Obwohl sie den Schatz im Salar de Uyuni nie besessen haben.

 
Leser-Kommentare
  1. ... unfassbar reich.

    Und das ohne die eigene Produktion von Autos oder Verbrennungsmotoren, sondern mit dem Verkauf von Öl und Benzin.

    Darüber hinaus wollen nicht nur alle Industriestaaten das Lithium... sondern wie es im Artikel schon erwähnt wurde, auch alle Länder mit Lithium-Vorkommen wollen das Geld der Industriestaaten.

    Dazu kommt der Joker: China

    Dieses hat selbst große Lithium-Vorkommen (v.a. in Tibet) und hat die Bedeutung des E-Antriebs wie kein anderes Land erkannt.

    Selbst ohne bolivisches Lithium wäre die Zukunft der E-Mobilität also erst mal auf Jahrzehnte hin gesichert.

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    Ich wundere mich, dass bei einer Angelegenheit von dieser Tragweite die faktische Datenbasis - also eine detaillierte Kenntnis der vermeintlichen Vorräte - eine so geringe Rolle spielt.
    Die als Quelle herangezogene "Berechnung" des US Geological Survey für das Jahr 2009 gibt die für Bolivien ausgewiesenen 5,4 Millionen Tonnen in der am wenigsten gesicherten Rubrik (Reserve base) an (Quelle: USGS Mineral Commodity Summaries). In dieser jährlich aktualisierten Zusammenstellung wurde Bolivien für das Jahr 2010 sogar mit 9 Millionen Tonnen in der Rubrik "Resources" aufgeführt, aber "Resources" sind eben keine zuverlässigen Angaben (die heißen "Reserves" ohne "base"!), sondern oftmals nur grobe Schätzungen, die teilweise auf wenigen Bohrungen basieren.

    Ich wundere mich, dass bei einer Angelegenheit von dieser Tragweite die faktische Datenbasis - also eine detaillierte Kenntnis der vermeintlichen Vorräte - eine so geringe Rolle spielt.
    Die als Quelle herangezogene "Berechnung" des US Geological Survey für das Jahr 2009 gibt die für Bolivien ausgewiesenen 5,4 Millionen Tonnen in der am wenigsten gesicherten Rubrik (Reserve base) an (Quelle: USGS Mineral Commodity Summaries). In dieser jährlich aktualisierten Zusammenstellung wurde Bolivien für das Jahr 2010 sogar mit 9 Millionen Tonnen in der Rubrik "Resources" aufgeführt, aber "Resources" sind eben keine zuverlässigen Angaben (die heißen "Reserves" ohne "base"!), sondern oftmals nur grobe Schätzungen, die teilweise auf wenigen Bohrungen basieren.

    • gufre
    • 25.05.2010 um 11:24 Uhr

    Erst wenn die Sahara mit Solaranlagen vollgestellt ist, kann man von sauberer Fortbewegung sprechen und ein Auto mit einem Fahrrad vergleichen, denn bisher kommmt viel zu viel Strom aus nicht erneuerbaren Quellen.

  2. Es deutet vieles darauf hin das nicht das Klima die Autohersteller dazu bringt in Elektromobilität zu investieren sondern die langsam aber sicher schwindenden Erdölvorräte.Bei mittlerweile 6,5 Millarden Menschen auf der Erde ,die ohne Petrochemikalien nicht in dem Umfang ernährt werden können ,stellt sich die Frage wofür wird das bis jetzt noch verbliebene Erdöl verwendet.Wäre es nicht besser das zwei Liter Auto wieder aus der Schublade zu hohlen um das Erdöl langsamer zu verbrauchen und Zeit zu gewinnen für echte Alternativen..Da Lithium auch nicht unbegrenzt zu Verfügung steht ist die Kostensteigerung für den Rohstoff und die verteuerung der Autos schon absehbar.

    • Mikoss
    • 25.05.2010 um 11:46 Uhr

    Bei geschätzten 500 Mio Pkw weltweit entfallen von den 5,4 Mio Tonnen Lithium genau

    11 Kilogramm

    auf ein Fahrzeug. Das wird also nicht reichen, von den Nutzfahrzeugen mal ganz abgesehen.

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    ... denn obwohl Sie offenbar wenigstens die Grundrechenarten demonstrieren können, scheinen Sie nicht zu wissen, was man so alles aus 11kg Lithium machen kann.

    Gegenwärtige LiCo-Akkus benötigen ca. 0,14kg Lithium pro kWh... macht also einen Akku mit ca. 78kWh. So einen fetten Akku hat nicht mal der Tesla Roadster mit seinen 250PS.

    Verwendet man hingegen LiFePO4-Akkus die nur ca. 0,08g/kWh benötigen, kommt man schon auf 137kWh.

    Es reicht also locker.

    Überdies sind Nutzfahrzeuge ohnehin Kandidaten für den Antrieb mittels Brennstoffzelle und nicht mittels Monster-Akku.

    Genau so dürfte bei den PKW alleine aufgrund der Akkukosten heute und in Zukunft der plugin Voll-Hybride mit einem relativ kleinen Akku von nur ca. 10-20kWh das Groß der E-Mobility ausmachen.

    ... denn obwohl Sie offenbar wenigstens die Grundrechenarten demonstrieren können, scheinen Sie nicht zu wissen, was man so alles aus 11kg Lithium machen kann.

    Gegenwärtige LiCo-Akkus benötigen ca. 0,14kg Lithium pro kWh... macht also einen Akku mit ca. 78kWh. So einen fetten Akku hat nicht mal der Tesla Roadster mit seinen 250PS.

    Verwendet man hingegen LiFePO4-Akkus die nur ca. 0,08g/kWh benötigen, kommt man schon auf 137kWh.

    Es reicht also locker.

    Überdies sind Nutzfahrzeuge ohnehin Kandidaten für den Antrieb mittels Brennstoffzelle und nicht mittels Monster-Akku.

    Genau so dürfte bei den PKW alleine aufgrund der Akkukosten heute und in Zukunft der plugin Voll-Hybride mit einem relativ kleinen Akku von nur ca. 10-20kWh das Groß der E-Mobility ausmachen.

    • Mikoss
    • 25.05.2010 um 12:17 Uhr

    Genau das wollte ich wissen, vielen Dank für den aufmerksamen Kommentar.

    Warum steht das nicht im Artikel?

    Ganz einfach: weil erst mal lang und breit die Schuldkomplexe einer neurotisch zusammenwachsenden Weltgemeinschaft besprochen werden müssen.

    Was die Frage des Reichtums für Bolivien angeht: die kann man bei einer schleichend ansteigenden Nachfrage, in direkter Konkurrenz zu China wohl vergessen. Arme Salzschaber!

  3. um die sehr interessante und einmalige Landschaft in Uyuni. Das Geld, welches womöglich erwirtschaftet wird verschwindet irgendwie in dunkle Kanäle. Plötzlicher Geldsegen kann unsagbaren Schaden anrichten, siehe Nigeria.

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    • sauce
    • 25.05.2010 um 19:00 Uhr

    Ich finde den Salar de Uyuni auch atemberaubend schön.
    Es aber zu bedauern, wenn das ärmste Land Lateinamerikas jetzt (endlich) eine Chance erhält sich aus der Abhängigkeit von den Wirtschaftsnationen zu befreien (ob das so klappt wie geplant steht auf einem anderen Blatt , ich wünsche es den Bolivianern) ist sehr überheblich ...... und kann so nur aus der Feder/aus dem Mund eines satten "Erstweltlers" kommen.

    • sauce
    • 25.05.2010 um 19:00 Uhr

    Ich finde den Salar de Uyuni auch atemberaubend schön.
    Es aber zu bedauern, wenn das ärmste Land Lateinamerikas jetzt (endlich) eine Chance erhält sich aus der Abhängigkeit von den Wirtschaftsnationen zu befreien (ob das so klappt wie geplant steht auf einem anderen Blatt , ich wünsche es den Bolivianern) ist sehr überheblich ...... und kann so nur aus der Feder/aus dem Mund eines satten "Erstweltlers" kommen.

  4. "Saubere Energie" - kicher! Der Strom kommt doch wohl zum Großteil aus Kohlekraftwerken und Atomdummkraftwerken? Besser wäre: sein Leben so einrichten, dass man weniger fahren muss.

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