Kräutertee Die Beutel der Sehnsucht

Früher sicherte die Heilwirkung einem Kräutertee seinen Stammplatz im Haushalt. Heute erfinden Marketingexperten laufend neue Sorten: "Heiße Liebe", "Kleine Sünde", "Pure Lust". Pfefferminze, wo bist du?

Seit dem 18. Jahrhundert werden in Deutschland auch Früchtetees und Aufgüsse aus Kräutern als "Tee" bezeichnet

Seit dem 18. Jahrhundert werden in Deutschland auch Früchtetees und Aufgüsse aus Kräutern als "Tee" bezeichnet

Zur Grundausstattung eines deutschen Lebens gehört die Pflanze Mentha x piperita. Das bestätigt jede Umfrage im kleinen Kreis. Dieser Lippenblütler ist zwar selten als lebendige Staude im Haushaltskosmos präsent (außer in den Buden ambitionierter Mojito-Trinker). Doch in der handelsüblichen Form – pro Schachtel 25 Beutel à 2 Gramm geschreddertes Kraut – findet man ihn beim Stöbern in jeder Küche.

Trotzdem ist die Pfefferminze eine Ausnahme. Denn Pfefferminze hat, anders als die meisten traditionellen Kräuterteepflanzen, kein Marketingproblem. Da sie ewig des Deutschen liebstes Heilkraut bleiben wird – zur Pflege der Funktionen von Magen, Darm und Galle –, steht sie auch in hundert Jahren noch als Pfefferminztee im Regal. Die Pfefferminze hat nämlich einen Namen, der für sich selbst spricht. Sie ist eine brand – und deshalb sicher vor den hibbeligen Marketingexperten der Lebensmittelbranche, die der Zwang zur Neulancierung von Produkten plagt wie Harndrang.

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Diese Spezialisten des Wachstums haben das Marktsegment des Beuteltees umgekrempelt. Nicht so massiv, dass es keinen Pfefferminztee mehr gäbe. Aber so massiv, dass man ihn nicht mehr findet.

Das einst überschaubare Beutelkräutertee-Business ist ein unübersichtlicher Dschungel geworden. Früher waren da neben Minze noch Kamille, Hagebutte, Lindenblüte, Fenchel. Heute aber: eine Artenvielfalt wie auf Madagaskar. Dies einerseits, weil die Fülle der Grundsorten zugenommen hat – Grüntee, Rooibos, Mate drängten ins Regal. Andererseits, weil das Marketing gelernt hat, dass etwa die Hagebutte an sich heute keinen Menschen (außer mir) mehr lockt. Aber die billige Hagebutte bringt Rendite, sobald sie versteckt im artenreichen Kräuterteedschungel wuchert.

Die Düsseldorfer Firma Teekanne hat sie in fast jeden Beutel ihrer Premiumsorten hineingestopft, ohne dass man sie sieht. Als diskrete Ingredienz steckt sie im "Sweet Kiss", im "Frechen Flirt" und in der "Heißen Liebe". Keine "Kleine Sünde" kommt in die Tasse ohne Hagebutte, keine "Pure Lust". Auch wer "Herzkirsche", "Himmelsbeere" oder "Liebesfrucht" schlürft, trinkt unter anderem Hagebutte. Bestimmt wird auch die Produktlinie "Harmonie für Körper und Seele" vollständig von Menschen weggetrunken, die keinen Hagebuttentee trinken möchten. Trotzdem tun sie es, wenn sie "Einfach schön" von Teekanne aufgießen. "Hüttentraum", "Papaya de Tropica", "Mara de Cuja" – alles Hagebuttentee.

Leser-Kommentare
    • 42317
    • 11.06.2010 um 9:17 Uhr

    Ich trinke seit jeher schwarzen Tee, und die einzige Veränderung die bei mir im Laufe der Zeit eingetreten ist, ist die Beimischung von etwas Zitrone ins Getränk. Diese ganzen "hippen" Früchtemischungen schmecken nach meinem Empfinden, als sei bei BASF ein Reagenzglas in der Kantine in den falschen Topf gefallen.

  1. Klar doch, die Teebeutel sind ja auch immer voller geworden? (Kleiner Hinweis: Es ist weniger Heilkraut und mehr sonstwas im Beutel)
    Aber Hauptsache man fühlt sich hipp und "diskret".
    Und seltsam, wer sonst bei Zusatstoffen Hilfe schreit schüttelt die Oasen der Aromastoffe in sich rein, als wären die das Elixier des Lebens.

  2. steht seit Jahren ein Kübel, in dem die Minze lustig und fleissig vor sich hin wächst... Das reinste Unkraut! ;-)

    • sauce
    • 12.06.2010 um 17:02 Uhr

    Solange die Mischungen ohne die fiesen Aromastoffe auskommen, ist es ja nicht so schlimm wenn verschiedene Kräuter gemischt werden - man sollte allerdings nicht glauben, daß sich das Leben oder das Spiegelbild ändert nur weil man "Streßfrei" oder "bezaubernde Schönheit" in Beutelform erwirbt.
    Manche Mischungen (ohne Aromastoff) sind aufgrund der guten Zusammenstellung wirklich schmackhaft.
    Wer einen Balkon und ein gut ausgestattetes Gewürzschränkchen hat, kann sich aber auch selber nette Mischungen basteln.... Minze und Lemongrass mit ein bißchen Verbene schmeckt im Sommer heiß der kalt getrunken wunderbar erfrischend - bißchen Phantasie ersetzt 30 Regalmeter Supermarkt ;)

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  • Quelle DIE ZEIT, 20.05.2010 Nr. 21
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