Europa Wir brauchen Europa!
Die neue Hartleibigkeit: Ist uns die gemeinsame Zukunft schon gleichgültig geworden?
Schicksalstage: Der Westen feiert am 8., Russland am 9. Mai den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland – auch bei uns sind es im offiziellen Sprachgebrauch »Tage der Befreiung«. In diesem Jahr marschierten die Streitkräfte der Kriegskoalition gegen Deutschland (auch mit einer polnischen Einheit) gemeinsam zur Siegesparade auf. Auf dem Roten Platz in Moskau stand Angela Merkel unmittelbar neben Putin. Ihre Gegenwart bekräftigte den Geist eines »neuen« Deutschlands: Die nachkriegsdeutschen Generationen haben nicht vergessen, dass sie auch von der russischen Armee – und von ihr unter den größten Opfern – befreit worden sind.
Die Kanzlerin kam aus Brüssel, wo sie in einer ganz anderen Rolle einer Niederlage der ganz anderen Art beigewohnt hatte. Das Bild von jener Pressekonferenz, auf der die Entscheidung der EU-Regierungschefs über einen gemeinsamen Rettungsfonds für den angeschlagenen Euro bekannt gemacht wurde, verrät die verkrampfte Mentalität nicht des neuen, sondern des heutigen Deutschlands. Das knirschende Foto hält die versteinerten Gesichter von Merkel und Sarkozy fest – abgekämpfte Regierungschefs, die sich nichts mehr zu sagen hatten. Wird es zum ikonografischen Dokument des Scheiterns einer Vision, die über ein halbes Jahrhundert die europäische Nachkriegsgeschichte geprägt hat?
Während sie in Moskau ganz im Schatten der alten Bundesrepublik stand, hatte Merkel an diesem 8. Mai in Brüssel den wochenlangen Kampf der beinharten Lobbyisten für die nationalen Interessen des wirtschaftlich stärksten Mitgliedstaates hinter sich. Mit Appellen an das Vorbild deutscher Haushaltsdisziplin hatte sie ein gemeinsames Handeln der Union, das die Kreditwürdigkeit Griechenlands gegen eine auf Staatsbankrott abzielende Spekulation rechtzeitig gestützt hätte, blockiert. Wirkungslose Absichtserklärungen hatten ein gemeinsames präventives Handeln verhindert. Griechenland als Einzelfall.
Erst nach dem jüngsten Börsenschock hatte die Kanzlerin tonlos eingelenkt, mürbe gemacht durch die kollektive Seelenmassage des Präsidenten der Vereinigten Staaten, des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank. Aus Furcht vor den Massenvernichtungswaffen der Boulevardpresse schien sie den Blick für die Durchschlagskraft der Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte verloren zu haben. Sie wollte partout keine Euro-Zone, von der der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in den nächsten Tagen sagen würde: Wer die wirtschaftspolitische Einigung nicht wolle, müsse auch die Währungsunion vergessen.
Inzwischen dämmert allen Beteiligten die Tragweite der Brüsseler Entscheidung vom 8.Mai 2010. Die neudeutsche Bildersprache, in der wir pausenlos Rettungsschirme aufspannen und Rettungspakete schnüren, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die über Nacht getroffenen Notmaßnahmen für den Euro andere Konsequenzen haben als alle bisherigen bail outs. Weil die Kommission nun für die Europäische Union als ganze Kredite am Markt aufnimmt, ist dieser »Krisenmechanismus« ein »Gemeinschaftsinstrument«, das die Geschäftsgrundlage der Europäischen Union verändert.
Die Tatsache, dass die Steuerzahler der Euro-Zone fortan gemeinsam für die Haushaltsrisiken der jeweils anderen Mitgliedstaaten haften, bedeutet einen Paradigmenwechsel. Damit kommt ein lange verdrängtes Problem zu Bewusstsein. Die zur Staatenkrise ausgeweitete Finanzkrise erinnert an den Geburtsfehler einer unvollendeten, auf halbem Wege stecken gebliebenen politischen Union. In einem Wirtschaftsraum von kontinentalem Ausmaß und riesiger Bevölkerungszahl ist ein gemeinsamer Markt mit teilweise gemeinsamer Währung entstanden, ohne dass auf europäischer Ebene Kompetenzen eingerichtet worden wären, mit denen die Wirtschaftspolitiken der Mitgliedstaaten wirksam koordiniert werden könnten.
Heute kann niemand mehr die Forderung des IWF-Präsidenten nach einer »europäischen Wirtschaftsregierung« als unvernünftig vom Tisch fegen. Die Modellvorstellungen einer »regelkonformen« Wirtschaftspolitik und eines »disziplinierten« Haushaltens nach Vorgaben des Stabilitätspaktes werden dem Erfordernis einer flexiblen Anpassung an schnell wechselnde politische Konstellationen nicht gerecht. Natürlich müssen die nationalen Haushalte saniert werden. Aber es geht doch nicht nur um griechische »Schummeleien« und um spanische »Wohlstandsillusionen«, sondern um eine wirtschaftspolitische Angleichung der Entwicklungsniveaus innerhalb eines Währungsgebietes mit heterogenen Volkswirtschaften. Der Stabilitätspakt, den Frankreich und Deutschland 2005 selbst außer Kraft setzen mussten, ist zum Fetisch geworden. Eine Verstärkung der Sanktionen wird nicht genügen, um die unerwünschten Folgen einer gewollten Asymmetrie zwischen der vollständigen ökonomischen und der unvollständigen politischen Einigung Europas auszubalancieren.
- Datum 08.10.2012 - 11:48 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2010 Nr. 21
- Kommentare 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Das in die Augen springende Versagen des Parlaments, sich eine formale Hauptrolle bereits
im Vorfeld von Vertragsabschlüssen und nicht erst im nachhinein bei
den Vetragsergänzungen zu sichern, wie es den nationalen Parlamenten mit Artikel 48 des Lissabonervertrags gelungen ist, reflektiert die Faktenlage und das wirkliche Macht- und Kräfteverhältnis, dass es tatsächlich
die Mitgliedsstaaten sind, welche Verträge eingehen und die Mitgliedsstaaten nicht beabsichtigen, ihre Vorrechte
in Zukunft aufzugeben. Das EP wird in absehbarer Zeit von sich aus Verträge noch nicht beginnen können, weil die Mitgliedsstaaten die Oberhoheit bei Verträgen behalten wollen. Die Mitgliedsstaaten sind
nicht bereit, diese Befugnis der Vertragssetzungszuständigkeit mit dem EP zu teilen, obschon
dies das Europäische Parlament in seiner Resolution vom
19. November 1997 verlangt hatte.
Verschwunden ist die nervöse Bereitschaft eines auch moralisch besiegten <
Ich (Jahrgang 1952) fühlte mich noch nie moralisch besiegt und lehne es auch ab, den Goldesel für die anderen Europäer zu spielen.
Die Einführung des Euro war von vielen als Desaster vorausgesagt worden.
Deutschlands Politikern fehlte es eindeutig an Durchblick und Intelligenz.
90 % Zustimmung zum Euro und mehr im Bundestag und dann dies Desaster.
Da verliert man doch den Glauben an die parlamentarische Demokratie.
Übrigens im März 1933 verabschiedete der deutsche Reichstag das Ermächigungsgesetz. Das war auch so ein Desaster.
Der erste Bundespräsident (Heuss) hatte auch zugestimmt.
Ich möchte mich bei Prof. Habermas für seinen Beitrag zu einer "Rück-Wendung" auf das Wesentliche bedanken. Für eine demokratische Willensbildung der Staatsbürger und gegen Meinungen von "Leuten".
Wir brauchen und leben vom bunten Europa, wie wir es bis zum Jahr 2002 kennengelernt haben, Was wir aber absolut nicht brauchen, das ist der mittlerweile entwickelte
EU-dSSR - Moloch Brüssel, der aus selbstherrlichen Selbstversorgern und Apparatschicks besteht, die die Länder und Bürger der Union gängeln und trietzen und auf deutsche Kosten unterhalten wollen.
.
Die als Zentralkommittee fungierende EU-Kommission braucht dringend einen Gorbatschow, der hier mal Perestroika und Glasnost reinbringt und uns von diesen elenden Volkserziehern befreit.
Diese pseudoelitäre Schreibe mit Ingredientien aus Politologie, Betriebswissenschaft und Lyrik ist überholt. Frau Dönhoff könnte sie vielleicht noch goutiert haben. Der penetrant erhobene, 3 Meter lange Zeigefinger des Autors ist albern. Oberstudienrätliche Belehrungen sind in der ZEIT zwar kein Fremdkörper - um es zurückhaltend auszudrücken - aber hier wird einfach zu dick aufgetragen.
Der Autor mag seine Meriten haben, aber weder die eingegangenen halsbrecherischen Haftungsrisiken und Zahlungsverpflichtungen Deutschlands noch die Zeitläufte erlauben es, derlei Gesäusel als Beitrag zur Realpolitik zu anzusehen.
was vielleicht hier entbehrlich ist, ist eine Kategorie von Kommentaren, die auf keinen Argumenten basieren.
was vielleicht hier entbehrlich ist, ist eine Kategorie von Kommentaren, die auf keinen Argumenten basieren.
Heute dominiert der private und der nationale Egoismus. Unter den Eliten ist die Angst ausgebrochen, dass sie mit etwas Verzögerung unter der asiatischen Emsigkeit begraben werden, wie die Hartzer schon seit einigen Jahren von der grassierenden Automation in Heim, Hof und Werk.
Es ist die blanke Überlebensangst, die ihre Krallen und Ellbogen in Politik und Wirtschaft ausgefahren hat.
Europa - dass ich nicht lache - wer die anderen nicht in die Knie zwingt, ist bald selber unten. Es herrscht Wettbewerb. Die Zeiten, als Sozialpädagogen die Perspektive vorgaben, sind vorbei. Heute regiert der unbestechlich kalkulierende Geist der Wirtschaftswissenschaften.
Wenn eine Bank das Risikospiel übertreibt und nicht groß genug ist, selber schuld. Wenn ein Land seine Banken freikauft und die Zeche nicht selber bezahlen kann, geht wenn es den Euro hat. Wer sich verrechnet, trägt die Konsequenzen selber und kann sie nicht auf den Steuerbürger umlegen. So einfach ist das.
was vielleicht hier entbehrlich ist, ist eine Kategorie von Kommentaren, die auf keinen Argumenten basieren.
''Das ist schön bei den Deutschen und Europäern:
Keiner ist so verrückt, daß er nicht noch einen
Verrückteren fände, der ihm glaubt und zu ver-
stehen meint.''
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren