Expo 2010 Der Schausteller

Lutz Engelke hat mit seiner Berliner Firma einen besonders provozierenden Pavillon für die Expo in Shanghai entworfen

Der beleuchtete China-Pavillon bei der Eröffnung der Expo in Shanghai

Der beleuchtete China-Pavillon bei der Eröffnung der Expo in Shanghai

Im nächtlichen Schein der Megametropole Shanghai wirkt Lutz Engelkes Gesicht ein wenig blass. Und doch strahlt er. Vor Lebenskraft und auch wegen des vielen Champagners. Er steht auf der Dachterrasse des Mansion Hotel in Shanghai, des ältesten, kolonialen Boutique-Hotels der Stadt. Es ist seine Geburtstagsfeier, er ist 54 geworden.

Engelke trägt einen braun gestreiften Anzug und ein schwarzes Hemd. Die Haare sind kurz geschoren, die Brille ist oben schwarzkantig und unten randlos. Er will sich wohl irgendwo zwischen Manager und Dandy positionieren. Vielseitig, verschmitzt, klug, rheinisch locker – aber nicht so locker, dass irgendeiner auf die Idee kommen könnte, er sei nicht ernst zu nehmen.

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Agentur Triad

Der Pavillon auf der Expo in Shanghai ist Triads erstes großes internationales Projekt. Die Kommunikationsagentur wird 1994 von Lutz Engelke und Volker Klingenburg gegründet. Zum Konzeptteam gehören neben anderen der Controller Stefan Kleßmann, die Produktionschefin Gabriele Karau, die Architektin Ulrike Koller und Stefan Richter, der die Konzeptstrategie entwickelt, sowie der Künstler Andreas Pinkow. Man spezialisiert sich auf Multimediaevents.

Projekte

Die Ausstellung »Der Traum vom Sehen – Zeitalter der Television im Gasometer« in Oberhausen wird gleich ein Erfolg. Sie ist 1997 die erfolgreichste Schau nach der Kasseler Documenta. Es folgen ein Pavillon für die Bertelsmann AG auf der Expo in Hannover und die Schau »Happy End – Auf den Spuren des Glücks« für die Schweizer Nationalausstellung in Biel. Triad gestaltete das Deutsche Zollmuseum in Hamburg und das Dr.-Oetker-Museum in Bielefeld. Als Nächstes werden Engelke und seine Truppe das Deutsche Fußballmuseum konzipieren. Derzeit hat das Unternehmen rund 100 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von 15 Millionen Euro.

»Manchmal muss man in die Vergangenheit zurückkehren, um die Zukunft besser erfassen zu können«, sagt Engelke feierlich zu seinen Gästen. Er klingt, als wolle er sich selbst zur Ordnung rufen. Denn Engelke prescht gerne vor und lässt dann alles hinter sich zurück.

Der Unternehmer hat mit seiner kleinen Firma Triad einen der Höhepunkte der Expo geschaffen. Die größte Weltausstellung, die es je gab, wurde Anfang des Monats ein paar Kilometer flussaufwärts am Huangpu, dem breiten, schmutzigen Fluss, eröffnet.

Triad hat den chinesischen Themenpavillon »Urban Planet« entworfen. 150 Firmen hatten sich um das 30-Millionen-Euro-Projekt beworben, darunter Giganten wie Disney. Doch der Zuschlag ging nach Berlin, in die Marburger Straße 3.

Am Mittwoch, dem Deutschlandtag der Expo, bekam Engelke in seinem Pavillon Besuch von Bundespräsident Horst Köhler. Engelke ist stolz. Er möchte einer von denen sein, die neue Gedanken ins Establishment tragen. »Ich bin ein Kind des Poststrukturalismus«, sagt er, wie andere sagen würden: Ich bin der Geschäftsführer.

Wenn poststrukturalistisch bedeutet, mehr Wert auf eine Haltung als auf eine Theorie zu legen, dann ist Engelke seinem Anspruch gerecht geworden. Ihm ist es wie sonst niemandem auf der Expo gelungen, spektakuläre Unterhaltung mit einem nüchternen, sehr kritischen Blick auf die Welt zu verbinden.

Noch nie wurden die Umweltsünden des urbanen Lebens in einer großen Ausstellung in China so drastisch dargestellt. Die Riesenleinwand mit dem kristallklaren Wasser, das sich plötzlich in eine so schwarze Kloake verwandelt, dass der Raum sich verdunkelt, gehört ebenso dazu wie der Wohlstandsmüll in Kunstharz. Oder die Trichter mit Bodenschätzen und den Aufschriften: Noch 59 Jahre Uran. 45 Jahre Kohle. Noch 60 Jahre Naturgas. Bilder, die im Gedächtnis bleiben.

Der Gang durch die »Straße der Krise« (Engelke) ist wie eine Geisterbahnfahrt der urbanen Sünden – bis sich die Enge plötzlich öffnet: Der Ausstellungswanderer blickt auf eine gigantische Weltkugel von 32 Meter Durchmesser, blau strahlend mit blütenweißen Wolken, die sich plötzlich in eine brüchige Dürrelandschaft verwandelt. Die Erde erzählt ihre Geschichte. Brutal und poetisch zugleich, unterlegt von eigens dafür komponierter Musik, gesungen vom Hanns-Eisler-Chor der Musikhochschule Berlin.

Die »Straße der Lösungen« schließt sich an. Bosch, Daimler und DHL zeigen ihre neusten Entwicklungen. Zum Schluss schauen die Besucher hinauf in eine riesige Filmkuppel. 5000 Jahre Zivilisation rauschen vorbei. »Vom Urwald in den Konsumrausch der Hochindustrialisierung, von dort über den drohenden Kollaps in eine ökologisch lebenswerte Zukunft«, so beschreibt Engelke den Film. Schockiert verlässt man den Pavillon und doch nicht ohne Hoffnung.

»Unsere Auftraggeber waren an fast jeder Stelle skeptisch«, sagt Engelke über die Damen und Herren des chinesischen Expo-Organisationskomitees. »Aber ich habe immer wieder betont, dass es nicht darum geht, China bloßzustellen, sondern um globale Probleme.« Sie ließen sein Team gewähren: »Das war mutig von unseren Partnern.«

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