Expo 2010 Der Schausteller
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Darf man PR für eine Diktatur machen? »So wie wir – ja«

Mit 15 schmeißt er die Schule, ein paar Jahre später studiert er Medizin

Der Expo-Pavillon ist ein neuer Markstein auf einem langen und keineswegs geradlinigen Lebensweg. Eltern und Weggefährten hatten es nicht leicht mit Lutz Engelke: Er neigt dazu, Haken zu schlagen. Mit 15 schmeißt er die Schule, um Schlagzeug in einer Punkband zu spielen. Er nennt sich Marxist und absolviert eine Klempnerlehre, dann macht er doch das Abitur nach und wird Krankenpfleger. Anschließend beginnt er so ernsthaft Medizin zu studieren, dass sein erleichterter Vater, ein mittelständischer Unternehmer, ihm in seiner Heimatstadt Dinslaken ein Haus mit einer Praxis darin kauft. Aber nach einem Semester stellt Engelke fest, dass er nicht sein »ganzes Leben mit Kranken arbeiten kann«. Er bricht sein Medizinstudium ab und studiert Psychologie, Literatur und Publizistik in Berlin. Er bekommt ein Fulbright-Stipendium und geht nach New York an die Cornell University. Dort will er promovieren. Er hat eine amerikanische Frau kennengelernt, die er heiraten möchte.

Doch dann fällt in Berlin die Mauer. Die politischen Räume in Deutschland scheinen mit einem Mal weit offen. Engelke mag nun weder heiraten noch sich in universitäre Theorien vergraben. Er will in diesen historischen Zeiten Politik machen – und wird 1990 Pressesprecher des Berliner Senats. 1993 wird von ihm verlangt, in die SPD einzutreten. »Das habe ich nicht übers Herz gebracht.«

Engelke schmeißt hin und sucht nach einer neuen Herausforderung. Als er einen jüdischen Iren mit der größten Fernsehgerätesammlung der Welt trifft, weiß er, was er machen will: moderne Ausstellungen mit künstlerischen Multimediakonzepten. Zuerst eine über Sehgewohnheiten im Fernsehzeitalter.

»Mein Vater sagte, ich gebe dir Geld, aber nur, wenn du dir einen Kaufmann mit reinnimmst.« Engelke ruft seinen alten Freund Volker Klingenburg an. Der hat in den Achtzigern eine der ersten Fahrradkurierfirmen gegründet, war Spediteur und hat für den Raffineriebauer Lurgi gearbeitet. Gemeinsam schaffen sie es, ein Unternehmen aufzubauen, das heute um die 100 Mitarbeiter hat.

Es ist der Morgen nach Engelkes Geburtstag, im 46. Stock des Pullman Shanghai Hotel, mit Blick über die Expo auf der anderen Seite des Flusses. Das Licht ist gleißend hell. Klingenburg und Engelke sind keine Morgenmenschen. Engelke isst zwei Spiegeleier. Klingenburg zerlegt eine Riesenpapaya. »Deine fetten Eier gehen sofort ins Blut«, murmelt Klingenburg. »Deine Papaya riecht«, antwortet Engelke. Seine Frau Anne Heine-Engelke, die mit am Tisch sitzt und die PR des Unternehmens verantwortet, sagt schmunzelnd: »Friedlicher wird es nicht.«

Heine-Engelke ist in der DDR aufgewachsen als Tochter des Chefhistorikers des thüringischen Bischofs. Nach dem Mauerfall lernte sie Psychotherapeutin und studierte dann Kommunikationswissenschaft. Oft schon musste sie zwischen den beiden Gründern schlichten: Der eine sprüht vor Ideen, der andere schaut auf das Geld und die Strukturen. »Eigentlich wollte ich immer Filmproduzent werden«, sagt Klingenburg kauend, »aber dafür war ich nicht schwul genug.« Ihm gefallen Engelkes Ideen, und er mag die Mischung der Menschen bei Triad. Aber das würde er so nicht sagen, stattdessen sagt er: »Unser Controller hat über Dostojewski promoviert.«

Seit Sommer 2007 haben sie an dem China-Projekt gearbeitet. Es war das schwierigste bisher. »Wir haben uns wie in einem reißenden Fluss bewegt«, sagt Heine-Engelke. »Man weiß, dass man schwimmen kann, aber nicht, was als Nächstes kommt: ein Felsen, eine Stromschnelle oder gar eine flache, ruhige Passage?« Ihren Mann hat vor allem überrascht, dass »sich viele Einstellungen, die man im Westen für selbstverständlich hält, relativieren. Ich denke nun über vieles neu nach.«

Engelke bricht zur Expo auf. Er will sich möglichst viele Pavillons anschauen. Er geht schnell in seinen weißen Turnschuhen und ist mit den orangenfarbenen Leuchtstreifen auf seinem Rucksack im Expo-Trubel immer gut zu sehen. Einen Pavillon nach dem anderen durchstreift er und ist nur selten fasziniert: »Zu viel Internationale Tourismus-Börse oder nationale Leistungsshow.«

Erschöpft kehrt Engelke im österreichischen Pavillon ein. Es ist fast, wie nach Hause zu kommen. Seit Jahren fährt er nach Österreich in den Urlaub. Er bestellt sich einen burgenländischen Wein. Zeit für die wichtigste Frage, wenn es um Engelkes Haltungsnote geht: Darf man PR für eine Diktatur machen? »So wie wir – ja«, antwortet er. »Wir zeigen ja keine heile Welt. Ich halte es mit Egon Bahr: Wandel durch Annäherung.«

Das hat nicht alle Mitarbeiter bei Triad sofort überzeugt. Als Kritik und Diskussionen unter der Belegschaft anhielten, veranstaltete Engelke einen kleinen Salon. Der Titel: »Kreativarbeit in einer Wirtschaftsdiktatur«. Damit ist das Thema für ihn erledigt. Als Engelke aber wenige Wochen später eine Assistentin bat, beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei anzurufen, bekam er die Antwort: »Ich spreche mit den chinesischen Diktatoren nicht.« Engelke hat dann jemand anderen anrufen lassen. Haltung ist Haltung.

Es ist wieder spät geworden beim Wein. Engelke hat seinen wachen Geist schon auf Gleitflug gestellt, als er einen Anruf bekommt: Theo Zwanziger, der DFB-Chef, lässt mitteilen, dass Triad die Ausschreibung für das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund gewonnen hat. Ein 27-Millionen-Euro-Projekt. Engelke ist wieder hellwach und die Expo fast schon Geschichte.

Fußball ist noch schöner als China.

 
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