Spekulation Gegen die fünfte Gewalt
Lange hat sie die freien Märkte gefeiert, doch jetzt will die Politik den Spekulanten das Handwerk legen
Solche Töne, ausgerechnet von Goldman Sachs . »Schwerwiegende Übertreibungen« habe es an Europas Finanzmärkten gegeben, mit potenziell »negativen Folgen für die Volkswirtschaft«, so schrieb es Erik Nielsen vergangene Woche in einer E-Mail an Kunden. Der Mann ist bei dem Wall-Street-Giganten der Europa-Chefvolkswirt.
Goldman, der Oberspekulant, warnt vor Spekulation.
Übertreibungen an den Märkten – die darf es nach der reinen Lehre marktliberaler Denker eigentlich gar nicht geben. Im Gegenteil: An den Märkten handeln rationale Individuen miteinander und sorgen dafür, dass die Preise die tatsächlichen Knappheitsverhältnisse in der Wirtschaft widerspiegeln. »Der freie Kapitalverkehr«, stellte die Bundesbank noch im Juli 2001 fest, »legt bestehende wirtschaftspolitische Mängel offen und übt so einen Rechtfertigungsdruck auf die politisch Verantwortlichen aus.« Rolf Breuer, der frühere Chef der Deutschen Bank, schwärmte sogar, dass Märkte die »fünfte Gewalt« der Demokratie seien.
- Banken in der Pflicht: Bankenabgabe
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Die Bundesregierung hat sich bereits auf eine Bankenabgabe verständigt: Demnach sollen alle Institute einen jährlichen Anteil in einen Fonds einzahlen, aus dessen Mitteln künftig Banken aufgefangen werden sollen, die in Schieflage geraten.
Ziel sind jährliche Einnahmen von rund 1,2 Milliarden Euro. Die Abgabe sollen alle Institute zahlen.
Die Höhe des Beitrags soll sich nach dem Risiko richten, das eine Bank eingeht. Das bedeutet zwar, dass Sparkassen und Genossenschaftsbanken weniger zahlen müssen als private Banken. Dennoch sind diese Institute gegen eine Bankenabgabe – und plädieren stattdessen für die Finanzmarkttransaktionssteuer.
- Finanztransaktionssteuer
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Eine Finanzmarkttransaktionssteuer (kurz: FTT) funktioniert im Prinzip wie eine Mehrwertsteuer auf Bankgeschäfte. Der Staat belegt dabei den Handel mit fast allen Finanzprodukten mit einer minimalen Steuer.
Angedacht sind Steuersätze von 0,01 bis 0,5 Prozent. Je nach Steuersatz und Schätzung würde die Steuer dem deutschen Staat zwischen 12 und 36 Milliarden Euro einbringen. Zudem soll sie das Geschehen an den Finanzmärkten entschleunigen und verhindern, dass sich riesige Blasen bilden.
Die Steuer galt lange als "Utopistensteuer", weil sie ihre größte Wirkung entfaltet, wenn alle Länder mitmachen – die Idee aber international zu wenige Anhänger hatte. Nun aber scheint es in Europa zunehmend mehr Befürworter der Steuer zu geben. In Deutschland fordern die Grünen, die SPD und die Linken die Einführung der Transaktionssteuer. Auch die Kanzlerin hat sich mittlerweile für die Idee ausgesprochen.
Ganz anders klingt, was man heutzutage hört. Das »Primat der Politik« müsse wiederhergestellt werden, sagt die Kanzlerin. Ein »unmissverständliches Signal« gegen spekulative Finanzgeschäfte fordert Bundestagspräsident Norbert Lammert. Eine Bankenabgabe ist in Planung, doch vielen geht sie längst nicht weit genug. »Der Frust bei vielen Abgeordneten ist groß«, sagt ein hochrangiger Regierungsbeamter.
Dienstagmorgen, Kanzleramt, sechste Etage. Der Koalitionsausschuss von FDP und Union berät über das Rettungspaket, das am Freitag in den Bundestag geht. In dem Gesetzesentwurf steht unter Punkt »C. Alternativen« nur ein Wort – »keine«. Dennoch herrscht in den Regierungsfraktionen großes Unbehagen, nach Bankenrettung und Griechenlandhilfen nun schon wieder ein milliardenschweres Unterstützungsprogramm durch das Parlament peitschen zu müssen.
Eine Gegenleistung muss her, so viel ist allen Beteiligten klar. Viele in der Union befürworten die Finanztransaktionssteuer, eine Abgabe auf Börsenumsätze. Das liegt auch daran, dass der mächtige Sparkassenverband anders als das private Bankgewerbe die Steuer befürwortet. Sie ist an Symbolkraft kaum zu überbieten. Globalisierungsgegner fordern sie seit Jahren, die Nichtregierungsorganisation Attac wurde gegründet, um sie durchzusetzen. Die FDP hat noch vor ein paar Tagen, als es um die Griechenlandhilfen ging, diese Abgabe abgelehnt – und sich für eine Finanzaktivitätssteuer ausgesprochen, eine Abgabe auf Gewinne und Gehälter der Banken.
Doch an diesem Dienstagmorgen dreht Guido Westerwelle bei. Natürlich wolle die FDP die Finanzmärkte an den Kosten beteiligen. Bei der Beschlussfassung ist Westerwelle nicht mehr anwesend, er muss zu einem Fototermin mit dem palästinensischen Premierminister. Am Ende steht ein Kompromiss : Die Bundesregierung wird aufgefordert, sich für eine »Finanzmarktsteuer – das heißt, eine Finanztransaktionssteuer oder eine Finanzaktivitätssteuer – einzusetzen«. Wenn unter den G-20-Staaten keine Einigung erzielt wird, sollen die Europäer alleine voranmarschieren. Es ist ein weiter Weg für die FDP, die eigentlich Steuern senken und nicht anheben wollte. Ihr Obmann im Finanzausschuss, Frank Schäffler, reichte noch am Dienstag seinen Rücktritt ei n.
Die Regulierungsmaschine läuft an . Auf Druck Deutschlands und Frankreichs wurde beschlossen, Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften strenger zu beaufsichtigen. Die zögerlichen Briten hat man einfach überstimmt. Die EU prüft außerdem Einschränkungen für den Handel mit den sogenannten Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps). Und in internationalen Gremien wird an neuen Eigenkapitalregeln gearbeitet, die riskante Finanzgeschäfte verteuern werden. Es geht dabei nicht nur um mehr Geld für den Staat, sondern auch darum, die offensichtlich doch nicht so rationalen Finanzmärkte zu bändigen.
- Datum 19.05.2010 - 16:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2010 Nr. 21
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Zitat: Die Bundesregierung wird aufgefordert, sich für eine »Finanzmarktsteuer – das heißt, eine Finanztransaktionssteuer oder eine Finanzaktivitätssteuer – einzusetzen«.
Noch besser wäre es wenn beides beschlossen würde.
Im Augenblick höre ich eine Kakophonie sich widersprechender Meinungen aus den Mündern der Politiker der regierenden Koalition. Welch ungeheure Inkopetenz in ökonomischen Dingen sich da kundtut, insbesonders von Seiten der FDP. Ein Trauerspiel.
Jeder halbwegs Gebildete und viele Qualifizierte haben gesehen, was passiert und davor gewarnt.
Dafür mussten die sich von den Liberalen und Konservativen persönlich verunglimpfen und als Extremisten und Kommunisten hinstellen lassen.
Nun, wo die ganze Kiste gegen die Wand gefahren ist und selbst der dümmste Bildzeitungsleser Ahnungen vom System erhält, stellt sich Goldmann Sachs.
"Goldman, der Oberspekulant, warnt vor Spekulation."
Es scheint schlimmer zu sein, als man mit gesundem Menschenverstand annehmen durfte.
Rette sich, wer kann!!
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