Autor Moritz von Uslar wird für seine Reihe "Freitagnacht" Menschen an unterschiedlichen Orten beim Feiern beobachten. Diesmal war er im Maxim's in Paris. Uslar, 39, zuvor beim "Spiegel", wurde bekannt durch die Serie "100 Fragen an..." im "SZ-Magazin". Im Herbst erscheint sein Buch "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung"

Die Party fing für den Reporter mit der immer lustigen Peinlichkeit an, dass er gar nicht eingeladen war. Ich schrieb also der Fürstin, die in dieser Freitagnacht im Pariser Restaurant Maxim’s gemeinsam mit einem Freund, dem Salzburger Galeristen Thaddaeus Ropac, ihren 50. Geburtstag feierte, eine SMS: "Liebe Gloria, wollen Sie mich nicht zu Ihrem Geburtstag einladen? Ich könnte eine reizende Doppelseite darüber schreiben."

Das Wörtchen "reizend" war eine kleine Gemeinheit. Ich stellte mir vor, dass dieses altmodische, ein wenig gespreizt klingende Wort bei ihr, der Fürstin Thurn und Taxis, gut ankam (ich kannte die Fürstin so gut, wie viele Journalisten sie kennen, also sehr gut und überhaupt nicht). Ich stellte mir außerdem vor, dass Gloria in ihrer heißen Partyphase, die auf die Jahre 1980 bis 88 zurückdatiert, auch nicht großartig Rücksicht darauf hatte nehmen können, ob sie eingeladen war oder nicht – wichtig war allein, dass die Party grandios zu werden versprach.

Der Geburtstag selbst hatte im Februar auf ihrer Ranch in Kenia stattgefunden, der Empfang auf Schloss St. Emmeram zu Regensburg – nun also die Party für die 300 besten Freunde in einem Pariser Nachtklub. In Berlin hörte ich bei einem gesellschaftlich gut vernetzten Snob (ehemaliger Modemacher, Galerist, Kunstauktionär), dass das Maxim’s, jener Salon, in dem die Gesellschaft der Belle Époque und später dann die Nazis diniert hatten, auch nicht mehr das sei, was es einmal war: Jetzt sei es eine Touristenfalle. Ah, ja. Dann rief Gloria an: "Seien Sie am Freitagabend um neun vor dem Maxim’s." Der Dresscode der Party laute: Smoking, excentrique. Die Fürstin: "Entschuldigung, aber ich muss auflegen."

Der Galerist Ropac – ein Tänzer auf dem internationalen Parkett, Strippenzieher, Charmeur, Small-Talk-Profi und einer der mächtigsten Galeristen Europas (seine Künstler heißen Kiefer, Baselitz, Katz). Die Fürstin hat ihn vor Jahrzehnten, natürlich beim Kunsteinkaufen, kennengelernt.

Gloria: Was soll man sagen... Die Fürstin eben. Sie fiel in den letzten Jahren vor allem durch sonderbare Ansichten zu Aids und Homosexualität auf (den Schwarzen empfahl sie, weniger zu "schnackseln", den Homosexuellen, zu Gott zu beten). Interessant ist doch, dass die zahlreichen Künstler, mit denen sich Gloria als Dame von Welt selbstverständlich immer umgeben hat, ihr diese rhetorischen Ausfälle nie übel genommen haben, im Gegenteil: Eine Exzentrikerin sei sie, die Gloria eben.

Als der Reporter jene zehn Minuten später eintraf, die man bei solchen Veranstaltungen besser zu spät kommt, da posierten vor den Türen des Maxim’s in der Rue Royale im 8. Arrondissement gerade drei Gäste Arm in Arm für die Fotografen: der Berliner Künstler Marc Brandenburg, der Galerist Ropac und des Galeristen gute Freundin Bianca Jagger. Verdammt noch mal, das war echt jene Bianca Jagger, die 1977 auf einem weißen Pferd in den New Yorker Nachtklub "Studio 54" geritten kam und so, gemeinsam mit ihren Freunden Andy Warhol, Liza Minelli und Diana Ross, das moderne Nachtleben erfunden hatte. Sie sah alterslos schön und elegant aus, nicht wie Bianca Jagger, sondern wie eine Dame, die Bianca Jagger sehr ähnlich sieht.

Gegen 21.15 Uhr: Eintreffen der Fürstin und ihrer Familie. Erst hörte man die Gastgeberin: Beim Umarmen stießen Gloria und ihre Gäste spitze Schreie des Entzückens und der Freude aus. Und dann sah man die Fürstin: Sie trug ein spektakuläres Etwas in Rosa, einen Hosenanzug, an Kragen und Ärmeln mit rosa Federn gesäumt. Glorias Frisur (viel Haarspray) war eindeutig eine Reminiszenz an die Kreationen des Münchner Coiffeurs Gerhard Meir, mit denen die Fürstin als "Punk-Prinzessin" um 1980 ihre ersten Auftritte gefeiert hatte.

Gleich hier, noch vor den Türen des Maxim’s: wundervolle Aufregung. Auftritt der großen Damen, der großen Herren. Während weniger Minuten, so spürte der Reporter, passierten sagenhafte Namen, Titel und Inhaber von Firmen, Schlössern und Ländereien die Tür des Nachtklubs. Worte der Begrüßung lauteten "Bon soir!" und "Schön, dass du es geschafft hast!". Die, mit Verlaub, schönen Beine der Gloria-Töchter Maria und Elisabeth, 29 und 27 Jahre alt. Sohn Albert, 26, Erbe des Familienimperiums, auch bekannt als begehrtester Junggeselle Europas, fehlte. Er fahre im britischen Silverstone ein Autorennen, so die offizielle Begründung. (Während der Party verstand der Reporter, dass die defensive Öffentlichkeitspolitik, den Fürsten Albert betreffend, an einem Ort wie dem Maxim’s nicht durchzuhalten gewesen wäre, weshalb der Bunte- Titel drohte und der Stammhalter auf ein Kommen verzichtet habe.) Die Gesellschaft drängte nun in die schummrige Höhle des Klubs hinein: die dunklen Hölzer, Teppiche, Spiegel, das Schlingpflanzen-Dekor des Art nouveau.

 

Beim Aperitif im Salon im ersten Stock mussten dann alle gleich ganz doll schwitzen, so eng, so heiß war es. Und in der Enge und Wärme wirkte umso mehr der Style der Gäste. Viele Schwule. Viele todschicke über Neunzigjährige mit Gehstöcken. Man sah Smoking, Lodenjanker, Goldanzug. Die Damen machten auf Marie Antoinette, die Herren auf junger Mozart. Fächer. Marlene-Dietrich-Zylinder. Ah, dies war nicht einfach ein Jackett, sondern ein Justaucorps. Sagenhafte Turmfrisuren. Damen trugen Bänder, Blüten, Perlen, Federn und geschmiedetes Efeu in den Haaren. Manchmal wusste man nicht, wo die Frisuren der Damen aufhörten und die Lampen des Maxim’s anfingen. Ein Gesellschaftslöwe trug das Modell eines Viermasters in seiner Perücke. Überhaupt spielte hier die Gesellschaft noch einmal die modische Notwendigkeit des Rokoko, genauer: des Spätrokoko um 1770 nach. Damals hatten bürgerliche Schichten Zutritt zu den höfischen Salons erhalten, worauf der Adel mit einem übertrieben prächtigen, extravaganten und durchgedrehten Kleidungsstil reagierte.

Der Reporter lehnte nun mit einem Bekannten aus dem bayerischen Uradel an der Bar und ließ sich Glorias Gesellschaft erklären. Es seien, so der Uradlige, etwa zehn Prinzen und zwanzig Prinzessinnen auf der Party. Alles klar. Vergleichsweise wenige Künstler. Im Gedränge gesichtet: Prinz Amyn Aga Khan, Lord Rothschild, Lord Weidenfeld, Madame Lamia Khashoggi, die Unternehmer Pinault, Piëch, Guerrand-Hermès, Hennessy, von Boch und von Opel, der Philosoph Bernard-Henri Lévy, der Modemacher Jean-Charles de Castelbajac mit Sohn Louis-Marie (dessen Freundin Dita von Teese hatte abgesagt) und praktisch alle Mitglieder des deutschen Uradels (Bayern, Bismarck, Fürstenberg, Hohenlohe-Langenburg, Schaumburg-Lippe). Ach, ihr Adligen. Den Preis für den elegantesten Adligen bekam ein Prinz Pierre d’Arenberg im weißen Dinnerjackett. (Laut meinem Uradeligen der Dorian Gray der High Society, da er schon vor 30 Jahren exakt so ausgesehen habe wie heute, vollbärtig, gütig lächelnd, witzig, gebildet und kultiviert. Er sei mit einer Erbin von Standard Oil verheiratet, lese Bücher in vier Sprachen und gehe auf der ganzen Welt ins Museum.)

Das mit drei Gängen schmale Diner war nach knapp einer Stunde beendet (gut gegessen hatten diese Leute alle schon oft genug). Bianca Jagger, Alessandra Borghese und Elisabeth Thurn und Taxis hielten Tischreden. Ein gut 100 Kilo schwerer Schwarzer in einem schwarzen Lederkleid sang nun, herzerweichend schön, Nothing Compares 2U. Man merkte der Party die Ungeduld der Gastgeberin an: Tanzen! Vollgas! Ausflippen! Los! Dann stieg, in wenigen Minuten, der Hysterie-Level von heiß auf kochend. Die Gesellschaft saß noch beim Dessert, als eine Soulsängerin sich mit Mikrofon durch die Stuhlreihen drängte und Sylvesters Discoknaller You Make Me Feel Mighty Real intonierte. Freitagnacht um 22.30 Uhr im Maxim’s: Die Gastgeberin hielt es nicht mehr – sie stieg, zum Applaus der Gäste, auf die Festtafel und tanzte. Dann sang Gloria Otis Reddings Hard to Handle auf der Bühne. Weit ausladende Arme: Für euch, meine lieben Freunde. Schreie. Wunderkerzen. Fotografen. Du lieber Himmel. So, liebe Fürstin, feiert man also Geburtstag.

Gegen halb zwölf nachts: Enge, Wärme, Nässe, Bässe. Der von den Pariser Prêt-à-porter-Schauen bekannte DJ Michel Gaubert hat das Pult übernommen. Er spielt eine zwingende Mischung aus Disco und dem House der neunziger Jahre (Inner City’s Good Life). Der Fotograf Mario Testino braucht, was nicht oft vorkommt, eine Pause und geht an die Luft. Vielleicht kann man sagen, dass auf Glorias 50. Geburtstag die 50 bestaussehenden Homosexuellen Europas tanzen.

Die Fürstin winkt den Reporter nun kurz in ihre Sesselecke. Ihr scharfes Profil, ihre klugen, schnellen, funkelnden Augen. Von wem ist ihr Kleid? Von Pierre Cardin, dem Hausherrn und Besitzer des Maxim’s. Wie nennt sie die Sorte Kleidungsstück, die sie da trägt? "Das ist mein Strampelanzug." Augenzwinkernde Gloria. Die Fürstin eben.

Es passiert noch dies und das. Die Fürstin hatte den Reporter gebeten, die Dinge, die sich auf ihrer Party nach Mitternacht zutragen, nicht auszuplaudern (geht in Ordnung). Nur so viel: Das war eine gute Party. Sie spielte irgendwo zwischen 1770 und 1980, bloß nicht in der Gegenwart. Gegen fünf Uhr früh nahm der Reporter das Taxi zum Flughafen.