Gesellschaftskritik Über Fotohandys
Der FC Bayern im digitalen Rausch: Auf ihrer Meisterfeier fotografierten sich die Spieler selbst - und erinnerten ein wenig an japanische Touristen.
© Miguel Villagran/Bongarts/Getty Images

Der FC Bayern feiert auf dem Rathhausbalkon in München seine Meisterschaft
Die Fußballer des FC Bayern, die hier auf dem Balkon des Münchner Rathauses bei ihrer Meisterschaftsfeier zu sehen sind, erinnern ein wenig an japanische Touristen. Von diesen weiß man, dass sie, kaum dem Reisebus entstiegen, ihre Fotoapparate vors Gesicht halten und die Sehenswürdigkeiten, die sich ihnen darbieten, unverzüglich ablichten.
Japanische Touristen stehen in dem Ruf, Sehenswürdigkeiten lediglich als Bildtrophäen zu schätzen. Dafür werden sie von abendländischen Reisenden, die es vorziehen, ihr bloßes Auge auf architektonischen Prachtstücken ruhen zu lassen und deren Aura zu erleben, gern abschätzig belächelt.
Noch komischer als eine Gruppe reflexhaft fotografierender Japaner sind jedoch Fußballer, die auf dem Höhepunkt des öffentlich geteilten Glücksgefühls über den Sieg nichts anderes zu tun haben, als sich selbst, den aktuellen Moment zu fotografieren, zu filmen und die entsprechenden Bilder in die Welt zu schicken.
Eine Seltenheit ist dieses Verhalten nicht. Wer in der Gegenwart ein Popkonzert, eine Feier, eine politische Veranstaltung besucht, sieht sich umgeben von Leuten, die simsen, twittern, bloggen, fotografieren und ihrer Elektronik weit mehr Beachtung schenken als dem Ereignis selbst.
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Natürlich stört das. Aber man könnte sich daran gewöhnen, wie man sich irgendwann an jede Technik gewöhnt und an jede neue Umgangsform, die sie mit sich bringt. Der springende Punkt ist ein anderer: nämlich der Unterschied zwischen dem Eiffelturm und einer Gemeinschaftsfeier. Der Eiffelturm überlebt das Geknipse. Die Feier nicht.
Denn die Gemeinschaft, aus der sie eigentlich hervorgeht, zerfällt in dem Maß, in dem ihre Angehörigen sich mit mehr Liebe und Begeisterung ihren Apparaten widmen als dem Nachbarn.
- Datum 21.05.2010 - 06:42 Uhr
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- Serie Gesellschaftskritik
- Quelle ZEITmagazin, 20.05.2010 Nr. 21
- Kommentare 2
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[...]Passiert gerade nicht genung auf der Welt? Was für eine Gesellschaftskritik soll das sein? Ich sags ihnen, keine.
[...]
Bitte bemühen Sie sich um einen höflichen Umgangston und äußern Sie eine sachliche Kritik. Danke. Die Redaktion/km
...auch (oder besonders) für Meisterkicker.
Die Autorin, Frau März, hat vollkommen Recht.
Allerdings wird wohl diese Kritik die meisterlichen Fotografen nicht erreichen.
Oder glaubt etwa jemand, dass Gomez & Co. das Zeit-Magazin lesen?
Nichts für ungut, Frau März!
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