Grossbritannien Die Pfundskerle

Warum die neue Regierung in Großbritannien glücklich ist, den Euro nicht zu haben, und von der griechischen Tragödie profitiert

Beide sind neu im Amt und müssen gewaltig sparen: der britische Schatzkanzler George Osborne (l.) und der britische Wirtschaftsminister Vince Cable

Beide sind neu im Amt und müssen gewaltig sparen: der britische Schatzkanzler George Osborne (l.) und der britische Wirtschaftsminister Vince Cable

Als Vince Cable am Mittwoch letzter Woche die Downing Street verließ, lief er geradewegs an seinem neuen Dienstwagen vorbei. »Mister Cable, darf ich Sie in Ihr Ministerium fahren?«, rief der Fahrer des dunkelblauen Jaguar dem frisch ernannten Wirtschaftsminister hinterher. Seit 30 Jahren ist der 69-jährige Liberaldemokrat in der Politik, aber dass er soeben von dem neuen Premierminister David Cameron einen der wichtigsten Kabinettsposten inklusive Limousine erhalten hatte, konnte er noch nicht so richtig glauben. Der neue Schatzkanzler George Osborne dagegen wusste genau, dass an diesem Morgen ein Fahrer vor seinem Haus im Schickeria-Stadtteil Notting Hill auf ihn wartete. Seit Camerons Aufstieg zum Parteichef der Konservativen vor fünf Jahren hat Osborne, der nächste Woche seinen 39. Geburtstag feiert, sich als Schatzkanzler im Schattenkabinett darauf vorbereitet, nach einem Wahlsieg die Federführung für die britische Haushaltspolitik zu übernehmen.

Dass die beiden jemals zusammenarbeiten würden, damit hatten sie allerdings beide nicht gerechnet. Noch vor drei Wochen verhöhnte Cable, der seine politische Karriere am linken Flügel von Labour begann, den jungen Osborne als »Schulbank-Ökonomen«, und der konterte, indem er den Senior der Liberaldemokraten als »hoffnungslos altlinks« beschimpfte. Aber das war Wahlkampf. Nun haben die beiden es mit der harschen Realität des Regierens zu tun. Zum ersten Mal seit 70 Jahren hat sich in Großbritannien eine Koalitionsregierung geformt. Damals geschah das aus der Kriegsnot gegen Nazi-Deutschland heraus. Jetzt einigten sich David Cameron und der Führer der Liberaldemokraten Nick Clegg nicht nur auf die politische Ehe, weil es nach dem unentschiedenen Wahlausgang keine Alternative gab, sondern auch, weil Großbritannien in der tiefsten Wirtschaftskrise seit Generationen steckt. Mancher scheut nicht davor zurück, die derzeitige Notlage mit der Krisensituation von damals zu vergleichen. »Damals sind Nationalstaaten gegeneinander in den Krieg gezogen«, sagt der altgediente Kommentator Anthony Howard. »Heute steht Großbritannien der Kampf ums wirtschaftliche Überleben bevor. Die neuerlichen Waffenbrüder George Osborne und Vince Cable stehen jetzt vor einer kolossalen Aufgabe.«

Anzeige

Das Haushaltsdefizit, das die beiden von der Labour-Regierung geerbt haben , hat unterdessen 163 Milliarden Pfund (191 Milliarden Euro) erreicht. Das entspricht 11,6 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP), das ist mehr als in Spanien (11 Prozent) und Portugal (9,3 Prozent), den beiden Euro-Ländern, die nach Griechenland und Irland am dichtesten vor der Staatspleite stehen. In der City of London herrscht allgemein Einigkeit darüber, dass die griechische Krise, die in den vergangenen Wochen zur Euro-Krise wurde, das Pfund Sterling für den Augenblick gerettet hat.

»Wenn die Märkte durch das hellenische Debakel in den letzten Wochen nicht so abgelenkt gewesen wären, hätten die Händler auf den unentschiedenen Wahlausgang sicher empfindlicher reagiert«, sagt Chris Turner, der oberste Währungshändler der holländischen ING Bank. Die Rating-Agenturen drohen schon seit Monaten damit, dem Land die Bestnote »AAA« zu entziehen, denn außer dem Haushaltsdefizit haben sie noch die Höhe der Gesamtverschuldung im Kopf: 890 Milliarden Pfund (1 Billion Euro) sind das, und in den nächsten zwei Jahren wird sie nach Schätzungen des Finanzministeriums voraussichtlich auf 1,2 Billionen Pfund steigen. »Das sind Zahlen, die, für sich genommen, nach Staatsbankrott klingen«, gesteht auch ein Beamter aus dem Schatzkanzleramt ein und fügt dann schnell hinzu: »Aber selbst wenn unsere Schätzungen richtig sind, wird die Verschuldung mit 77 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht die Ausmaße erreichen, die wir derzeit in Euro-Ländern wie Griechenland oder Italien sehen.« So gesehen ergeben die britischen Zahlen noch lange kein Katastrophenbild griechischen Ausmaßes. Auch die Tatsache, dass Athens Schuldenlast zu 88 Prozent vom Ausland getragen wird, während sich die Briten nur zu 18 Prozent im Ausland verschuldet haben, stabilisiert die Situation.

Wichtiger noch als die unvorhersehbare Ablenkung durch das Griechenlanddebakel ist für die britische Wirtschaft jedoch, dass die Abwertung des Pfunds die Situation stabilisiert. Die britische Währung hat in den vergangenen zwei Jahren bereits 30 Prozent gegenüber dem Dollar und 25 Prozent gegenüber dem Euro verloren. »Was den hellenischen Horror so ansteckend macht, nämlich dass die Griechen nicht abwerten können, ist für die Briten kein Problem«, sagt auch Chris Turner. Und Douglas McWilliams vom Wirtschaftsforschungszentrum CEBR glaubt, dass das Pfund bald unter die Marke von einem Euro fallen wird. »Das wird einen kleinen Schock geben«, meint er, »aber schließlich wird es sich als heilende Kraft erweisen.«

Leser-Kommentare
  1. und Großbritannien sich erholt.

    Da kommen mir doch die ganzen Verschwörungstheorien in den Sinn!

    • cegog
    • 22.05.2010 um 0:24 Uhr

    Ich verstehe die Argumentation des Artikels nicht ganz.
    Im Export würde ein abgewertetes Pfund Sinn ergeben, da es britische Produkte auf den Weltmärkten verbilligt. Großbritannien hat aber m.W. ein Handelsbilanzdefizit, d.h. ein abgewertetes Pfund schlägt sich vor allem auf der Importseite nieder, und zwar negativ, da Rohstoffe und dergleichen sich verteuern.
    Insofern hat die Idee einer Pfundabwertung nur nach innen Sinn - allerdings mit problematischen sozialen Folgen, denn hier schmilzt das Geldvermögen, d.h. vor allem die "kleinen Leute" ohne Sachvermögen verlieren ihre Ersparnisse, während die Regierung ihre Schulden weginflationiert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • WIHE
    • 25.05.2010 um 13:24 Uhr

    Abwertung verteuert die Importe, verbilligt die Exporte.
    das heißt, durch Abwertung lässt sich der Export steigern, die Handelsbilanz hat die Chance, wieder ins Gleichgewicht zu kommen,
    was allerdings auch bedeutet, dass weniger importiert wird, im Grunde wird mit einer Abwertung der Konsum eines Landes verringert, die Bevölkerung kann nicht mehr auf so großem Fuße leben, aber die Zahl der Arbeitsplätz eim Lande steigt, die Ausßenverschuldung nimmt in der Regel ab, weil man mehr verkauft und weniger einkauft.

    • WIHE
    • 25.05.2010 um 13:24 Uhr

    Abwertung verteuert die Importe, verbilligt die Exporte.
    das heißt, durch Abwertung lässt sich der Export steigern, die Handelsbilanz hat die Chance, wieder ins Gleichgewicht zu kommen,
    was allerdings auch bedeutet, dass weniger importiert wird, im Grunde wird mit einer Abwertung der Konsum eines Landes verringert, die Bevölkerung kann nicht mehr auf so großem Fuße leben, aber die Zahl der Arbeitsplätz eim Lande steigt, die Ausßenverschuldung nimmt in der Regel ab, weil man mehr verkauft und weniger einkauft.

  2. Seit vielen, vielen Jahren lese ich immer wieder, wie hoch das Wachstum in Großbritnnien sei, wie lobenswert gut die Wirtschaftspolitik. Und jedesmal, wenn ich wieder einmal in Großbritannien bin, bin ich entsetzt von der offensichtlichen Misere, in welcher viele Menschen leben, von den enormen Immobilienpreisen, den horrenden Mieten, von sichtbarer Gewalttätigkeit, dem Niedergang der Industrie. Da scheinen mir Dinge zu wachsen, die man besser nicht wachsen sehen möchte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nur hat in ganz Europa, erst recht England, eine Sichtweise Platz genommen, die nur noch etwas mit einer wirtschafts -und finanzpolitischen Elite und deren Ränkeschmiede zu tun hat.

    Die Türen und Tore hierzu hat, und das wird mal der Treppenwitz der Historie, die Sozialdemokratie geöffnet!

    Es geht also mit dem Artikel um eine Betrachtung über den Finanzplatz London; und nur am Rande um sozialpolitische Belange der bitischen Bevölkerung.

    Der sozialdemokratischen Idee sei es geklagt!

    Sie glauben ihr Empire gäbe es immer noch und sie seihen weiterhin ein "fortschrittliches Land" (nur dass es in Polen vor 40 Jahren im Kommunismus besser war als es in England jetzt ist...)

    Dazu ihr Klassensystem das fast so schlimm wie das indische Kastensystem ist, und der Irrglaube die Banken würden reichen.
    Und alternative Industrien kann man auch nicht wirklich aufbauen wenn man alles verkauft und die Bildung immer schlechter wird so dass es keine Heimischen Arbeitskräfte gibt.

    Und die Einstellung so manch eines Engländer hilft nicht weiter - man sehen BA Streiks, Royal Mail Streiks - ich weiß nicht warum British Airways nicht einfach in Konkurs geht... es wäre einfacher...
    Aber wenn Lehrer mehr Lohn wollen - da sind die Union plötzlich still...

    Die Englische Finanzmisere ist ein Produkt der Devolution der Gesellschaft sein dem Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts.

    Und um ehrlich zu sein... nach meinen nun fast 4 Jahren hier - ich gönne den Engländern ihren Untergang - vielleicht sehen sie es dann endlich mal ein dass ihr Land nicht so fortschrittlich ist.

    Nur hat in ganz Europa, erst recht England, eine Sichtweise Platz genommen, die nur noch etwas mit einer wirtschafts -und finanzpolitischen Elite und deren Ränkeschmiede zu tun hat.

    Die Türen und Tore hierzu hat, und das wird mal der Treppenwitz der Historie, die Sozialdemokratie geöffnet!

    Es geht also mit dem Artikel um eine Betrachtung über den Finanzplatz London; und nur am Rande um sozialpolitische Belange der bitischen Bevölkerung.

    Der sozialdemokratischen Idee sei es geklagt!

    Sie glauben ihr Empire gäbe es immer noch und sie seihen weiterhin ein "fortschrittliches Land" (nur dass es in Polen vor 40 Jahren im Kommunismus besser war als es in England jetzt ist...)

    Dazu ihr Klassensystem das fast so schlimm wie das indische Kastensystem ist, und der Irrglaube die Banken würden reichen.
    Und alternative Industrien kann man auch nicht wirklich aufbauen wenn man alles verkauft und die Bildung immer schlechter wird so dass es keine Heimischen Arbeitskräfte gibt.

    Und die Einstellung so manch eines Engländer hilft nicht weiter - man sehen BA Streiks, Royal Mail Streiks - ich weiß nicht warum British Airways nicht einfach in Konkurs geht... es wäre einfacher...
    Aber wenn Lehrer mehr Lohn wollen - da sind die Union plötzlich still...

    Die Englische Finanzmisere ist ein Produkt der Devolution der Gesellschaft sein dem Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts.

    Und um ehrlich zu sein... nach meinen nun fast 4 Jahren hier - ich gönne den Engländern ihren Untergang - vielleicht sehen sie es dann endlich mal ein dass ihr Land nicht so fortschrittlich ist.

  3. Nur hat in ganz Europa, erst recht England, eine Sichtweise Platz genommen, die nur noch etwas mit einer wirtschafts -und finanzpolitischen Elite und deren Ränkeschmiede zu tun hat.

    Die Türen und Tore hierzu hat, und das wird mal der Treppenwitz der Historie, die Sozialdemokratie geöffnet!

    Es geht also mit dem Artikel um eine Betrachtung über den Finanzplatz London; und nur am Rande um sozialpolitische Belange der bitischen Bevölkerung.

    Der sozialdemokratischen Idee sei es geklagt!

    Antwort auf "Wachstum über alles"
  4. Sie glauben ihr Empire gäbe es immer noch und sie seihen weiterhin ein "fortschrittliches Land" (nur dass es in Polen vor 40 Jahren im Kommunismus besser war als es in England jetzt ist...)

    Dazu ihr Klassensystem das fast so schlimm wie das indische Kastensystem ist, und der Irrglaube die Banken würden reichen.
    Und alternative Industrien kann man auch nicht wirklich aufbauen wenn man alles verkauft und die Bildung immer schlechter wird so dass es keine Heimischen Arbeitskräfte gibt.

    Und die Einstellung so manch eines Engländer hilft nicht weiter - man sehen BA Streiks, Royal Mail Streiks - ich weiß nicht warum British Airways nicht einfach in Konkurs geht... es wäre einfacher...
    Aber wenn Lehrer mehr Lohn wollen - da sind die Union plötzlich still...

    Die Englische Finanzmisere ist ein Produkt der Devolution der Gesellschaft sein dem Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts.

    Und um ehrlich zu sein... nach meinen nun fast 4 Jahren hier - ich gönne den Engländern ihren Untergang - vielleicht sehen sie es dann endlich mal ein dass ihr Land nicht so fortschrittlich ist.

    Antwort auf "Wachstum über alles"
    • WIHE
    • 25.05.2010 um 13:24 Uhr

    Abwertung verteuert die Importe, verbilligt die Exporte.
    das heißt, durch Abwertung lässt sich der Export steigern, die Handelsbilanz hat die Chance, wieder ins Gleichgewicht zu kommen,
    was allerdings auch bedeutet, dass weniger importiert wird, im Grunde wird mit einer Abwertung der Konsum eines Landes verringert, die Bevölkerung kann nicht mehr auf so großem Fuße leben, aber die Zahl der Arbeitsplätz eim Lande steigt, die Ausßenverschuldung nimmt in der Regel ab, weil man mehr verkauft und weniger einkauft.

    Antwort auf "Unverständlich"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service