Der 2. Ökumenische Kirchentag stand unter dem Motto »Damit ihr Hoffnung habt«. Hoffnung hat man auf etwas, was verwirklicht werden soll. Herrschaft, die Menschen unterdrückt, gibt keine Hoffnung. Ihr entspricht das Gehorsamkeitsprinzip, das von Machthabern stets gefordert wird. Macht und Machtmissbrauch sind siamesische Zwillinge, sagt der Philosoph Montesquieu. Daher fordern die Machthaber Gehorsam, der nicht dem Gewissen verpflichtet ist. Es ist ein blinder oder Kadaver-Gehorsam. So berichten die Evangelien, dass das Volk den religiösen Führern gehorsam war und dies für Jesus den Tod bedeutete. Die Philosophin Hannah Arendt betont: Keiner hat das Recht zu gehorchen. Keine Herrschaft ist daher heilig, auch nicht die katholische Hierarchie (Hierarchie heißt übersetzt heilige Herrschaft), sondern jede ist unheilig.

Da Gott, christlich verstanden, die Liebe ist, darf niemand einer Autorität gehorchen, die gegen die Nächstenliebe verstößt. Ziviler Ungehorsam ist gegen eine korrupte Hierarchie gefordert. Die heilige Jeanne d’Arc ist für ihre christliche Hoffnung auf bessere gesellschaftliche Verhältnisse von der Kirche verbrannt worden. Die heilige Hildegard von Bingen starb unter dem Interdikt, das heißt, jedes Sakrament wurde ihr vom Bischof verweigert, weil sie einen aus der Kirche Ausgeschlossenen begraben hatte.

Eine katholische Hierarchie heute ist korrupt, wenn sie die Eucharistie, die Symbol der Liebe Christi ist, missbraucht, um andere Menschen, etwa evangelische Christen, auszuschließen. Jesus hat selbst Judas beim letzten Abendmahl die Kommunion gereicht. Eine Ökumene ohne ökumenisches Abendmahl ist Simulation, Vortäuschung von Gemeinsamkeit. Heilig ist die Liebe, die niemanden ausschließt, sondern Ungläubige und auch Feinde einschließt. Korrupt ist ebenfalls eine Hierarchie, die sexuelle Gewalt vertuscht. Die Würde der Institution gilt dieser als heilig und steht über der Würde des Opfers. Wie anders ist die Haltung Jesu! Für ihn steht der konkrete Mensch im Mittelpunkt.

Überall, wo das Antlitz eines Menschen geschändet wird, ist ziviler Ungehorsam geboten. Daher kann für jeden Christen nur gelten, dass allein die Würde jedes Menschen unantastbar und heilig ist. Alle Gesetze, Gebote und Institutionen, für so »heilig« man sie halten mag, haben nur Sinn, wenn sie für den Menschen da sind und solidarische Gemeinschaft fördern. Alles andere ist höchst unheilig. Nur die Achtung vor den »Mühseligen und Beladenen« kann einen Schimmer der Hoffnung ins Dasein bringen. Nicht der Gehorsam, sondern der zivile Ungehorsam kann heilen, denn es ist besser, ein Gesetz zu brechen als ein Herz. Heilig ist allein die Liebe zum konkreten Menschen, die uns Jesus vorgelebt hat. Sie kann Gesellschaft verändern. Aufgrund der frohen Botschaft Christi dürfen und sollen wir Hoffnung wider alle Hoffnung haben.