Internet Niex rüstet auf

Niemand wollte schnelles Internet in das kleine Dorf bei Rostock bringen. Dann halfen sich die Bewohner selbst

Auf dem Land leben und trotzdem schnelles Internet haben – das sollte sich eigentlich nicht gegenseitig ausschließen

Auf dem Land leben und trotzdem schnelles Internet haben – das sollte sich eigentlich nicht gegenseitig ausschließen

Kaum hatte Ralf Pöhland sein Dorf mit der Welt verbunden, brach ein Schneesturm los. Der eisige Wind trieb ihn und seine drei Helfer hinter dem Geräteschuppen hervor, wo sie die Funkantenne an einem Fahnenmast befestigt hatten. Sie liefen ins Haus, Pöhland spendierte Kaffee und Pflaumenkuchen, denn es galt, eine große Tat zu feiern: Sie hatten das Internet nach Niex gebracht, in ein kleines Örtchen zwischen Dummerstorf und Papendorf, etwas südlich von Rostock.

Zu den alten Gegensätzen zwischen Stadt und Land ist ein weiterer getreten: die digitale Kluft. Zugang zu Wissen und Informationen ist eine entscheidende Ressource; wer keine schnelle Verbindung zum Internet hat, ist davon ausgeschlossen. Für die Kommunikationsunternehmen rentiert es sich aber oft nicht, Breitbandanschlüsse in abgelegene Gemeinden zu legen: Laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums von 2009 sind davon etwa 1,35 Millionen Haushalte betroffen. Während die Städte mit Hochgeschwindigkeit surfen, knarzt in manchem Dorf noch das analoge Modem durch die Telefonleitung.

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So war das in Niex auch lange Zeit.

Niex. Bei diesem Namen drängt sich ein Witz so sehr auf, dass Pöhland ihn lieber gleich selber reißt. »Hinter Niex kommt nix«, sagt er. Eine Bushaltestelle und einen Briefkasten gibt es hier, »bisschen Wald, bisschen Feld, viel Ruhe«. Niex ist aber kein Bauerndorf. Seit der Wiedervereinigung sind viele Städter mit kleinen Kindern und Sehnsucht nach Landluft zugezogen, die Lücken zwischen den alten Backsteinhäuschen haben sich mit schmucken Neubauten gefüllt. Pöhlands Nachbarn arbeiten als Steuerberater, Lehrerin und Rechtsanwalt, er selber ist habilitierter Biologe.

Pöhland sitzt in seinem Arbeitszimmer im Dummerstorfer Leibniz-Institut für Nutztierbiologie: ein Endvierziger mit schulterlangem Haar, rundem Gesicht und weicher sächsischer Aussprache. Ein gerahmtes Bild zeigt einen Sternenwirbel, ausgelatschte Birkenstocks liegen neben dem Schreibtisch, der mit Papieren übersät ist. »Mein Kaffee, mein Tisch, mein Chaos« steht auf einer Tasse.

Schon während des Studiums in Leipzig hat Pöhland an einem Computer gebastelt, an einem KC87, um genau zu sein, hergestellt vom volkseigenen Betrieb Robotron Messelektronik Otto Schön. »Bisschen Hobby war das immer«, sagt er. Als er Mitte der Neunziger nach Niex zog, bestellte er sich einen ISDN-Anschluss, damals Stand der Technik. Doch dabei blieb es auch. Und als die Anwendungen im Web 2.0 aufwendiger wurden, als sein Sohn begann, im Internet Spiele zu spielen, da reichte es nicht mehr. Vor allem schnellte seine Telefonrechnung in die Höhe, weil es für ISDN keine Flatrate gab.

Nicht nur Pöhland hatte ein Problem. Da gab es auch die Frau aus dem Nachbarort, die von ihrer Firma ins Home-Office versetzt wurde und von zu Hause aus arbeiten sollte. Doch ihr Internetzugang war dem Datenstrom nicht gewachsen. Deshalb zog die Familie schließlich notgedrungen nach Rostock um.

Leser-Kommentare
    • Ranjit
    • 24.05.2010 um 10:21 Uhr

    Eine gute Sache, wie ich finde.

    Jedoch wird man abwarten müssen, wie sich die rechliche Lage für geteilte Wlan Anschlüsse entwickelt.
    Ebenso ist es traurig, dass man auf solche Initiativen angewiesen ist, um ein derart grundlegendes Gut wie den Zugang zum Internet nutzen zu können.

    Ob die zuletzt versteigerten Breitbandlizenzen und die daran gekoppelte Verpflichtung zunächst ländliche Regionen zu versorgen das Problem wirklich lösen werden bleibt abzuwarten. Derweil muss sich der Rest Deutschlands anstrengen dafür zu sorgen, dass es in ein paar Jahren, wenn auch kleine Dörfer Anschluss finden, in Deutschland noch ein nutzenswertes Internet gibt und kein TV 2.0

    (Stichwort: Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren, aushöhlen der Netzneutralität, Störhaftung, Staatsnetz statt Internet, Holzmedien-Protektionismus etc.)

  1. Ich wohne auch auf dem Land. Die EWE-Tel hat am anderen Ende der Strasse VDSL liegen mit 35 Mbit. Als Webdesigner habe ich das sofort gebucht auf der Auftaktveranstaltung in der Dorfkneipe, aber die Telekom hat jetzt angeblich keine Leitung mehr frei (obgleich 2 Hauptanschlüsse ins Haus führen, die ich bis vor einiger Zeit auch beide genutzt hatte). Dabei hätte ich gerne das VDSL parallel gebucht, da man ja ab und zu von "Koordinationsschwierigkeiten" hört zwischen der Telekom und den Mittbewerbern.
    Angeblich hält die Telekom auch einige Leitungen noch für "eigene Zwecke" zurück, auf welche Wettbewerber dann nicht zurückgreifen können - super! :(

    Also: Vorhandene Leitung nutzen und komplett umsteigen auf neuen Anbieter? Pustekuchen! Mein T-Com Vertrag läuft noch über ein Jahr und man will mich daraus nicht vorzeitig entlassen. Jetzt hat der Nachbar also schon 16 Mbit und ich sitze hier noch 13 Monate auf meinem DSL-light-Vertrag (384 Kbit: eine Leistung, die wie ein 1 MBit-Vertrag berechnet wird!!).

    Die Telekom mietet keine Leistung von Wettbewerbern, habe ich mir versichern lassen, so dass ich das VDSL nicht bei der Telekom buchen kann und stumpf auf mein Vertragsende warten muss.

    Ich bin richtig begeistert. :(

  2. ... für D und die immer wieder angekündigten Initiativen zur Breitbandversorgung.

    Ich surfe (Gott sei Dank) mit DSL, wenn auch nur 800 kBit, einige Kollegen von mir mit noch weniger. Hätte ich eine schnellere Anbindung, könnte ich öfter mal remote arbeiten, statt zB bei Schneesturm die Straßen noch zusätzlich zu verstopfen.

    Aber so ist das in der schönen privatisierten Welt, wer nicht bereit ist sich in Ballungszentren zu drängeln, der hat halt Pech gehabt und bekommt statt 20 nur 0,2 MBit. Sündigen gegen die kapitalistische Effizienz muss schliesslich bestraft werden.

    Dabei fehlt wirklich nur wenig, an der Hauptstraße geht ein TV-Kabelstrang lang (wie ich nach einiger Recherche herausgefunden habe), nur ist das halt einige hundert Meter von unserem Haus weg. Wenn hier ansonsten nicht nur Rentner wohnen würden, könnte man ja zusammenlegen, aber so ist das unbezahlbar. Und Kabelkanäle scheinen hier auch ein Fremdwort zu sein, muss offenbar jedesmal die ganze Straße aufgerissen werden...

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