Aufklärung Der Gottesbetrug

In Frankreich ist der legendäre »Traktat über die drei Betrüger« Moses, Jesus und Mohammed ein stiller Bestseller. In Deutschland bleibt er noch zu entdecken. Ein Gespräch mit dem Herausgeber Winfried Schröder

Christentum, Islam und Judentum im Fokus: Der "Traktat über die drei Betrüger" ist wohl der radikalste Text der Aufklärung

Christentum, Islam und Judentum im Fokus: Der "Traktat über die drei Betrüger" ist wohl der radikalste Text der Aufklärung

DIE ZEIT: Moses, Jesus und Mohammed haben die Menschen belogen, Gott ist nur eine verrückte Idee und die unsterbliche Seele eine Chimäre. Das behauptete vor mehr als 300 Jahren ein anonymer Verfasser in dem wohl radikalsten Text der Aufklärung, dem Traité des trois imposteurs, dem Traktat über die drei Betrüger. In Frankreich ist er in den letzten Jahren immer wieder aufgelegt worden. Was macht ihn so spannend?

Winfried Schröder: Seit einigen Jahren gibt es eine heftige Diskussion um das Verhältnis von Moderne und Religion. Und genau darum geht es hier. Wenn wir wissen wollen, wie es zu dem historisch einzigartigen Vorgang gekommen ist, dass in der westlichen Kultur die traditionelle religiöse, aber auch die traditionelle philosophische Weltsicht überwunden wurde, lohnt es sich, diesen Text anzuschauen.

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ZEIT: Er ist trotz seines Alters immer noch leicht zu lesen, und manche Provokation funktioniert nach wie vor. So heißt es über die großen Drei: »Wenn man von ihrem Geschwätz genug hatte, das häufig nur darauf abzielte, Aufstände anzuzetteln, brachte man sie zum Schweigen, indem man sie auf die eine oder andere Weise umbrachte. Selbst Jesus Christus entrann nicht seiner gerechten und verdienten Strafe.«

Schröder: Wir haben es in solchen Passagen mit blasphemiefreudiger Polemik, aber auch mit einer frühen Form der Ideologiekritik zu tun. Der unbekannte Autor will zeigen, dass Religionsstifter im Grunde nur ihre handfesten Herrschaftsinteressen durchsetzen wollten und ihren Anspruch damit zu legitimieren versuchten, dass Gott sich ihnen offenbart habe.

ZEIT: Der Traktat scheint in seiner Radikalität alles, was im 18. Jahrhundert noch folgt, zu überbieten.

Schröder: Das ist tatsächlich frappierend. Denn man darf eines nicht vergessen: Die Aufklärung war eine Bewegung, die sich des öffentlichen Verlagswesens bediente, und dort gab es Beschränkungen. Die Existenz Gottes infrage zu stellen war tabu, die Autorität der Bibel zu bezweifeln ging zumindest nicht straflos aus. Die großen Aufklärer von Voltaire bis Kant waren daher von vornherein moderat und schreckten davor zurück, mit sämtlichen religiösen Traditionsbeständen zu brechen. Nun gab es aber neben dieser sich öffentlich artikulierenden Aufklärung die littérature clandestine. Die radikalen Untergrundphilosophen verbreiteten ihre Texte in anonymen Drucken und Manuskripten. Sie nahmen beim Geschäft der Traditionsprüfung keine Rücksicht. Das kritische Potenzial, auch das Destruktionspotenzial der Aufklärung wird deshalb lange Zeit nicht in der Öffentlichkeit sichtbar, denn dort schreckte man vor Positionen zurück, wie sie der Verfasser des Traité im Schutz der Anonymität zu äußern wagte.

ZEIT: Dabei soll der Urtext des Traktates schon lange vor der Aufklärung entstanden sein, im Mittelalter…

Schröder: Ja, es existiert ein bis ins 13. Jahrhundert zurückreichendes Gerücht, der Stauferkaiser Friedrich II. habe die drei großen Religionsstifter Betrüger genannt. Wir wissen nicht, ob das stimmt. Aber allein der Gedanke war ungeheuerlich. Dieses Gerücht lebte über die Epochen fort. Und schließlich setzt sich also Ende des 17. Jahrhunderts irgendjemand, vom dem wir bis heute nicht wissen, wer es war, an den Schreibtisch und verfasst einen Text, der dem Gerücht entspricht. Und es sogar noch übertrifft! Schließlich beinhaltet der Traité eine Metaphysik-Kritik, deren Resultat der Atheismus ist.

ZEIT: Was treibt den Autor?

Schröder: Es geht ihm um die Emanzipation des Menschen durch die Befreiung von religiösen und philosophischen Vorurteilen. Der Text ist ein Manifest – und in weiten Passagen auch eher apodiktisch als argumentierend. Das wichtigste wiederkehrende Motiv ist das der Religion als einer Verblendung. Dabei bedient sich der Autor ebenso großzügig wie eigenwillig bei den Philosophen der Zeit, bei Thomas Hobbes und Baruch de Spinoza, die mit einigen ihrer Theorien die Fundamente des christlichen Weltbildes angegriffen haben. Für Spinoza etwa ist Gott keine Person mehr; er war überzeugt, dass wir einen abstrakten Gottesbegriff brauchen. Der anonyme Autor nun führt Spinozas Anregung weiter, indem er sagt: Wir können überhaupt auf einen Gottesbegriff verzichten, denn wir haben eine plausiblere, weil sparsamere Theorie, wenn wir annehmen, dass das Mobiliar der Welt nur aus materiellen Gegenständen besteht; wir sollten also auf die unbegründete Annahme verzichten, es gebe so etwas wie nichtmaterielle Gegenstände, so etwas wie Seelensubstanzen – und Gott.

Leser-Kommentare
    • Sikumu
    • 25.05.2010 um 16:38 Uhr

    Der Mensch scheint mir manchmal der intelligenteste Dummkopf im ganzen Universum zu sein. Und das ist doch auch eine Leistung!
    Hochachtungsvoll

  1. "Der unbekannte Autor will zeigen, dass Religionsstifter im Grunde nur ihre handfesten Herrschaftsinteressen durchsetzen wollten und ihren Anspruch damit zu legitimieren versuchten, dass Gott sich ihnen offenbart habe."

    Fairerweise muss man anmerken: das trifft auf Moses und auch auf Mohammed zu, beide nutzen ihre Popularität um sich zu politischen Führern aufzuschwingen. Auf Jesus (sofern seine Darstellung in der Bibel auch nur ansatzweise der Realität entspricht) aber nicht. Er wurde zwar zu einem religiös/philosophischen Führer, der aber in Armut lebte, Armut predigte und weltliche Macht und Gewalt ablehnte.

    Das macht ihn und seine Lehren eindrucksvoll, selbst für einen Quasi-Atheisten wie mich. Nicht dass das nötig wäre, in einer Welt wo Leute Mohammed oder Moses hinterherlaufen, ans Buch Mormon glauben usw., da kann man aus jedem beliebigen Betrüger einen Religionsstifter machen. Irgendjemand findet sich immer, der bereitwillig glaubt. Und selbst eine recht symphatische Religion wie das Christentum wird letztlich durch die menschlichen Machtverhältnisse (Papsttum und Co) verstümmelt und leidet an seinem altertümlichen Ballast und Widersprüchen (altes Testament).

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    • 42317
    • 27.05.2010 um 11:29 Uhr

    Der Unterscheidung zwischen Moses und Mohammed einerseits, die bedeutende politische Führungspersönlichkeiten innerhalb ihres sozialen Umfelds waren, und Jesus andererseits, der nie mehr war als der Sohn eines Schreiners und eine rein spirituelle Inspiration, kann ich mich nur anschließen.
    Wie Jesus auf den Gedanken gekommen ist, er sei der Sohn Gottes, kann ich nicht sagen, aber er hat, sofern die Überlieferung in diesem Punkt zutrifft, nie den Versuch gemacht, eine politische Größe zu werden.

    • 42317
    • 27.05.2010 um 11:29 Uhr

    Der Unterscheidung zwischen Moses und Mohammed einerseits, die bedeutende politische Führungspersönlichkeiten innerhalb ihres sozialen Umfelds waren, und Jesus andererseits, der nie mehr war als der Sohn eines Schreiners und eine rein spirituelle Inspiration, kann ich mich nur anschließen.
    Wie Jesus auf den Gedanken gekommen ist, er sei der Sohn Gottes, kann ich nicht sagen, aber er hat, sofern die Überlieferung in diesem Punkt zutrifft, nie den Versuch gemacht, eine politische Größe zu werden.

  2. Interessanter Beitrag, aber leben wir, wie Herr Schröder am Ende meint meint wirklich in einer "entzauberten Welt".
    Hat nicht gerade die moderne Physik Denkansätze geschaffen, die selbst kühnste Metaphysikerträume wie Kinderspielereien aussehen lasssen und die Phantasie mehr anregen als alle Religiösen Texte ? Allein zB. die Tatsache, das sich Elementarteilchen so "zusammenfügen" ,dass sie ein denkendes Wesen (Mensch) hervorbringen, das dann wieder über Elementarteilchen nachdenkt, das sich diese also ein Bewusstsein ihrer selbst schaffen, versetzt mich immer wieder in Erstaunen.
    Die Welt ist auch ohne Religion "zauberhaft".

    • joG
    • 26.05.2010 um 20:50 Uhr

    ...auf ihre demokratische bzw. menschenrechtliche Kompatibilität hin abzuklopfen. Mißtrauen ist angebracht."

    Das ist eine Aufforderung zur relativen Ethik, die letztlich keine Problem löst, da dadurch Werte wie die von Ihnen genannten "Menschenrechte" oder gesellschaftliche Instrumente wie Demokratie der sich wandelnden Anschauungen und Gruppeninteressen unterworfen sind. In einem solchen Gedankengebäude gibt es keine "guten" Werte. Es gibt nur die aktuellen Werte einer jeweiligen Gruppe, die mehr oder weniger intensiv vertreten und je nach Machtverhältnissen durchgesetzt werden.

    Aus dieser Logik leitet sich strikt ab, dass man seriös nicht mehr mit Werten argumentieren kann. Werte werden dann nur noch vorübergehend als Instrument verwendet, um Gruppenkohäsion zu fördern und um die Gruppe gegen andere Gruppen abzusetzen. In den Werten gibt es dann keine dauerhafte Schranke jedoch zum Verhalten der Menschen gegeneinander.

    Das muss nicht schlecht sein. Man weiß ja schließlich, dass es kein wirkliches "Gut" und "Böse" gibt. Es gibt lediglich momentanes "Gut" und "Böse". Man weiß, dass man der Macht der Gruppe ob nun der Masse oder des Autokraten ausgeliefert ist und jede Begründung dem steten Wechsel der Bedingungen und scheinbaren oder wirklichen Erfordernissen angepasst werden kann und sollte.

    • elia-1
    • 26.05.2010 um 21:08 Uhr

    ...von Zeit-online, dieses Thema anzusprechen.

    In der Tat wurden alle Religionen der Welt vom Teufel erfunden. Wo Gott, da auch Teufel.

    Das Fenster zur Erkenntnis ist rel. schmal und eng. Nur wenige werden da durchschlüpfen können. Ist so.

    Schaut man sich in der Welt um erkennt man, daß sich recht viele Gruppierungen "um die Wahrheit" bemühen und sich auch "uneigennützig" die Köpfe dabei einschlagen. Das ist eben Glaube. Wissen ist aber besser. Mit diesem Wissen kann man elegant die Verrücktheit umschiffen. Verrücktheit allerorten. Niemand will das sehen und doch ist es so.

    Ich selbst (62), obwohl schon seit Kindheit gläubig, mußte so lange warten, um diese Erkenntnis zu erlangen. Es ist ein Wahnsinn, was der Teufel angerichtet hat. Und alle haben mangels besserem Wissen mitgemacht.

    Der Artikel spiegelt exakt das wieder, an dem die Welt krankt. Ein Kluger sagt, was Tacheles ist und niemand glaubt ihm, weil die List, die Menschen zu verleiten, größer ist als deren Verstand.

    Es wird sich aber in nicht allzuferner Zeit alles klären...

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    , dass gerade sehr gläubige Menschen wie sie Gott immer in einen besonders engen Käfig sperren. Was nicht Gottes ist, ist des Teufels. Armer, kleiner, ohnmächtiger Gott, der hier von ihnen beschworen wird. Was auch immer man unter Gott versteht, er kann wesentlich größer und freundlicher sein, da bin ich (27) mir sicher...

    , dass gerade sehr gläubige Menschen wie sie Gott immer in einen besonders engen Käfig sperren. Was nicht Gottes ist, ist des Teufels. Armer, kleiner, ohnmächtiger Gott, der hier von ihnen beschworen wird. Was auch immer man unter Gott versteht, er kann wesentlich größer und freundlicher sein, da bin ich (27) mir sicher...

    • 42317
    • 27.05.2010 um 11:29 Uhr

    Der Unterscheidung zwischen Moses und Mohammed einerseits, die bedeutende politische Führungspersönlichkeiten innerhalb ihres sozialen Umfelds waren, und Jesus andererseits, der nie mehr war als der Sohn eines Schreiners und eine rein spirituelle Inspiration, kann ich mich nur anschließen.
    Wie Jesus auf den Gedanken gekommen ist, er sei der Sohn Gottes, kann ich nicht sagen, aber er hat, sofern die Überlieferung in diesem Punkt zutrifft, nie den Versuch gemacht, eine politische Größe zu werden.

    Antwort auf "Na ja..."
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    • dacapo
    • 26.12.2010 um 13:45 Uhr

    Nicht Jesus hat von sich behauptet, er sei Gottes Sohn.

    • dacapo
    • 26.12.2010 um 13:45 Uhr

    Nicht Jesus hat von sich behauptet, er sei Gottes Sohn.

  3. , dass gerade sehr gläubige Menschen wie sie Gott immer in einen besonders engen Käfig sperren. Was nicht Gottes ist, ist des Teufels. Armer, kleiner, ohnmächtiger Gott, der hier von ihnen beschworen wird. Was auch immer man unter Gott versteht, er kann wesentlich größer und freundlicher sein, da bin ich (27) mir sicher...

    Antwort auf "Mutig, mutig, mutig..."

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