DIE ZEIT: Moses, Jesus und Mohammed haben die Menschen belogen, Gott ist nur eine verrückte Idee und die unsterbliche Seele eine Chimäre. Das behauptete vor mehr als 300 Jahren ein anonymer Verfasser in dem wohl radikalsten Text der Aufklärung, dem Traité des trois imposteurs, dem Traktat über die drei Betrüger. In Frankreich ist er in den letzten Jahren immer wieder aufgelegt worden. Was macht ihn so spannend?

Winfried Schröder: Seit einigen Jahren gibt es eine heftige Diskussion um das Verhältnis von Moderne und Religion. Und genau darum geht es hier. Wenn wir wissen wollen, wie es zu dem historisch einzigartigen Vorgang gekommen ist, dass in der westlichen Kultur die traditionelle religiöse, aber auch die traditionelle philosophische Weltsicht überwunden wurde, lohnt es sich, diesen Text anzuschauen.

ZEIT: Er ist trotz seines Alters immer noch leicht zu lesen, und manche Provokation funktioniert nach wie vor. So heißt es über die großen Drei: "Wenn man von ihrem Geschwätz genug hatte, das häufig nur darauf abzielte, Aufstände anzuzetteln, brachte man sie zum Schweigen, indem man sie auf die eine oder andere Weise umbrachte. Selbst Jesus Christus entrann nicht seiner gerechten und verdienten Strafe."

Schröder: Wir haben es in solchen Passagen mit blasphemiefreudiger Polemik, aber auch mit einer frühen Form der Ideologiekritik zu tun. Der unbekannte Autor will zeigen, dass Religionsstifter im Grunde nur ihre handfesten Herrschaftsinteressen durchsetzen wollten und ihren Anspruch damit zu legitimieren versuchten, dass Gott sich ihnen offenbart habe.

ZEIT: Der Traktat scheint in seiner Radikalität alles, was im 18. Jahrhundert noch folgt, zu überbieten.

Schröder: Das ist tatsächlich frappierend. Denn man darf eines nicht vergessen: Die Aufklärung war eine Bewegung, die sich des öffentlichen Verlagswesens bediente, und dort gab es Beschränkungen. Die Existenz Gottes infrage zu stellen war tabu, die Autorität der Bibel zu bezweifeln ging zumindest nicht straflos aus. Die großen Aufklärer von Voltaire bis Kant waren daher von vornherein moderat und schreckten davor zurück, mit sämtlichen religiösen Traditionsbeständen zu brechen. Nun gab es aber neben dieser sich öffentlich artikulierenden Aufklärung die littérature clandestine. Die radikalen Untergrundphilosophen verbreiteten ihre Texte in anonymen Drucken und Manuskripten. Sie nahmen beim Geschäft der Traditionsprüfung keine Rücksicht. Das kritische Potenzial, auch das Destruktionspotenzial der Aufklärung wird deshalb lange Zeit nicht in der Öffentlichkeit sichtbar, denn dort schreckte man vor Positionen zurück, wie sie der Verfasser des Traité im Schutz der Anonymität zu äußern wagte.

ZEIT: Dabei soll der Urtext des Traktates schon lange vor der Aufklärung entstanden sein, im Mittelalter…

Schröder: Ja, es existiert ein bis ins 13. Jahrhundert zurückreichendes Gerücht, der Stauferkaiser Friedrich II. habe die drei großen Religionsstifter Betrüger genannt. Wir wissen nicht, ob das stimmt. Aber allein der Gedanke war ungeheuerlich. Dieses Gerücht lebte über die Epochen fort. Und schließlich setzt sich also Ende des 17. Jahrhunderts irgendjemand, vom dem wir bis heute nicht wissen, wer es war, an den Schreibtisch und verfasst einen Text, der dem Gerücht entspricht. Und es sogar noch übertrifft! Schließlich beinhaltet der Traité eine Metaphysik-Kritik, deren Resultat der Atheismus ist.

ZEIT: Was treibt den Autor?

Schröder: Es geht ihm um die Emanzipation des Menschen durch die Befreiung von religiösen und philosophischen Vorurteilen. Der Text ist ein Manifest – und in weiten Passagen auch eher apodiktisch als argumentierend. Das wichtigste wiederkehrende Motiv ist das der Religion als einer Verblendung. Dabei bedient sich der Autor ebenso großzügig wie eigenwillig bei den Philosophen der Zeit, bei Thomas Hobbes und Baruch de Spinoza, die mit einigen ihrer Theorien die Fundamente des christlichen Weltbildes angegriffen haben. Für Spinoza etwa ist Gott keine Person mehr; er war überzeugt, dass wir einen abstrakten Gottesbegriff brauchen. Der anonyme Autor nun führt Spinozas Anregung weiter, indem er sagt: Wir können überhaupt auf einen Gottesbegriff verzichten, denn wir haben eine plausiblere, weil sparsamere Theorie, wenn wir annehmen, dass das Mobiliar der Welt nur aus materiellen Gegenständen besteht; wir sollten also auf die unbegründete Annahme verzichten, es gebe so etwas wie nichtmaterielle Gegenstände, so etwas wie Seelensubstanzen – und Gott.