Aufklärung Der Gottesbetrug
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"Die allermeisten Aufklärer waren keine Atheisten"

ZEIT: Reißt der Text nur Bestehendes ein, oder will er auch Neues stiften?

Schröder: Da ist keinerlei politische oder anderweitige Utopie zu erkennen, nein.

ZEIT: Die Utopie war, frei zu denken.

Schröder: Wenn Sie so wollen. Die Menschen – das war das Verheißende des Textes – sollten von den Fesseln befreit werden, die sie in ihrem Handeln und Denken einschränkten, von den Fesseln einer Moral, die im Bunde mit einer fragwürdigen, repressiven Herrschaft stand. Darum wollte der Autor auch unbedingt mit der Vorstellung aufräumen, es gäbe Strafen im Jenseits. Zum historischen Hintergrund gehört die Erfahrung des ungeheuren Gewaltpotenzials, das mit den Offenbarungsreligionen verbunden ist, denken Sie an den Dreißigjährigen Krieg. Dessen Ende liegt nur wenige Jahrzehnte zurück, als der Traité verfasst wurde.

ZEIT: In heutigen Debatten – etwa um den Konflikt mit dem Islam – wird die westliche Aufklärung oft in eins gesetzt mit Positionen wie denen des Traktats ...

Schröder: Ein gewaltiges Missverständnis! Die allermeisten Aufklärer waren keine Atheisten. Nehmen Sie Voltaire. Er wurde für seine Kirchenkritik in Frankreich verfolgt, wandte sich aber ganz explizit gegen den Traktat! Wir können nicht, sagt Voltaire, ohne einen Gott leben, der am Ende die Bösen bestraft. Es gibt diesen bemerkenswerten Satz von ihm: »Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.« Die Aufklärung, die sich im öffentlichen Raum bewegt, geht maximal so weit, das Christentum abzulehnen. Voltaire war ja kein Christ mehr. Stattdessen vertrat er die Idee einer »natürlichen Religion«, also eines mit vernünftigen Mitteln begründeten Glaubens, der zugleich auch die Moral sichert. Ähnliches finden wir bei Kant. Auch an der Vorstellung eines göttlichen Weltschöpfers hielten die Aufklärer trotz aller Begeisterung für die Naturwissenschaften fest. Da die natürliche Welt über geordnete Strukturen verfügt, so meinten sie, ist es vernünftig, einen intelligenten Urheber dieser Ordnung zu vermuten. Wenn man so will, waren unsere großen Aufklärer – mit wenigen Ausnahmen wie David Hume – Kreationisten.

ZEIT: Wie weit war der Traktat über die drei Betrüger überhaupt verbreitet?

Schröder: Schwer zu sagen. Fest steht: Er erreichte, aus dem Untergrund kommend, mit der Zeit eine große Leserschaft. Der Historiker Robert Darnton hat untersucht, wie oft diverse radikalaufklärerische und atheistische Texte in zeitgenössischen Dokumenten erwähnt werden. Da rangiert der Traktat ganz oben.

ZEIT: Das Buch ist also keine Einzelerscheinung?

Schröder: Nein. Ebenfalls von großer Bedeutung waren die Schriften des heute vergessenen Atheisten Matthias Knutzen. Mit seinen Thesen, handschriftlich verbreitet, schockierte er 1674 ganz Europa. Unter anderem forderte er, die Kirche abzuschaffen und die weltliche Obrigkeit gleich mit. Ein Exzentriker, dessen Spur sich nach der waghalsigen Veröffentlichung seiner Gedanken im Dunkel der Überlieferung verliert.

ZEIT: Im 19. Jahrhundert wuchs aus solchem Untergrunddenken dann allmählich eine geradezu populäre Philosophie. Wie kam es dazu?

Schröder: Entscheidend waren, ganz summarisch gesagt, zwei Faktoren: zum einen der Marxismus. Und dann lieferte Charles Darwin jene Theorie, welche die Annahme eines Schöpfergottes überflüssig machte. Mit ihr erst stand den Atheisten eine wissenschaftliche Alternative zum religiösen Weltbild zur Verfügung.

ZEIT: Und dennoch ist der Traktat über die drei Betrüger nicht bloß Geschichte. Woran liegt das?

Schröder: Es kommt auf den Leser an. Wer’s darauf anlegt, dem liefert der Traktat noch heute eine Menge polemische Munition. Unter anderem deshalb wird er im laizistischen Frankreich wieder so gern gelesen. Wichtig bleibt das Büchlein auf jeden Fall in historischer Perspektive: gerade weil es uns an die Wurzeln jener entzauberten modernen Welt führt, in der wir heute leben – und für die, wie nichts sonst, der Atheismus zu einer signifikanten Position geworden ist.

Die Fragen stellte Christian Staas

 
Leser-Kommentare
    • Sikumu
    • 25.05.2010 um 16:38 Uhr

    Der Mensch scheint mir manchmal der intelligenteste Dummkopf im ganzen Universum zu sein. Und das ist doch auch eine Leistung!
    Hochachtungsvoll

  1. "Der unbekannte Autor will zeigen, dass Religionsstifter im Grunde nur ihre handfesten Herrschaftsinteressen durchsetzen wollten und ihren Anspruch damit zu legitimieren versuchten, dass Gott sich ihnen offenbart habe."

    Fairerweise muss man anmerken: das trifft auf Moses und auch auf Mohammed zu, beide nutzen ihre Popularität um sich zu politischen Führern aufzuschwingen. Auf Jesus (sofern seine Darstellung in der Bibel auch nur ansatzweise der Realität entspricht) aber nicht. Er wurde zwar zu einem religiös/philosophischen Führer, der aber in Armut lebte, Armut predigte und weltliche Macht und Gewalt ablehnte.

    Das macht ihn und seine Lehren eindrucksvoll, selbst für einen Quasi-Atheisten wie mich. Nicht dass das nötig wäre, in einer Welt wo Leute Mohammed oder Moses hinterherlaufen, ans Buch Mormon glauben usw., da kann man aus jedem beliebigen Betrüger einen Religionsstifter machen. Irgendjemand findet sich immer, der bereitwillig glaubt. Und selbst eine recht symphatische Religion wie das Christentum wird letztlich durch die menschlichen Machtverhältnisse (Papsttum und Co) verstümmelt und leidet an seinem altertümlichen Ballast und Widersprüchen (altes Testament).

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    • 42317
    • 27.05.2010 um 11:29 Uhr

    Der Unterscheidung zwischen Moses und Mohammed einerseits, die bedeutende politische Führungspersönlichkeiten innerhalb ihres sozialen Umfelds waren, und Jesus andererseits, der nie mehr war als der Sohn eines Schreiners und eine rein spirituelle Inspiration, kann ich mich nur anschließen.
    Wie Jesus auf den Gedanken gekommen ist, er sei der Sohn Gottes, kann ich nicht sagen, aber er hat, sofern die Überlieferung in diesem Punkt zutrifft, nie den Versuch gemacht, eine politische Größe zu werden.

    • 42317
    • 27.05.2010 um 11:29 Uhr

    Der Unterscheidung zwischen Moses und Mohammed einerseits, die bedeutende politische Führungspersönlichkeiten innerhalb ihres sozialen Umfelds waren, und Jesus andererseits, der nie mehr war als der Sohn eines Schreiners und eine rein spirituelle Inspiration, kann ich mich nur anschließen.
    Wie Jesus auf den Gedanken gekommen ist, er sei der Sohn Gottes, kann ich nicht sagen, aber er hat, sofern die Überlieferung in diesem Punkt zutrifft, nie den Versuch gemacht, eine politische Größe zu werden.

  2. Interessanter Beitrag, aber leben wir, wie Herr Schröder am Ende meint meint wirklich in einer "entzauberten Welt".
    Hat nicht gerade die moderne Physik Denkansätze geschaffen, die selbst kühnste Metaphysikerträume wie Kinderspielereien aussehen lasssen und die Phantasie mehr anregen als alle Religiösen Texte ? Allein zB. die Tatsache, das sich Elementarteilchen so "zusammenfügen" ,dass sie ein denkendes Wesen (Mensch) hervorbringen, das dann wieder über Elementarteilchen nachdenkt, das sich diese also ein Bewusstsein ihrer selbst schaffen, versetzt mich immer wieder in Erstaunen.
    Die Welt ist auch ohne Religion "zauberhaft".

    • joG
    • 26.05.2010 um 20:50 Uhr

    ...auf ihre demokratische bzw. menschenrechtliche Kompatibilität hin abzuklopfen. Mißtrauen ist angebracht."

    Das ist eine Aufforderung zur relativen Ethik, die letztlich keine Problem löst, da dadurch Werte wie die von Ihnen genannten "Menschenrechte" oder gesellschaftliche Instrumente wie Demokratie der sich wandelnden Anschauungen und Gruppeninteressen unterworfen sind. In einem solchen Gedankengebäude gibt es keine "guten" Werte. Es gibt nur die aktuellen Werte einer jeweiligen Gruppe, die mehr oder weniger intensiv vertreten und je nach Machtverhältnissen durchgesetzt werden.

    Aus dieser Logik leitet sich strikt ab, dass man seriös nicht mehr mit Werten argumentieren kann. Werte werden dann nur noch vorübergehend als Instrument verwendet, um Gruppenkohäsion zu fördern und um die Gruppe gegen andere Gruppen abzusetzen. In den Werten gibt es dann keine dauerhafte Schranke jedoch zum Verhalten der Menschen gegeneinander.

    Das muss nicht schlecht sein. Man weiß ja schließlich, dass es kein wirkliches "Gut" und "Böse" gibt. Es gibt lediglich momentanes "Gut" und "Böse". Man weiß, dass man der Macht der Gruppe ob nun der Masse oder des Autokraten ausgeliefert ist und jede Begründung dem steten Wechsel der Bedingungen und scheinbaren oder wirklichen Erfordernissen angepasst werden kann und sollte.

    • elia-1
    • 26.05.2010 um 21:08 Uhr

    ...von Zeit-online, dieses Thema anzusprechen.

    In der Tat wurden alle Religionen der Welt vom Teufel erfunden. Wo Gott, da auch Teufel.

    Das Fenster zur Erkenntnis ist rel. schmal und eng. Nur wenige werden da durchschlüpfen können. Ist so.

    Schaut man sich in der Welt um erkennt man, daß sich recht viele Gruppierungen "um die Wahrheit" bemühen und sich auch "uneigennützig" die Köpfe dabei einschlagen. Das ist eben Glaube. Wissen ist aber besser. Mit diesem Wissen kann man elegant die Verrücktheit umschiffen. Verrücktheit allerorten. Niemand will das sehen und doch ist es so.

    Ich selbst (62), obwohl schon seit Kindheit gläubig, mußte so lange warten, um diese Erkenntnis zu erlangen. Es ist ein Wahnsinn, was der Teufel angerichtet hat. Und alle haben mangels besserem Wissen mitgemacht.

    Der Artikel spiegelt exakt das wieder, an dem die Welt krankt. Ein Kluger sagt, was Tacheles ist und niemand glaubt ihm, weil die List, die Menschen zu verleiten, größer ist als deren Verstand.

    Es wird sich aber in nicht allzuferner Zeit alles klären...

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    , dass gerade sehr gläubige Menschen wie sie Gott immer in einen besonders engen Käfig sperren. Was nicht Gottes ist, ist des Teufels. Armer, kleiner, ohnmächtiger Gott, der hier von ihnen beschworen wird. Was auch immer man unter Gott versteht, er kann wesentlich größer und freundlicher sein, da bin ich (27) mir sicher...

    , dass gerade sehr gläubige Menschen wie sie Gott immer in einen besonders engen Käfig sperren. Was nicht Gottes ist, ist des Teufels. Armer, kleiner, ohnmächtiger Gott, der hier von ihnen beschworen wird. Was auch immer man unter Gott versteht, er kann wesentlich größer und freundlicher sein, da bin ich (27) mir sicher...

    • 42317
    • 27.05.2010 um 11:29 Uhr

    Der Unterscheidung zwischen Moses und Mohammed einerseits, die bedeutende politische Führungspersönlichkeiten innerhalb ihres sozialen Umfelds waren, und Jesus andererseits, der nie mehr war als der Sohn eines Schreiners und eine rein spirituelle Inspiration, kann ich mich nur anschließen.
    Wie Jesus auf den Gedanken gekommen ist, er sei der Sohn Gottes, kann ich nicht sagen, aber er hat, sofern die Überlieferung in diesem Punkt zutrifft, nie den Versuch gemacht, eine politische Größe zu werden.

    Antwort auf "Na ja..."
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    • dacapo
    • 26.12.2010 um 13:45 Uhr

    Nicht Jesus hat von sich behauptet, er sei Gottes Sohn.

    • dacapo
    • 26.12.2010 um 13:45 Uhr

    Nicht Jesus hat von sich behauptet, er sei Gottes Sohn.

  3. , dass gerade sehr gläubige Menschen wie sie Gott immer in einen besonders engen Käfig sperren. Was nicht Gottes ist, ist des Teufels. Armer, kleiner, ohnmächtiger Gott, der hier von ihnen beschworen wird. Was auch immer man unter Gott versteht, er kann wesentlich größer und freundlicher sein, da bin ich (27) mir sicher...

    Antwort auf "Mutig, mutig, mutig..."

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