Euro-Krise »Vertrauen Sie Europa!«
Geteiltes Geld, geteiltes Schicksal: Wenn die EU scheitert, geht der Menschheit ein großes Erbe verloren. Ein Gespräch mit Jacques Delors, dem Vater des Euro
DIE ZEIT: Herr Delors, wie schlimm steht es um Europa?
Jacques Delors: Jeder lebendige Organismus durchläuft Krisen. Ich war auch öfter mal richtig krank.
ZEIT: Viele Politiker geben sich hochalarmiert. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wird grundsätzlich und warnt: Der Euro ist Europa, und Europa ist der Frieden.
Delors: Ein ehemaliger französischer Minister, Jean-Pierre Chevènement, sagte einmal: Wir brauchen Europa nicht mehr, weil den Völkern mittlerweile die Kraft fehlt, gegeneinander Krieg zu führen. Doch ob das wirklich stimmt…
ZEIT: Sie haben die Grundlagen für die Währungsunion gelegt. Was ist schiefgegangen?
Delors: Der EU fehlt eine Ergänzung der Geld- durch eine Wirtschaftspolitik. Die hatte ich schon 1989 in meinem Bericht an den Europäischen Rat gefordert, und der stimmte damals auch zu. Aber danach konzentrierte sich alles nur auf die Geldpolitik. Ein Konstruktionsfehler! Hätten wir den europäischen Institutionen die richtigen Kompetenzen gegeben, hätten sie schon zu Beginn der Exzesse an den britischen oder spanischen Immobiliemärkten Alarm schlagen können. Sie hätten die Spanier auch darauf hinweisen können, dass ihre privaten Ersparnisse zu gering waren.
ZEIT: Aber die Europäer wollten nun einmal keine Wirtschaftsregierung.
Delors: Die habe ich nie gefordert. Uns fehlt es in der EU doch nicht an Institutionen. Ich wollte mehr Koordination der nationalen Wirtschaftspolitiken. Es gibt ja nicht nur die Wahl zwischen souveränen Staaten mit jeweils eigenen Währungen einerseits und den Vereinigten Staaten von Europa andererseits, nach dem Modell der USA etwa. Insofern ist auch die Alternative falsch, die von den amerikanischen Ökonomen Paul Krugman und Joseph Stiglitz formuliert wird: entweder Zerfall der Euro-Zone oder eine europäische Regierung. Nein, die Nationalstaaten werden fortbestehen, aber sie müssen viel enger zusammenrücken.
ZEIT: Und wenn das nicht geschieht?
Delors: Dann sind zwei Szenarien möglich. Entweder einzelne Länder scheren aus. Das wäre katastrophal, auch für diejenigen, die drinbleiben. Oder aber Europa wird, wie wir Katholiken sagen, eine Messe ohne Glauben.
ZEIT: Heute sind Ihre Vorschläge aus der Gründungszeit des Euro wieder im Gespräch.
Delors: Ich hatte damals auch vorgeschlagen, über europäische Anleihen die nötigen Mittel zu beschaffen, um in bestimmten Mitgliedsstaaten zu helfen, etwa in Zeiten der Rezession. Weil Sie in einer Währungsunion eben nicht nur eine Zentralbank, sondern auch solche wirtschaftspolitischen Instrumente brauchen.
- Datum 23.05.2010 - 12:03 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2010 Nr. 21
- Kommentare 31
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





"Jeder lebendige Organismus durchläuft Krisen. Ich war auch öfter mal richtig krank."
Jeder lebendige Organismus hat aber eben auch ein Ende. Schliesslich hat das 1000 Jahre nicht geklappt - wieso jetzt? Seit wann ist der Mensch belehrbar geworden? In der Not ist der Grieche wieder Grieche und kein Europäer - das kann man auf jedes einzelne europäische Land 1:1 übertragen. Keine einheitliche Sprache, keine einheitliche Kultur etc.
Die USA bleiben mit ihren Eigenschaften Europa immer einige Schritte voraus. Deshalb Schluss mit diesem EU-Geldverschleuderbündnis.
Die zu geringe wirtschaftliche Abstimmung ist letztlich nur ein Symptom für ein viel tiefer greifendes Problem.
Der Wunsch nach friedlichen und gewaltlosen, ausschließlich auf Konsens setzende Verhältnisse, die ständige "Lösung" von Hindernissen ausschließlich mit dem Scheckbuch, haben dazu geführt, das wir gegenüber bösartigen oder einfach egoistischen Gruppen nichts entgegenzusetzen haben.
Europa ist durch und durch korrumpiert, viele politische Vertreter sind bereit auf jedes Prinzip zu verzichten, wenn dies Konflikte vertagt oder vermeidet.
Deutsche Sozialpolitik wurde ebenfalls auf diese Weise betrieben.
Nur auf Dauer kann das kein Gemeinwesen durchhalten, wenn Versorgungswünsche und Ansprüche vor der Erwirtschaftung derselben kommen.
Damit verkommt auf Dauer jedes System zu einer auf legalen Raub und Diebstahl basierenden, jede Moral fahren lassende Ellbogengesellschaft. Denn die hilfebedürftige, oder lediglich schmarotzende Klientel kann ihre Existenz mangels Fähigkeit und Möglichkeit auf Dauer nur sichern in dem das Gemeinwesen ausgeplündert wird. Dabei zieht sich diese Ausplünderung durch sämtliche Gesellschaftsschichten auf Basis verbriefter Rechte.
In Osteuropa ist das in weiten Teilen zur Gänze so, das Regierung praktisch mit der Mafia identisch ist. Und auf der Suche nach weiteren Plünderungsmöglichkeiten sich in den Westen ausbreitet, teilweise basierend auf alte KGB oder Stasi Strukturen, die auf diese Weise Status und Überleben gesichert haben.
H.
Ein Vertrauensverhältnis wächst doch langsam mit gegenseitiger
Rücksichtnahme usw.
Seit der Euroeinführung mussten Deutsche viele Einbußen hinnehmen bspw bei der Lohnerhöhung, die überall nach oben schnellte außer in D, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Hier sind die Lohne sogar gesunken. Aber in der europäischen Wirtschaftspolitik heißt es dann, die Deutschen zocken durch günstige Lohnstückkosten ihre Nachbarn ab.
Nein, ich glaube im Moment auch nicht, daß sich eine Entwicklung von der gemeinsamen Geldpolitik zur gemeinsamen Wirtschaftspolitik auch nur ein bisschen positiv für Deutschland auswirken könnte.
Den Interviewer fand ich toll.
Wer solch einen Murks wie bei der Einführung des Euro fabriziert, verdient kein Vertrauen. Die Argumente wurden gewiss dutzende Mal zu Papier gebracht. Ich bin entsetzt, wenn ich sehe was unsere Spitzenpolitiker in die Welt setzen. Jeder Student der Volkswirtschaft im zweiten Semester konnte das Unheil nicht nur kommen sehen, sondern im Detail beschreiben! Länder, deren Währungsbiographien zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass gaben, wurden mit Holland und Deutschland in eine Währung gepresst, Deutschland, das seit der Weltwirtschaftskrise eine neurotische Angst vor Inflation hat! Und das ohne irgendeine wirksame Kontrolle! Armes Europa!
Jede Krise ist ein Einschnitt -- ein Zugeständnis, dass das Bisherige nicht mehr funktioniert. Zugleich bietet sie aber auch eine einmalige Gelegenheit, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.
Schon bei Einführung des Euro warnten viele Ökonomen, dass eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik nicht krisenfest sei. Leider hatten sie recht. Also ist jetzt der gegebene Moment, mit einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik zu beginnen.
von EU, Euro und dem europäischen Kulturraum- keine Angst, die EU geht nicht unter wenn der Euro scheitert und die europäische Kultur nicht wenn die Eu platzt.
Es fällt mir unangenehm auf, dass in der politischen Rhetorik der Bestand des Euro fast schon zu einer Frage von Krieg und Frieden in Europa stilisier wird. Hallooo- befanden wir uns etwa vor der Euro Einführung im Krieg mit den nicht D-Mark Ländern ? Habe ich da etwas verpasst? Es ist doch auffällig, das gerade nach der Euro Einführung plötzlich wieder allenthalben nationalistische Töne zu hören sind ("Die faulen Griechen", "die egositischen Deutschen"...etc.)
Europa war v o r der Euro Einführung einiger als gegenwärtig.
Deutschland hat übrigens nicht von der Euroeinführugng profitiert- wir haben auch zu DM Zeiten gut exportiert- und besser gelebt.
....das alte "Alternativlos!" Argument zu reformulieren. Delors War verantwortlich für die Schlampereien Maastricht Vertrag, Stabilitätspakt und Lissabonner Vertrag wie kein Anderer. Er hatte seine Chance und wir zahlen nun seine Rechnung. Das ist unerträglich. Er sollte haften.
Sie haben Recht, dem Arbeitnehmer hat der durch die Bevölkerung nicht legitimierte Euro nichts gebracht, aber fragen Sie mal Vertreter der exportierenden Industrie! Dort sind die Gewinne geradezu explodiert. Und das Tolle daran: unter dem Hinweis auf die verstärkte Konkurrenz aus dem Ausland wurden gleichzeitig die Löhne gesenkt, toll was? Dumm ist nur, dass der damals ver... Normalbürger nun auch noch die Zeche dieser Party bezahlen muss. Ich gebe meinen Vorkommentatoren Recht: Vertrauen kann man durch eine solche Politik nicht erwarten!
....das alte "Alternativlos!" Argument zu reformulieren. Delors War verantwortlich für die Schlampereien Maastricht Vertrag, Stabilitätspakt und Lissabonner Vertrag wie kein Anderer. Er hatte seine Chance und wir zahlen nun seine Rechnung. Das ist unerträglich. Er sollte haften.
Sie haben Recht, dem Arbeitnehmer hat der durch die Bevölkerung nicht legitimierte Euro nichts gebracht, aber fragen Sie mal Vertreter der exportierenden Industrie! Dort sind die Gewinne geradezu explodiert. Und das Tolle daran: unter dem Hinweis auf die verstärkte Konkurrenz aus dem Ausland wurden gleichzeitig die Löhne gesenkt, toll was? Dumm ist nur, dass der damals ver... Normalbürger nun auch noch die Zeche dieser Party bezahlen muss. Ich gebe meinen Vorkommentatoren Recht: Vertrauen kann man durch eine solche Politik nicht erwarten!
Die Franzosen nutzten die EU als Instrument um Milliarden von Deutschland abzusaugen.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf einen aggressiven Tonfall und bemühen Sie sich um konstruktive Beiträge. Danke. Die Redaktion/km
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf einen aggressiven Tonfall und bemühen Sie sich um konstruktive Beiträge. Danke. Die Redaktion/km
Dass wir die Souveränität des Budgetrechts in nicht allzuferner Zukunft an die EU geopfert haben werden, um weiter dem goldenen Kalb "Europäische Union" zu huldigen, werden wir auch in nicht allzuferner Zukunft bereuen.
Ein weiterer Schritt auf dem Weg in die totalitäre EU.
Ich freu mich schon darauf (wenn ich dem Spektakel aus der Ferne zuschauen werde)!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren