Nichts deutet darauf hin, dass Justizgeschichte geschrieben wird an diesem Montag im Mai. Im lichtdurchfluteten Saal 2.07 des Landgerichts Bonn geht es eigentlich nur um ein paar Zehntausend Euro; eine belgische Firma verklagt ein deutsches Unternehmen. Doch dann betritt der Vorsitzende Richter Manfred Kaufmann den Saal und begrüßt die Streitenden. »Good afternoon«, sagt er.

Und das ist eine Revolution.

Bislang nämlich gilt: »Die Gerichtssprache ist deutsch.« So unmissverständlich steht es im Gerichtsverfassungsgesetz, Paragraph 184. Aber nicht mehr lange. Denn die englische Sprache zieht ein in die deutschen Gerichtssäle.

Das Verfahren in Bonn war ein erster Test: Seit Kurzem darf an drei Landgerichten im Rheinland probeweise auf Englisch verhandelt werden. Nach dem Willen des Bundesrats sollen bald bundesweit ganze Prozesse auf Englisch stattfinden – von der Klageschrift bis zum Urteil. Anfang des Monats hat die Länderkammer einen entsprechenden Gesetzentwurf auf den Weg gebracht.

Dabei geht es nicht um Nachbarschaftsstreit und Unterhaltszahlungen – die werden weiterhin auf Deutsch verhandelt. Es geht um den länderübergreifenden Zwist zwischen Unternehmen. Die nämlich streiten sich immer seltener in Deutschland und vereinbaren lieber, vor ein ausländisches Gericht zu ziehen, vor allem in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien.

Der wichtigste Grund: »Englisch ist zur Lingua franca der globalisierten Wirtschaft geworden«, sagt Professor Hein Kötz, der emeritierte Direktor des Max-Planck-Instituts für internationales Privatrecht in Hamburg. »Die ausländischen Vertragspartner eines deutschen Unternehmens werden immer lieber Englisch als Deutsch reden – selbst wenn sie aus Honduras oder Bolivien kommen.« Solange vor deutschen Gerichten aber nur Deutsch gesprochen werden dürfe, bedeute das einen handfesten Standortnachteil, glaubt Kötz: »Unsere Unternehmer und Anwälte müssen sich zähneknirschend auf einen anderen Gerichtsstand einlassen.«

»Es geht darum, attraktive Mandate und Streitfälle zu importieren«

Diese Abwanderung von Prozessen will der Bundesrat nun stoppen. Verhandelt werden soll nicht länger in New York und London, sondern wieder in München und Hamburg. »Wir müssen verhindern, dass dem deutschen Recht durch die Dominanz des Englischen der Boden entzogen wird«, sagt Hamburgs Justizsenator Till Steffen. Mit der Reform will die Politik den Unternehmen im Land helfen. Wenn häufiger deutsches Recht angewendet werde, sei das nämlich ein Heimvorteil für die Firmen – selbst wenn dabei englisch gesprochen werde.

»Die Idee scheint gut, aber ich weiß nicht, ob sie wirklich durchsetzbar ist«, sagt Christian Groß, der beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag für Zivilrecht zuständig ist. Zu viel sei noch ungewiss: ob die Richter fit genug sind in der Fremdsprache, ob die englischen Akten auch in weiteren Verfahren verwendet werden können, ob sich sprachkundige Sachverständige finden lassen. Rechtsanwalt Georg Maier-Reimer von der Kanzlei Oppenhoff & Partner fürchtet, »dass die Parteien vor Gericht aneinander vorbeireden und das Missverständnis erst im Urteil bemerken«. Zu sehr sei jede Fachsprache von ihrer eigenen Rechtstradition geprägt, als dass man deutsches Recht problemlos auf Englisch verhandeln könne. »Wo die Grenze zwischen Sprache und Recht verläuft, lässt sich nicht eindeutig festlegen.«

Und auch die großen Unternehmen im Land sind uneins, was sie von der Reform halten sollen. »Wir stehen der Gesetzesinitiative neutral gegenüber«, heißt es beim Ludwigshafener Chemiekonzern BASF, der viele Prozesse im Ausland führt. »Die Reform bringt für unsere Aktivitäten allerdings keinen unmittelbaren Mehrwert.« Eine führende Juristin eines anderen Dax-Unternehmens spricht jedoch von einem »Meilenstein, wenn vor deutschen Gerichten nicht mehr alles übersetzt werden muss«. Die Reform spare Kosten und erübrige den häufigen Streit um Übersetzungsfehler. »Wenn das Sprachproblem wegfällt«, sagt sie, »wird die Zahl unserer Verfahren vor normalen deutschen Gerichten steigen.«

In der Diskussion um den Paragraphen 184 geht es um weit mehr als nur die Sprache. Es geht um die Frage, welches Recht sich international durchsetzt. Zwei Systeme kämpfen um die Vorherrschaft: das Common Law aus Großbritannien und den USA, bei dem sich die Richter vor allem auf ältere Urteile beziehen, und das Civil Law der Kontinentaleuropäer, das viel stärker auf Gesetzestexten beruht. Es ist ein Streit um Marktanteile und Umsätze, ganz wie zwischen zwei Unternehmen.