Karen Elson Schön und gutSeite 3/3

Bewegung kam in die Sache allerdings erst, als Elson einer Mitarbeiterin der Londoner Zentrale auffiel. Die beschwatzte die 16-Jährige, die Schule sausen zu lassen und sich von London aus auf ein glamouröses Leben in der großen, weiten Welt vorzubereiten. Dummerweise musste der Teenager dort erst mal eine Weile überleben, ohne reich und berühmt zu sein. Also bat Karen Elson ihre Mutter um Geld, die ging zum Vater, der ausgezogen war, als Elson acht war. Er rückte 200 Pfund heraus, was eine Weile für die Zimmermiete, U-Bahn, Bus und Essen reichte. »Und glauben Sie mir: Ich habe ihm jeden Penny zurückgezahlt, mit Zins und Zinseszins«, sagt sie noch immer etwas bitter. Sie ist früh erwachsen geworden, aber wenn sie über ihre Eltern spricht, klingt sie wie ein trotziger Teenager. »Ich habe meinen Eltern Häuser gekauft und Autos und einiges mehr. Aber unser Verhältnis hat das nicht verbessert. Im Gegenteil.«

Von London aus schickte man Elson nach Paris, in eine Model-WG. »Alles dort war dreckig«, erinnert sie sich, »es gab kein Radio, keinen Fernseher, nicht mal einen Staubsauger. Nur Unmengen von Kakerlaken und frustrierte Mitbewohnerinnen.« Die Modemenschen in Paris interessierten sich nicht so recht für das bleiche, rothaarige, verschüchterte Mädchen aus Manchester. Und so flog es bald desillusioniert zurück. Eigentlich war das Abenteuer damit abgehakt. Um die Schulden bei ihren Eltern zu begleichen, ergatterte Elson noch einen langweiligen, aber ordentlich bezahlten Job in Japan. Und weil der ganz gut lief, hängte sie noch einen Job in Mailand dran. Auf den weitere folgten. Nun war sie plötzlich also doch ein Model. Viel Arbeit, wenig Glamour, so hat Karen Elson diese Zeit in Erinnerung.

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Wahrscheinlich wäre es dabei geblieben, wenn nicht 1997 der Fotograf Steven Meisel ins Spiel gekommen wäre. Meisel zählt schon lange zu den mächtigsten Menschen der Modebranche, er gilt als Entdecker und Förderer von Starmodels wie Linda Evangelista, Christy Turlington, Amber Valletta. »Steven Meisel habe ich alles zu verdanken«, sagt Karen Elson, »ohne ihn säße ich nicht in diesem schönen Hotel in Hamburg, sondern vermutlich an einer Supermarktkasse in Manchester.«

Meisel überredete die inzwischen 18-Jährige, ihre Augenbrauen abzurasieren, sich die Haare zu stutzen und knallrot zu färben. Dann fotografierte er sie für den Titel der italienischen Vogue . Was in der Modewelt ungefähr so lebensverändernd ist wie ein Oscar in der Filmwelt.

Für Karen Elson war das Cover ein Triumph der besonderen Art. Immerhin hatte sie sich ein Leben lang anhören müssen, dass sie merkwürdig aussehe; zu bleich, zu dürr, überhaupt: zu unangepasst. »Sie hat ein Gesicht, so krankhaft blass, als wäre sie tot. Hasenzähne, eine Knopfnase. Also eher nicht die Voraussetzungen einer klassischen Schönheit«, so sezierte Newsweek ihre Erscheinung. Karl Lagerfeld verkündete, dass sie aussehe wie »eine Kreuzung von jemandem aus dem Mittelalter mit einem Mutanten«. Lagerfeld habe das ja nicht böse gemeint, verteidigt ihn Elson heute: »Ich war tatsächlich eine bizarre Erscheinung, als ich in dieser Szene ankam. Ich entsprach nicht im Entferntesten den geläufigen Schönheitsidealen. Ich fiel aus dem Rahmen. Weil das Steven Meisel gefiel, wurde ich zum Star.«

Schmerzt es nicht, zu hören, man sei hässlich, ein »Freak«? »Ich bin Realist, und Mode ist ein brutales Geschäft«, sagt Elson, »da darf man nicht zimperlich sein.« Und: Wenn man bereits als Kind so angegriffen werde, lege man sich irgendwann einen Panzer zu. »Als Erwachsene sagte ich mir jeden Tag: Meckert nur, aber als ›le freak‹ arbeite ich für die größten Modefirmen der Welt.« Und das wird sie, trotz der Musik, weiterhin tun.

Irritiert waren allerdings auch die Eltern, als ihre Tochter als »Freak« groß rauskam. Und dann war da noch ihr Halbbruder. Der hatte sich jahrelang durch das Nachtleben von Manchester treiben lassen, hing mit drogenvernebelten Popstars rum und erläuterte nun der Familie, was Karen als Model angeblich für wüste Dinge trieb. »Die meisten Menschen haben ja sehr präzise Vorstellungen davon, wie der Modelalltag aussieht«, sagt Elson. »Vor allem Leute, die nichts mit diesem Geschäft zu tun haben. So wie mein Bruder. Eigentlich ein kluger Mann, der meinen Eltern damals aber gewaltigen Quatsch erzählte, den sie leider für wahr hielten. Da konnte ich noch so oft sagen, dass ich jeden Tag brutal viel arbeite.«

»Nach 15 surrealen Jahren« sei sie nun aber endlich »im Leben angekommen«, sagt Elson. Und das in der Hauptstadt der Country-Music, Nashville. Die Modewelt, sagt Elson, spiele dort »gar keine Rolle«.

Jack White traf sie vor fünf Jahren bei einem Videodreh für die White Stripes. Wie Elson gilt er als eigenwilliger Außenseiter seiner Branche. Floria Sigismondi, eine renommierte Fotografin und damals die Regisseurin des Videoclips, erzählte später, man habe zwischen den beiden sofort eine »massive Anziehungskraft« wahrnehmen können.

Über ihre Ehe sagen beide in Interviews so gut wie nichts. Beim Plaudern über den vergrippten Nachwuchs verrät Elson nur, dass sie beide aufstehen, wenn nachts die Kinder schreien. Und dass sie im Supermarkt in Nashville hin und wieder angesprochen wird, ob sie die Frau von Jack White sei.

Karen Elson ist nun in zwei Illusionsindustrien beschäftigt: in der Mode und in der Popmusik. Was der Unterschied ist? »In der Mode«, sagt Elson, »kann man sich besser verstecken. Ein Coverfoto von mir enthüllt nichts, da haben Sie nur ein Bild, eine Illusion.« Wer dagegen in ihren Liedern suche, könne darin viel mehr entdecken, Intimes sogar. Ihre Songs, glaubt sie, haben wesentlich mehr mit ihr zu tun als alle Fotos. Und dann sagt sie einen Satz, der viel über die Erfahrungen ihres Lebens verrät, in ihrer Familie und später in der Modelwelt: »Die Musik hat mir den Respekt vor mir selbst wiedergegeben.«

 
Leser-Kommentare
    • Gojira
    • 25.05.2010 um 2:47 Uhr

    tut schon reichlich weh. Natürlich, dir grobe Außenseiterin, die nur aus "Zufall" Model wurde, und nicht etwa, weil sie selber auch mal die Ellenbogen ausgefahren hätte.
    Man war als Model schon gescheitetert und wurde von den Mitbewohnerinnen als häßliches Entlein mit krummem Gesicht und schiefen Zähnen verspottet und hat dann doch einen Modelvertrag in Japan bekommen? So ein Unsinn, dass ist eine gutaussehende Frau, die im Gegensatz zum Großteil der weiblichen Bevölkerung auch die annährend magesüchtige Modelfigur hat.
    Die Frau hat eine ganz normale Modelkarriere nach Schema F gemacht, ist dabei einem Rockstar aufgefallen und hat dann unter dessen Aufsicht ein mittelmäßiges Album aufgenommen. Wenn man als Model die 30 hinter sich lässt, muss man sich natürlich was neues suchen, wenn man nicht nur Kataloge von früher durchblättern will.
    Der Artikel drückt sich höflich um eine echte Plattenkritik herum - Karen Elson legt Folk-musik hin, die nicht im geringsten aus der Masse heraus sticht, aber der Promibonus spült alles nach oben, und was dann nicht zum fremdschämen schlecht ist wird gleich zum neuen Meisterwerk erklärt und selbst in der Zeit präsentiert, als wäre es ein Artikel in der Bunte. Ekelhaft.

    P.S.: Karen Elson macht nette, nichtssagende Folksongs - das kriegt man in jeder Fußgängerzone mindestens gleichwertig. Soll sie ruhig weitermachen, aber wenn für so einen Quatsch die Marketingmaschine auf Maximum gedreht wird, sieht es einfach lächerlich aus.

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    • olm
    • 26.05.2010 um 10:04 Uhr

    Ihrem Kommentar ist nichts mehr hinzuzufügen. Nachdem ich mir auch noch das Lied angehört habe, kann ich dem nur voll zustimmen. Marketing wird mittlerweile leider auf allen verfügbaren Kanälen betrieben.

    • olm
    • 26.05.2010 um 10:04 Uhr

    Ihrem Kommentar ist nichts mehr hinzuzufügen. Nachdem ich mir auch noch das Lied angehört habe, kann ich dem nur voll zustimmen. Marketing wird mittlerweile leider auf allen verfügbaren Kanälen betrieben.

    • ztc77
    • 25.05.2010 um 10:07 Uhr

    ..und Altersweisheit irgendwie verkraften, Elson versucht es wenigstens etwas weiser als Campbell, Moss, Klum & Co.

    • Puqio
    • 25.05.2010 um 23:37 Uhr
    3. Super

    Natürlich ist da immer das Geld und der Neid von anderen auf das Geld.
    Aber völlig gelöst und unabhängig vom Geld sind da die Kunst, die Schönheit, die Musik und die Freiheit.

    Ich gönne dieser knochigen Stupsnase ihren Erfolg von ganzem Herzen.

    • olm
    • 26.05.2010 um 10:04 Uhr
    4. Genau

    Ihrem Kommentar ist nichts mehr hinzuzufügen. Nachdem ich mir auch noch das Lied angehört habe, kann ich dem nur voll zustimmen. Marketing wird mittlerweile leider auf allen verfügbaren Kanälen betrieben.

    Antwort auf "So ein Werbeartikel"
  1. dieses video da oben, was soll das sein, eine ü-ei version hiervon?: http://www.youtube.com/wa... ?
    naja, als schlauer marketing-futzi hätte ich ihr bei ihrem aussehen auch eher zu so einer volk-freaknummer geraten, authentisch ist das deswegen noch lange nicht, eher im gegenteil. da waren selbst milli vanilli authentischer, selbst mit playback ^^ echt ich muss lachen.

    • r
    • 30.05.2010 um 21:02 Uhr

    schade, dass die zeit einer- würd meinen wohl eher nicht sehr spannenden -musikerin solch grosse plattform bietet. gäbe nun wirklich tolle musik über die zu schreiben es sich lohnen würde. vielleicht könnte man sogar wieder mal etwas entdecken, aber nein wird nur über das berichtet das man sowieso schon von allen seiten um die ohren geschlagen bekommt.

  2. ist mir genauso egal wie die Frage wer sie ist. Ich habe mir - diesem Artikel sei Dank - "The Ghost Who Walks" einmal angehört und war sehr angetan. Die drückende Melancholie des Liedes erinnert mich an Nick Cave zu Zeiten seiner "Muder Ballads" und ihre Stimme ist vielleicht nicht allzu besonders aber angenehm.

  3. von der ersten bis zur letzten Zeilen gegen das Klischee, das man selbst aufstellt rechtfertigt, kann es bestenfalls ein mittelmäßiger artikel werden.
    Das Album gefällt mir- ich glaube aber kaum, das ich mich nächstes Jahr noch dran erinnern werde...

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