Der Sarg war gut erhalten und lag 32 Zentimeter tief unter dem Marmorboden. Innen ruhte der Schädel auf einem mit Stroh gefüllten Seidenkissen, das Skelett war zierlich. Uninteressant, befanden die Archäologen und gruben weiter. Im zweiten Grab stießen sie auf die Gebeine eines Mannes um die fünfzig. Dann kam das dritte, das vierte, das fünfte Grab, alles Männer zwischen vierzig und fünfzig. Monat um Monat durchsuchten die Forscher so den Dom des Städtchens Frauenburg (polnisch: Frombork) am Frischen Haff in Ostpreußen.

Im dreizehnten Grab fanden sie endlich den Schädel eines Mannes, der zwischen sechzig und siebzig Jahre alt gewesen sein musste, als er starb. Ein DNA-Vergleich mit zwei Haaren, die man in einem Buch des Gesuchten gefunden hatte, brachte im November 2008 Gewissheit: Dies war der Kopf von Nikolaus Kopernikus, Domherr von Frauenburg, Astronom aus Leidenschaft, gestorben im Jahr 1543, verantwortlich für die größte Revolution der Geistesgeschichte.

»Das ist ein großes Ereignis für Frombork«, sagt Bischof Jacek Jezierski, der die Suche nach den sterblichen Überresten des Kopernikus in Auftrag gegeben hat. Seitdem laufen die Vorbereitungen für eine Neubestattung. Am Pfingstsamstag ist es so weit, die Gebeine werden im Dom feierlich beigesetzt, in einem »schönen Sarkophag«, wie der Bischof verspricht. Eine Tafel wird das Grab verzieren, auf der die miniaturisierten Planeten um die Sonne kreisen, Gold in schwarzem Granit. Der Bischof wird das Weltbild segnen, das seine Kirche einst bannte.

Was für eine Karriere: zu Lebzeiten geachtet, posthum geächtet, heute ein Held. Nicht nur die Kirche hat ihre Meinung über Kopernikus revidiert. Auch Historiker sehen ihn längst in einem anderen Licht. Denn tatsächlich hatte der brave Kirchenmann nie die Absicht, ein neues Weltbild zu entwerfen. Im Gegenteil, er wollte das alte neu begründen. Ganz nebenbei rutschte ihm dabei die Sonne ins Zentrum.

»Er war eher der letzte Astronom der Antike als der erste Astronom der Neuzeit«, schreibt der Bielefelder Wissenschaftstheoretiker Martin Carrier 2001 in seiner Kopernikus-Biografie. »Sein Anspruch war restaurativ.« Eigentlich wollte Kopernikus der aristotelischen Lehre von der Bewegung der Himmelskörper wieder zu ihrem Recht verhelfen. Die Kirchenführung prüfte seine Ideen wohlwollend. Es waren andere, die sie gegen Rom in Stellung brachten, allen voran Galileo Galilei und Giordano Bruno. Als Galileo sein Fernrohr vor 400 Jahren gen Himmel richtete, begann das Zeitalter der empirischen Naturwissenschaft. Johannes Kepler, Tycho Brahe und Isaac Newton führten die kopernikanische Revolution weiter.

Die Folgen gingen weit über die Astronomie hinaus. »Alles liegt in Stücken«, klagte der englische Dichter John Donne zu Beginn des 17. Jahrhunderts, »jeder Zusammenhang, jeder rechte Halt und Bezug ist dahin.« Friedrich Nietzsche schrieb 1885: »Seit Copernicus rollt der Mensch aus dem Centrum ins x«, und Sigmund Freud nannte die Kopernikanische Wende – neben Darwins Evolutionstheorie und seiner eigenen Psychoanalyse – eine der drei großen Kränkungen der »naiven Eigenliebe« der Menschheit.

Im Jahr 1510 zirkulierten die Thesen des Frauenburgers erstmals in der Öffentlichkeit. In Kopernikus’ Todesjahr 1543 erschien schließlich sein Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium. Damals war revolutio noch ein Fachwort für die Kreisbewegung der Himmelskörper.

Es war nicht der einzige Umbruch. Als Kopernikus studierte, segelte Christoph Kolumbus unbekannten Kontinenten entgegen, die Geografie der Erde musste neu geschrieben werden. In Wittenberg schlug Luther seine Thesen an, in ganz Europa verbreitete sich der Buchdruck. Die Zeit war reif für ein neues Weltbild.