Die fünfziger Jahre haben es weit gebracht. Auch die, die sie nicht erlebt haben, erinnern sie inzwischen als kunstbuntes Märchen, das von der Vergangenheit verständlicherweise nichts wissen wollte. Dass es schon damals »Gegenstimmen« gab, wird gern vergessen.

Zerschwatzte Dichtung, ein Essay aus Walter Muschgs zuerst 1956 erschienener, dreimal erweiterter Aufsatzsammlung Die Zerstörung der deutschen Literatur, beginnt spöttisch karikierend: »In Zeitläuften der Atomisierung blüht am Rande das sublime Verständnis für Heiles und Reines. Wir legen Städte in Trümmer und graben entzückt archaische Scherben aus dem Boden.« Der Aufsatz nimmt sich der anderen Seite der Vergangenheitsvergesslichkeit an, jener modischen philosophischen Verstiegenheit, die für Muschg in Heideggers Aufsätzen zur Literatur ihren Gipfelpunkt erreichte.

Nachdem er zuerst mit der Rilke-Philologie ins Gericht geht und die Duineser Elegien als »ideale Unterlage« für die »pseudoreligiösen Bedürfnisse« bezeichnet, die Rilke »zu einer Art von lyrischem Rasputin verzerrt haben«, zeigt Muschg am Beispiel von Heideggers Interpretation der fragmentarischen Hymne Wie wenn am Feiertage, dass dieser die achte Strophe unterschlagen muss, um seine zeitgemäße Fantasie von Hölderlin als Seher und auserwähltem Mittler zwischen Göttern und Menschen lesen zu können. »Das ist«, kommentiert Muschg radikal, »eine plumpe Fälschung. Die zerbrechende Schlussstrophe stellt für jeden, der lesen kann und will, den messianischen Glauben Hölderlins in Frage. Er stimmt in ihr das ›Weh mir!‹ über den ›falschen Priester‹ an, der sich unberufen den Himmlischen naht (…).« Sich selber demaskierend, schreibe Heidegger zu seiner Variante des Gedichts: »Der hier zugrunde gelegte Text beruht, nach den urschriftlichen Entwürfen neu geprüft, auf dem folgenden Versuch einer Auslegung.« Man schustert sich den Text nach den Zielen der eigenen Interpretation zurecht. Am Beispiel einer Trakl-Interpretation geißelt Muschg Heideggers »Sucht« des »Etymologisierens«. In diesem Fall »samt und sonders ein Unfug, weil ja Trakl die Wörter nicht in ihrer althochdeutschen Bedeutung braucht«.

Wer war dieser Walter Muschg, dessen Zerstörung der deutschen Literatur jetzt bei Diogenes in einer umfangreichen, aber handlich-schönen Dünndruckausgabe nach 49 Jahren Pause wieder zu haben ist? Woher kam die mit erstaunlicher Treffsicherheit gepaarte, geradezu »unschweizerische« Leidenschaftlichkeit, mit der sich dieser Basler Professor erlaubte, über Geistesgrößen Nachkriegsdeutschlands herzufallen? Der Ptolemäer. Abschied von Gottfried Benn liest sich nicht weniger giftig. Muschg schrieb lieber über Hans Henny Jahnn, mit dem er die Liebe zur Orgel teilte, über Alfred Döblin, dessen Werke er herausgab, über Barlach oder Jean Paul.

Die Benn-und-Heidegger-Spur täuscht nicht. Muschg, 1898 in Witikon bei Zürich geboren, 1965 in Basel gestorben, nahm beiden übel, dass sie sich dem Nationalsozialismus zeitweilig als Propagandist angedient hatten, und machte sie für die Verdrängung und versuchte Zerstörung der Literatur der Weimarer Republik mit verantwortlich.

Er selbst hatte in den zwanziger Jahren auch in Berlin studiert, 1923 über Kleist promoviert. 1929 schrieb er seinen ersten Aufsatz zu Franz Kafka. 1933 sorgte er dafür, dass Hans Henny Jahnn seine Emigration in der Schweiz beginnen konnte. In seiner Basler Antrittsvorlesung von 1936 setzte Muschg sich mit Nadlers Stammesliteraturgeschichte auseinander, 1939 begann er Die Landschaft Stifters mit dem Satz: »Die Landschaft Adalbert Stifters ist ein Bestandteil jenes Gebietes, in das im Herbst vergangenen Jahres die deutschen Truppen einmarschiert sind.« 1939 wurde Muschg für den »Landesring der Unabhängigen«, die Partei des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler, in den Nationalrat gewählt, wo er sich auch gegen die »Angleichung« des Außenhandels »an die Bedürfnisse der deutschen Kriegswirtschaft wehrte«, wie man Julian Schütts informativem Nachwort entnehmen kann. Muschgs Tragische Literaturgeschichte (1948), vor drei Jahren kaum beachtet neu aufgelegt, ist eine sperrig-ethische Feier literarischen Außenseitertums. Gesellschaftlich ging er nach dem Krieg gegen »die Fabrikation der diplomierten Mittelmäßigkeit« an, sprach in seinem Aufsatz Der Musterstaat – unsere Existenzlüge von der Schweiz als »einbruchssicherem Banktresor« und »Paradies der Spekulanten«.

Heute überrascht Walter Muschgs unprofessorale Nähe zur zeitgenössischen Literatur und Politik. 1929, wieder pionierhaft früh, schrieb er über Psychoanalyse und Literaturwissenschaft, einen Forschungsansatz, mit dem er eine Zeit lang liebäugelte, und davon, dass es sich die Literaturwissenschaft »nicht mehr ohne weiteres leisten« könne, »an der Stimme der lebendigen Gegenwart vorüberzugehen«. Doch als es wichtig war und diese Gegenwart ihr hässliches Gesicht zeigte, wahrte Muschg, der 1936 auch eine rationale, Jahrhunderte umfassende Geschichte der Mystik in der Schweiz veröffentlichte, Distanz. Zwar finden sich in seinem epochemachenden Buch über Jeremias Gotthelf von 1931, das dessen Modernität mit dem griffigen Satz »Keller verkörpert ein Jahrhundert, Gotthelf ein Jahrtausend« entschieden festschrieb, Hinweise auf seine Verführbarkeit durch Archaismen, doch gerade der Antinationalsozialist Muschg zeigt, dass es möglich war, Grenzen zu ziehen. Sein Zürcher Gegenpart, der »unpolitische« Emil Staiger, ein Star der Nachkriegsgermanistik, war, nicht überall bekannt, bis 1935 Mitglied der rechtsextremen Nationalen Front.