Literaturkanon Weg damit!
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Annika Scheffel wurde 1983 in Hannover geboren. Zuletzt erschien von ihr der Roman "BEN" bei kookbooks

Annika Scheffel wurde 1983 in Hannover geboren. Zuletzt erschien von ihr der Roman "BEN" bei kookbooks

Der Kanonbegriff muss weg!

Von Annika Scheffel

Heute ist der erste Frühlingstag und ich habe mir die Kanonfrage mit hinaus genommen, an den Fluss. Konsens im Bereich Gesundheit: Belüftet denkt es sich leichter. Na dann. Vorhin stand ich vor meinem Regal und habe die Bücher darin herausgefordert: Zeigt euch, hassenswerte Exemplare, Hochstapler, zukünftige Klorollen! Keines traute sich raus, kein Buch ist erschrocken umgekippt. Wie kann das sein? Gibt es in meinem Regal etwa kein Buch, das ich verreißen, zerstören, recyclen kann? Kanonwerke sind in steinerne Tafeln gemeißelt, ruhen in kalligraphischen Buchstaben auf handgeschöpftem Papier, werden beschützt von wissenden Instanzen. Ganz schön schwerwiegend, so ein Kanonroman. Trotzdem habe ich meine neulich in Umzugskartons verstaut und in den fünften Stock gewuchtet. Da stehen sie nun wieder, hübsch aufgereiht im Regal. Keines weckt bei mir abgrundtief schlechte Gefühle. Mir wird nicht übel, ich finde nichts ungerecht, ich kann mich nicht ärgern. Am Fluss herrscht Hochbetrieb, vorbei treiben Ausflugsdampfer, ich sehe mich um: Liest hier einer, flucht da wer, schläft jemand nach nur drei Sätzen ein? Nein. Die Leute, die lesen, sehen zufrieden aus. Ich stelle mir vor, dass ich jemanden entdecke, der Kanonroman X liest und dass ich mich spontan dazu entscheide, dieses Buch zu hassen. Ich stelle mir vor, wie ich zu dem fehlgeleiteten Menschen gehe. Ich sage: Hey du, gib mir das Buch, ich hasse es! Und er: Nie im Leben, das steht doch im Kanon. Und dann lache ich irre, er wird blass, weicht zurück, das Buch schützend an die Brust gedrückt. Ich rücke näher. Hinter mir Stimmen: Das mochte ich auch noch nie! Wir drängen Mensch und Buch bis zur Uferböschung, dann fallen beide in das brackige Wasser. Blubb - weg sind sie. Ich habe eventuell einen Sonnenstich und endlich fällt mir ein, dass es nicht Roman X ist, den ich verbannen will. Es ist der Kanonbegriff selbst, der macht alles so fahl, staubig, winterlich. Der kann ausgemistet werden, weggelüftet, der fehlt niemandem.

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Leser-Kommentare
  1. Bei dem Beitrag von Frau Wolf fragt man sich schon, ob und wenn ja, was sie jemals von Kafka gelesen hat.

  2. Danke für diesen kafkaesken Beitrag.

    Eine Leser-Empfehlung
    • hagego
    • 25.05.2010 um 14:07 Uhr

    @ Mmblfrz

    Danke für Ihre unverzügliche und nette Reaktion!

    Erwarten wir nicht ernsthaft Loblieder, wenn wir Schriftsteller bitten, über andere Schriftsteller zu urteilen.

    Über meine schönen blauen Augen sagt niemand etwas Positiv-Aufregendes! Das müssen wir halt selbst tun. Und am besten ist es dann, wenn wir die grauen und stumpfen Äuglein der anderen kritisch betrachten! Um so mehr strahlen dann die unsrigen...

    ,-)

    Antwort auf "Gute Idee, aber.."
    • cornus
    • 25.05.2010 um 14:22 Uhr

    Woher kommt denn dieser Lektürekanon? Gibt es denn so etwas noch? Gelesen wird, was gefällt - und für mich gehört Kafka dazu, genauso wie vieles - beileibe nicht alles - von Brecht. Jedem seinen Dachboden......;-)

  3. Danke Frau Wolf, Kafka befreit zu haben - er hätte es zu schätzen gewusst - und danke an die ZEIT für die Aktion. Generationen von Deutschunterrichtsgeschädigten (wer besass damals schon die vom Deutschlehrer benutzte Sekundärliteratur? - toller Kommentar zu Brecht) werden hoffentlich der einen oder anderen Empfehlung folgen und die eigenen Sinne walten lassen!

  4. Ich hoffe sie haben Catch22 gelesen. Zwischen diesem und "Im Westen nichts Neues" sehe ich keinen Aspekt eines Krieges der nicht abgehandelt wäre (ausser dass die jeweiligen Protagonisten die Zeit linear erleben).

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