Literaturkanon Weg damit!
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Brecht? Gedichte, die Lehrer lieben

Nora Bossong wurde 1982 in Bremen geboren. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Webers Protokoll" in der FVA

Nora Bossong wurde 1982 in Bremen geboren. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Webers Protokoll" in der FVA

 Brecht? Gedichte, die Lehrer lieben

Von Nora Bossong

Ach, Herr Brecht, zweieinhalbtausend Gedichte sind zu viel. Gedichte sollten nicht zur Massenware werden, das gilt auch für die Marxisten unter ihnen. Sie waren immer aktuell, so aktuell, dass ich die Zeitlosigkeit dazwischen gar nicht finde. Die Subtilität, nebenbei bemerkt, auch nicht. Lehrer lieben Sie. Und Schüler haben Sie zu lieben, gefälligst! Lieber Herr Brecht, Sie sind überall, und Sie sind überall berühmt. Hätte Sie eine solche Monokultur, von außen betrachtet, nicht auch skeptisch gemacht? Sie wussten alles, und Sie wussten alles besser, und Sie wussten es, noch ehe das erste Wort auf dem Papier stand. Eine Aussage, die vor den Worten feststeht und ihnen nur aufgedrängt wird, halte ich für eine dubiose Federführung, bei der die Worte lediglich als Kanonenfutter herhalten. Ist es nicht ein Merkmal von Literatur, dass sie den Worten Rechte einräumt und nicht als unterbezahlte Boten verwendet? Hätten Sie doch mehr Rilke gelesen, oder wären Sie einmal mit Ilse Aichinger spazieren gegangen. »Der schwierigere und längere Teil des Schriftsteller-Berufs besteht im Nicht-Schreiben«, hätte sie Ihnen gesagt, und Sie hätten an Ihrer Zigarre gezogen und vielleicht darüber nachgedacht. Bevor ich nun auf Wiedersehen sage – denn ein Wiedersehen mit Ihnen ist schwer zu umgehen –, muss ich Ihnen leider ein Letztes verraten: Gramsci schrieb einfach besser als Sie.

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Leser-Kommentare
  1. Bei dem Beitrag von Frau Wolf fragt man sich schon, ob und wenn ja, was sie jemals von Kafka gelesen hat.

  2. Danke für diesen kafkaesken Beitrag.

    Eine Leser-Empfehlung
    • hagego
    • 25.05.2010 um 14:07 Uhr

    @ Mmblfrz

    Danke für Ihre unverzügliche und nette Reaktion!

    Erwarten wir nicht ernsthaft Loblieder, wenn wir Schriftsteller bitten, über andere Schriftsteller zu urteilen.

    Über meine schönen blauen Augen sagt niemand etwas Positiv-Aufregendes! Das müssen wir halt selbst tun. Und am besten ist es dann, wenn wir die grauen und stumpfen Äuglein der anderen kritisch betrachten! Um so mehr strahlen dann die unsrigen...

    ,-)

    Antwort auf "Gute Idee, aber.."
    • cornus
    • 25.05.2010 um 14:22 Uhr

    Woher kommt denn dieser Lektürekanon? Gibt es denn so etwas noch? Gelesen wird, was gefällt - und für mich gehört Kafka dazu, genauso wie vieles - beileibe nicht alles - von Brecht. Jedem seinen Dachboden......;-)

  3. Danke Frau Wolf, Kafka befreit zu haben - er hätte es zu schätzen gewusst - und danke an die ZEIT für die Aktion. Generationen von Deutschunterrichtsgeschädigten (wer besass damals schon die vom Deutschlehrer benutzte Sekundärliteratur? - toller Kommentar zu Brecht) werden hoffentlich der einen oder anderen Empfehlung folgen und die eigenen Sinne walten lassen!

  4. Ich hoffe sie haben Catch22 gelesen. Zwischen diesem und "Im Westen nichts Neues" sehe ich keinen Aspekt eines Krieges der nicht abgehandelt wäre (ausser dass die jeweiligen Protagonisten die Zeit linear erleben).

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