Die Bühne dreht sich kaum merklich. So langsam, dass erst die Brechung des Lichts in den Fettfingerabdrücken auf den Fenstern dieser heruntergekommenen Raststätte die Bewegung wahrnehmbar macht. Ein faszinierendes philosophisches Gedankenexperiment: In dieser Ödnis, in den Weiten der texanischen Wüste, in der die Leuchtreklame auf dem Dach (Bühne: Susanne Münzner) für nichts wirbt als für Verheißung und Sehnsucht an sich, ist Zeit eine so ungefähre Größe wie eine Sandwehe.

So ist Sebastian Hartmanns Idee bezwingend, in seiner jüngsten Inszenierung als Intendant des Leipziger Centraltheaters Einsteins Relativitätstheorie zum Mantra zu machen.

Alles ist relativ in der Uraufführung von Wim Wenders’ Paris, Texas : Trennungskind Hunter (frech-souverän: Yusuf El Baz) erzählt zu Beginn von einer Reise ins All, die ihn unverändert zurückkommen lässt, während sein Zwillingsbruder auf der Erde ein alter Mann geworden ist. Hartmann spielt mit dieser Idee und stellt dem Knaben mit Maximilian Brauer ein erwachsenes Alter Ego an die Seite.

Alles ist relativ, auch die Unsterblichkeit der Liebe zwischen Hunters Eltern Travis und Jane, für die die Zeit selbst nach ihrer Trennung noch im eigenen, gemeinsamen Tempo verläuft. Deshalb bleibt er (Hagen Oechel) stumm, und sie wirkt seltsam isoliert vom Bühnengeschehen. Denn die Theaterdebütantin Heike Makatsch ist auch im Centraltheater meist auf einer Leinwand zu sehen, in einer irritierenden Mischung aus mädchenhafter Koketterie und apathischer Regungslosigkeit blickt sie in die Kamera. So wird zwar die Distanz zwischen den ehemaligen Liebenden verstärkt, die nur im Rahmen einer Peepshow kommunizieren können. Dennoch wäre bei den vielversprechenden Miniszenen ein wenig mehr von Makatschs Bühnenpräsenz wünschenswert gewesen, auch jenseits der ausgedehnten Gesangseinlagen mit Steve Binetti, die so traumhaft melancholisch die Ödnis der Wüste treffen: "Where does the wasteland start and end…"

Was ihr seht, ist nur ein Traum in einem Traum!

Am Ende erschafft Hartmann eins jener Theaterbilder, die seine Inszenierungen oft zu erdrücken drohen, diesmal jedoch den Abend mit dem absurden Witz eines Douglas Adams pointieren: Das Ensemble taumelt als senile Greisenschar über die Bühne, das Publikum ist gleichsam ins All gefahren, während sich die Zeit auf der Erde weitergedreht hat. Es ist in einen Dornröschenschlaf gefallen, Hartmanns vor jede Aufführung gestellten Poe-Slogan "All that you see or seem, is but a dream within a dream" wörtlich nehmend.

Dabei ist diese Inszenierung nicht typisch für den schon nach zwei Jahren Hartmann-Intendanz als "neue Leipziger Handschrift" gehandelten Stil. Ein Roadmovie, konzentriert auf die Drehbewegung einer Bühne, erzählt über die Pausen, das Anhalten, die Stille: Das hätte man von diesem Regisseur nicht erwartet, der eher als Mann des Brachialen, des Exzesses gilt – bei dessen Eröffnungspremiere Matthäuspassion ein Vorschlaghammer zum Einsatz kam; der postuliert, ein Theater der Zukunft müsse sich für einen gewissen Zeitraum einem ästhetischen Dogma unterwerfen. Hartmann will für die Bühne einen ähnlichen Impuls geben wie Lars von Trier in den Neunzigern für den Film, wobei ironischerweise gerade Martina Eitner-Acheampongs Inszenierung des Dogmafilms Das Fest am Centraltheater eher bieder ist.

Hartmanns Theater macht das Ensemble zum Autor, der mit Körper und Text den Abend zusammensetzt. Das kann grandiosen Schauspielerinnen wie Anita Vulesica Raum geben, wie in Hartmanns komplett improvisierter Inszenierung von O’Neills Eines langen Tages Reise in die Nacht oder ausufern wie in der Publikumsbeschimpfung , wenn einer der Spieler bei einer Aufführung so lange monologisiert, bis er von Zuschauern von der Bühne getragen wird. Hartmanns quält die Zuschauer oft, um sie die Grausamkeit des Stoffes erfahren zu lassen. Nach dieser Wirkungsästhetik lässt sich von positiv gestimmten Kirschgarten -Rezensenten selbst die Langweile angesichts endloser Slapsticknummern rechtfertigen: Sie offenbare trefflich den Ennui von Tschechows heruntergewirtschafteter Gesellschaft.

 

Von all dem sind in Paris, Texas nur Relikte zu finden, in einer Affenpantomime, in bizarren Charleston-Tänzen. Vielleicht eine Konzession an den Gaststar. Denn nicht allen Schauspielern gefällt die diktierte Freiheit, zum Ende der Spielzeit verlassen etliche das Ensemble. Propagierte Öffnung nach außen, Druck nach innen, so janusköpfig stellt sich das Centraltheater dar. Hartmann vereint die beiden Gesichter des Hauses in seiner Person: Er ist der Mann, der mit den Zuschauern vorm Theater Fußball spielt und gern von spontanen Gesprächen mit Passanten erzählt und zugleich der Mann, dem Mitarbeiter Machotum vorwerfen und der beim Publikumsgespräch auf eine kritische Frage mit einem heftigen Gegenangriff reagiert.

In Leipzig stieß Hartmann bei Abopublikum und Stadtrat zunächst auf harsche Kritik, was ihn 2009 dazu veranlasste, in Arsen und Spitzenhäubchen die beiden noch aus dem Ensemble seines Vorgängers Wolfgang Engel stammenden Damen ausrufen zu lassen: "Es ist so laut geworden in diesem Haus, wird es jemals so wie früher werden?" Auch seine Anhänger haben die aggressive Verteidigungsrolle noch nicht abgelegt, wie das Internet-Gästebuch dokumentiert. Gerade sind junge Leipziger Künstler dabei, aus Protest gegen Hartmann ein "Neues Schauspiel Leipzig" zu gründen. Und Podiumsgast Armin Petras konnte bei der jüngsten Zuschauerkonferenz mit der ironischen Aussage punkten: "Ich mache Theater für ältere Menschen, bei mir bekommen die Schauspieler noch Ärger, wenn sie den Text nicht lernen."

Es sind aber entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil nicht nur Jüngere, die dem Haus einen Zuschauerzuwachs von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr bescherten. Guillaume Paoli, der von Hartmann eingesetzte erste deutsche Theater-Hausphilosoph, erklärt die Faszination am neuen Leipziger Theater mit dessen Authentizität: Das Diderotsche Paradox des Schauspielers umkehrend, biete sich dem Publikum der Eindruck, hier werde "wirklich gerungen, statt nur gespielt" – eine Illusion natürlich.

So changiert Hartmann zwischen großer Geste und Leipzig-Bezug. Die zweite Spielzeit mit der interaktiven Orgie Germania Song des Performance-Duos Signa im Rahmen eines Balles zu eröffnen – ein Fanal. Am Centraltheater entkitschte eine wunderbar rotzige Sophie Rois den Medea-Mythos, versuchte Büchner. Leipzig. Revolte vergeblich, Woyzeck mit den Montagsdemonstrationen zu verbinden, veralberte Herbert Fritsch Louis de Funès’ Oscar zur unerträglich schrillen Posse, gelang es Sascha Hawemann, die Poesie von Clemens Meyers Kurzgeschichten Die Nacht, die Lichter auf die Bühne zu bannen.

Hartmanns Vision umfasst jedoch mehr als den Premierenplan: Theater soll zur Kirche der Stadt werden, zum Anlaufpunkt, zur Denkzentrale. So erklärt sich auch die Umbenennung der Hauptspielstätte von Schauspielhaus in Centraltheater, die zu Beginn der Intendanz für kleinbürgerlichen Protest im Stadtrat sorgte – obwohl das Leipziger Theater zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon einmal diesen Namen trug.

Heutige Projekte wie der Centraltalk zu nächtlicher Stunde im Theatercafé, die Kinoreihe Centraler Film oder Public-Viewing zur kommenden Fußball-WM im "Centralstadion" schreien den Traum schon im Namen hinaus: Wir sind omnipräsent, durchdringen sämtliche Lebensbereiche, wer kann jetzt noch behaupten, Theater wirke nur mehr am Rande der Gesellschaft als Nabelschau für Bildungsbürger? Wir sind das Zentrum fürs Volk. Das klingt zwar ein bisschen anmaßend, ist aber ein wichtiges Gegensignal in einer Zeit, in der finanzschwache Kommunen in ganz Deutschland Theater als verzichtbar erklären.

Zur Ausrichtung auf die Mitte der Gesellschaft gehört in Leipzig auch die neue Konzertschiene und das von pädagogischem Dünkel befreite Jugendprojekt auf dem Spinnerei-Gelände. Oder das Weiße Haus, eine Minispielstätte auf einem ehemaligen Parkplatz an der Gottschedstraße, die wahlweise als Biergarten, Open-Air-Kino oder Quartier für Berufsrevolutionäre wie den in Leipzig legendären Waldmenschen Öff Öff dient.

 

Ein paar Schritte weiter die Straße entlang, spinnen Regisseure und Spieler Theaterträume in der Nebenspielstätte Skala, ehemals Neue Szene. Die Grenzen zwischen Publikum und Spielern werden hier in wechselnden Versuchsanordnungen eingerissen, etwa beim Format Speeddating , einer Reise durch die Hinterzimmer des Theaterhauses.

Hier werden lose Gedanken geliefert; für letzte Worte sind andere zuständig

Die Skala ist ein Sehnsuchtsort, der sich bereits in den ersten zwei Jahren der Realität anpassen musste. Die Vorstellung von Theater als ständigem Prozess führte zunächst zur spontanen Abendgestaltung. Die Hoffnung jedoch, dass die Menschen ohne Ankündigung einfach mal vorbeischauten, erfüllte sich nicht, die ersten Vorstellungen blieben leer. Zwar heißen "Premieren" in der Skala noch immer "Start", doch sie tauchen jetzt traditionell im Spielplan auf. Mittlerweile hat die Skala sich etabliert und etwa die vielversprechende Autorin Katharina Schmidt entdeckt, die zu den Autorentheatertagen ans Deutsche Theater Berlin eingeladen wurde. Zuvor hatte Schmidt für die Leipziger Bühne Im Pelz geschrieben, eine Irritation aus kalter Sinnlichkeit nach Leopold von Sacher-Masochs Novelle Venus im Pelz .

Bei der jüngsten Premiere einen Tag vor Paris, Texas jedoch zeigt sich, dass in der Skala manchmal noch immer die schöne Idee regiert. Zwar gelingt es Regisseur Martin Laberenz, aus Dietmar Daths verschwurbeltem Gedankenwust die These herauszuspielen, dass nach der "Abschaffung der Arten" jeder alles sein kann (selbst eine Pflanze), und er überführt die These sogar in ein Rollenspiel. Doch wenn Zusammenhänge so konsequent verweigert werden, wenn sich der Abend im Ausprobieren von Gesprächshaltungen und Tiernamen erschöpft, stellt sich irgendwann das Reich der Langweile wieder ein, das die Tiere laut Dath eigentlich mit den Menschen abschafften.

Wer da ein Problem mit der eigenen Spezies bekommt, kann sich in Guillaume Paolis Philosophischer Praxis behandeln lassen oder dessen Debattiertreffen der "Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck" besuchen. Vor Kurzem hat der Hausphilosoph die erste Ausgabe der Lose-Blatt-Sammlung mit durchaus kritischen Anmerkungen zum eigenen Haus bestückt. Am prägnantesten trifft jedoch der Titel der Publikation das Selbstbild der Hartmannschen Denkcentrale: Wir liefern lose Gedanken, Visionen. Für letzte Worte sind andere zuständig.