Es brannte. Meist begann es in den Schultern oder in den Armen. Von da aus breitete es sich auf alle Glieder aus. Wie ein inneres Feuer. Wenn es ganz schlimm kam, brannte es auch im Kopf. Immer wieder, über viele Jahre. Internisten, Neurologen und Orthopäden hatte der Mann, ein Deutschtürke, konsultiert. Sie hatten ihn abgeklopft und in eine Röhre geschoben – aber nichts gefunden. Bald war der grauhaarige Mann mit dem angeblich brennenden Körper in den Krankenhäusern in Hamburgs Osten bekannt, Mediziner verdrehten die Augen, wenn sie ihn wieder im Wartezimmer ihrer Notfallstation sitzen sahen.

Lebensüberdrüssig, die Taschen voller Tabletten, kam der 68-Jährige schließlich zu Ali Erdogan in die psychiatrische Ambulanz des Krankenhauses Hamburg-Eilbek. Nach ein paar Sitzungen kannte Erdogan die wahre Krankheit des Deutschtürken: eine schwere Depression .

Ursache für sein Leiden war sein Leben. Als junger Mann war er aus Anatolien gekommen, mit Plänen für ein besseres Leben für sich und seine Kinder. 40 Jahre lang hatte er geschuftet, morgens auf dem Bau, abends in einer Putzkolonne. Doch ein Schwager in der Türkei hatte ihn um seine Ersparnisse gebracht. Als der Sohn arbeitslos wurde und der Schwiegersohn die Tochter verließ, begannen die Schmerzen. Gesundheit kaputt, Vermögen weg, Familienehre beschädigt: Die Sorgen brannten dem Mann buchstäblich auf der Seele.