Vielleicht ist es so: Wenn man zu sehr übers Atmen nachdenkt, vergisst man fast, wie es geht. Und wenn man zu viel übers Kinderkriegen nachdenkt, passiert womöglich das Gleiche.

Das Statistische Bundesamt hat vorläufige Geburtenzahlen für das Jahr 2009 veröffentlicht – und dass jetzt alle wieder einmal ganz intensiv übers Kinderkriegen nachdenken werden, ist unausweichlich. Wir tun es ja auch. Denn die Zahl – 650.000 Geburten, nicht mal halb so viele wie 1964, weniger als überhaupt je in der Bundesrepublik – gibt Anlass zu Fragen. Frage eins: Was ist los mit den Leuten, warum will sich diese Gesellschaft kurz und klein schrumpfen? Frage zwei: Wir hatten doch in den vergangenen Jahren viel von einer modernen Familienpolitik gehört, mit Elterngeld, Vätermonaten, Betreuungsplatzausbau. Ist die nun gescheitert, kann man sie mit Roland Koch wegsparen – oder braucht sie einfach mehr Zeit, andere Akzente?

Auf Frage eins gibt es zwei Antwortstränge, die beide etwas für sich haben. Einmal kann man sagen: Nun gut, wir haben 2008 eine der schwersten Wirtschaftskrisen erlebt, die die Welt seit Langem gesehen hatte. Dass da junge Berufsanfänger eine Familiengründung aufschieben, ist nicht wahnsinnig verwunderlich und auch nicht unvernünftig. Zumal die Generation U40, auf die es ja ankäme, zeit ihres Erwachsenenlebens mit Leistungsdruck und sinkenden Löhnen und schwindendem gesellschaftlichem Zusammenhalt konfrontiert war. Sie verzichtet nicht bewusst auf Kinder – aber sie hat eben das Gefühl, sie könne das, was die Gesellschaft von ihr erwartet, besser ohne Kinder erfüllen.

Aus der anderen Perspektive würde man dazu sagen: Habt ihr sie noch alle? Es kann ja wohl nicht wahr sein, dass Menschen in dramatisch viel ärmeren und unsichereren Weltgegenden ganz selbstverständlich Kinder bekommen – und in einem der reichsten Länder der Erde gilt das als Risiko? Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die deutsche Kinderlosigkeit die Folge eines westlichen Großtrends, der Individualisierung. Der moderne Mensch, auf jeden Fall der Bundesbürger, ist ein anspruchsvoller Kunde. Nie ist er sich sicher, ob die Partnerbeziehung, die er gerade hat, wirklich schon die beste ist. Im Job gäbe es auch noch dies oder das zu erreichen, bevor man sich an den Wickeltisch fesselt. Und wer garantiert uns eigentlich, dass unser Wunschkind auch wirklich erste Qualität wird?

Beide Antwortstränge legen ernüchternde Schlussfolgerungen für die Antwort auf Frage zwei nahe, die Frage nach dem Nutzen der Familienpolitik. Ernüchternd zumindest für jene Bevölkerungspolitiktechnokraten, die hofften, die Geburtenrate werde sich mit jedem Elterngeld-Euro nach oben bewegen. Jetzt müssen wir feststellen: So uneingeschränkt begrüßenswert gute Kinderbetreuung und eine relativ großzügige soziale Absicherung junger Eltern sein mögen – Weltwahrnehmung und Lebensplanung lassen sich damit offenbar nicht im großen Stil beeinflussen. Die Instrumente überzeugen anscheinend weder diejenigen, die sich vor der Zukunft fürchten, noch diejenigen, die ihren Lebensentwurf bis zum Exzess optimieren.