Integration In guter Gesellschaft

Die Integration in Deutschland funktioniert – jetzt braucht die Bundesrepublik mehr Zuwanderer

Deutschland ist eine Einwanderungsgesellschaft – und in dieser Einwanderungsgesellschaft ist es eine Bürgerpflicht, ein gewisses Maß an Unübersichtlichkeit als Normallage ertragen zu lernen. Unübersichtlichkeit bedeutet, dass neue Identitäten wachsen und alte sich wandeln, dass sich unterschiedliche kulturelle Werte, Traditionen, Lebensformen und Alltagspraktiken weiter ausdifferenzieren. Das ist unausweichlich. Denn während die Zuwanderer durchschnittlich jünger sind und mehr Kinder kriegen, wird die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund immer älter – und nicht wenige Qualifizierte wandern aus.

Die Gesellschaft wird unübersichtlicher – und dennoch gelingt die Integration in Deutschland, besonders im internationalen Vergleich. Das zeigt das gerade vorgelegte erste Jahresgutachten des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), eine Repräsentativbefragung von mehr als 5600 Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Beide Seiten der Einwanderungsgesellschaft nehmen demnach an der Integration teil: 66 Prozent der Mehrheitsbevölkerung und 67 Prozent der Zuwanderer sagen, sie seien an Integration interessiert, und auch der jeweils anderen Seite bescheinigen nur 20 Prozent der Zuwanderer beziehungsweise 30 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund eine integrationsverweigernde Haltung.

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Zuwanderer sagen, dass sie den Deutschen vertrauen – mehr sogar als diese sich selbst (62 zu 54 Prozent). Und unwohl fühlt sich in dem Land, in dem mittlerweile mehr als 15 Millionen Menschen eine nichtdeutsche Herkunft haben, lediglich jeder 20. befragte Zuwanderer (4,8 Prozent), aber immerhin jeder 15. Befragte ohne Migrationshintergrund (6,5 Prozent).

Die verhalten positiven Ergebnisse ziehen einen Schlussstrich unter die medialen Horrorszenarien einer angeblich "gescheiterten Integration". Ausnahmen in bestimmten Gruppen und Bereichen bestätigen die Regel und relativieren sich zudem im internationalen Vergleich. So liegt zum Beispiel die Arbeitslosigkeit bei Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland zwar nach wie vor mehr als anderthalbmal so hoch wie bei der Mehrheitsbevölkerung. In anderen europäischen Einwanderungsländern, wie etwa den Niederlanden und Schweden, ist für Zuwanderer das Risiko, arbeitslos zu werden, aber annähernd dreimal so hoch.

Die friedliche Entwicklung zur Einwanderungsgesellschaft ist im Grunde erstaunlich, denkt man beispielsweise an das Kühn-Memorandum , den Bericht des ersten deutschen Ausländerbeauftragten, aus dem Jahr 1979 zurück. Damals wurde gewarnt, was man jetzt nicht (in dreistelliger Millionenhöhe) in die Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien investiere, das müsse man in Zukunft für Resozialisierung und Polizei bezahlen. Dass es nicht so gekommen ist, war zweifelsohne mehr der Integrationsbereitschaft der Zuwanderer zu verdanken als den Investitionen in die Integrationsförderung. Die begannen auf Bundesebene erst mit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 – tatsächlich jährlich in dreistelliger Millionenhöhe.

Einseitige Schuldzuschreibungen an die Adresse der Politik aber bleiben vordergründig. Die Zuwanderer waren nie nur hilflos Betroffene, sondern immer zugleich auch Akteure. Und als solche verharrten sie in ihrer Mehrheit lange unschlüssig zwischen unbefristetem Arbeitsaufenthalt und definitiver Einwanderungsabsicht. So betrachtet, gab es lange eine doppelte Realitätsverkennung: Die Bundesrepublik war ein Einwanderungsland ohne Einwanderungspolitik – und die Einwanderer hatten kein Einwandererbewusstsein.

Und doch gab es klare Ursache-Folge-Relationen: Eine perspektivlose Einwanderungssituation fördert Orientierungsverlust bei den Einwanderern. Wie auch sollte Einwandererbewusstsein bei Zuwanderern entstehen, denen bis Anfang der neunziger Jahre immer wieder erklärt wurde: "Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland!"

Leser-Kommentare
    • WHF
    • 21.05.2010 um 20:04 Uhr

    Überall in der Wirtschaft und Handwerk hört man Integration Fachkräfte mangel. Was soll dieses dumme blöde Geschwätz? Die Wahrheit liegt wo anders, die Großindustrie bildet zu wenig eigenen Nachwuchs aus, genauso wie das Handwerk. Wenn man heute einen Beruf erlernt hat, und nicht im Lernbetrieb übernommen wird, steht man nach längerem Suchen als arbeitsloser auf der Straße. Warum? Weil der Handwerksbetrieb oder die Industrie neue Lehrlinge einstellt, den dafür gibt es Geld vom Staat. Aber dann und wann laut schreien, mir fehlen Fachkräfte, was für eine verlogene Klientel. Ein guter Facharbeiter muß auch ordentlich entlohnt werden, dies ist leider im Handwerk noch nicht angekommen? Oder der Industrie? Also Handwerker und Industrie, zuerst Hausaufgaben machen, und dann schreien.
    Danke

    • ps261
    • 21.05.2010 um 20:07 Uhr

    ...aufgrund einer einzigen Studie Deutschland erfolgreiche Integration zu bescheinigen. Es ist zwar offensichtlich bedeutend besser geworden, als vor 5 oder 10 Jahren. Trotzdem gibt es noch sehr viel zu tun, dazu reicht ein Blick in die "schlechten" Viertel der Großstädte...

  1. Auszug aus Seite 24 der Studie:

    "Mehr noch: Modellrechnungen lassen erwarten, dass 2015 bereits ca. drei Millionen Arbeitskräfte fehlen werden"

    oder zurück zu Wirklichkeit dieses wird wohl eher nicht entstehen und der Wert der Studie an dieser Phantasterei gemessen ist zumindest zweifelhaft...

    Wenn wir die im Moment vorhndenen Arbeitslosen und die Menschen
    die in den vielfältigsten "Maßnahmen" sind in Arbeit bringen wäre schon gut, und wenn wir dann noch mehr bräuchten dan her damit. Aber wirklich Vollbeschäftigung ???

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    • lepkeb
    • 21.05.2010 um 21:11 Uhr

    dem Fachkräftemangel von 3 Mio., und einige Industrievertreter sehen die Problematik auf die Dt. Wirtschaft sich zukommen. Denn wenn es zu einem Überangebot an Arbeitsplätzen kommt, werden die AG um die AN buhlen müssen, und es treibt die Gehälter in die Höhe und das darf im realexistierenden Neoliberalismus nicht sein, den die Ausbeutung der AN steht an erster Stelle. Also braucht man mehr Zuwanderung um den Druck auf dem Arbeitsmarkt aufrechtzuerhalten, um der Gefahr zu begegnen, den AN adäquate Gehälter zu zahlen.

    • lepkeb
    • 21.05.2010 um 21:11 Uhr

    dem Fachkräftemangel von 3 Mio., und einige Industrievertreter sehen die Problematik auf die Dt. Wirtschaft sich zukommen. Denn wenn es zu einem Überangebot an Arbeitsplätzen kommt, werden die AG um die AN buhlen müssen, und es treibt die Gehälter in die Höhe und das darf im realexistierenden Neoliberalismus nicht sein, den die Ausbeutung der AN steht an erster Stelle. Also braucht man mehr Zuwanderung um den Druck auf dem Arbeitsmarkt aufrechtzuerhalten, um der Gefahr zu begegnen, den AN adäquate Gehälter zu zahlen.

  2. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende und hetzerisch anmutende Beiträge. Die Redaktion/cs

  3. Weder die Integration in Deutschland funktioniert noch braucht Deutschland mehr Zuwanderer.
    Beweis: das Alltagsleben, die Schule, das Berufsleben, jenseits der akademischen Elfenbeintürme.

    Liebe Akademiker kümmert Euch besser und intensiver um die Leute, die hier wohnen.

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    • k1990
    • 21.05.2010 um 21:53 Uhr

    Es kann doch nicht das Ziel sein immer mehr, weniger bis gar nicht qualifizierte vor allem aus den islamischen Staaten zu bitten einzuwandern. Europa hat genug Menschen, deren Wurzeln auch in Europa liegen, also was soll diese Katastrophenidee: Einwanderer, Einwanderer, wer ist noch nicht, wer will ein mal? Mal abgesehen von dem Identitätsverlust, die einen haben keine und die anderen verlieren Ihre immer mehr, weil sie nich vorgelebt wird. Der größte Fehler, war doch die Gastarbeiter in Ghettos zu siedeln, wo sie keinen Kontakt, von Ihren Kindern brauchen wir gar nicht reden, zur einheimischen Bevölkerung hatten, oder der nur am Arbeitsplatz hergestellt werden konnte. Man hätte sie überall verteilen sollen, um so eine bessere Integration zu ermöglich.
    DENN EINES MÖCHTE ICH EINMAL KLAR STELLEN:
    INTEGRATION BEDEUTET EINE ANPASSUNG IN EINEN BESTEHENDEN oRGANISMUS UND NICHT DESSEN VERÄNDERUNG!

    • k1990
    • 21.05.2010 um 21:53 Uhr

    Es kann doch nicht das Ziel sein immer mehr, weniger bis gar nicht qualifizierte vor allem aus den islamischen Staaten zu bitten einzuwandern. Europa hat genug Menschen, deren Wurzeln auch in Europa liegen, also was soll diese Katastrophenidee: Einwanderer, Einwanderer, wer ist noch nicht, wer will ein mal? Mal abgesehen von dem Identitätsverlust, die einen haben keine und die anderen verlieren Ihre immer mehr, weil sie nich vorgelebt wird. Der größte Fehler, war doch die Gastarbeiter in Ghettos zu siedeln, wo sie keinen Kontakt, von Ihren Kindern brauchen wir gar nicht reden, zur einheimischen Bevölkerung hatten, oder der nur am Arbeitsplatz hergestellt werden konnte. Man hätte sie überall verteilen sollen, um so eine bessere Integration zu ermöglich.
    DENN EINES MÖCHTE ICH EINMAL KLAR STELLEN:
    INTEGRATION BEDEUTET EINE ANPASSUNG IN EINEN BESTEHENDEN oRGANISMUS UND NICHT DESSEN VERÄNDERUNG!

    • ps261
    • 21.05.2010 um 20:19 Uhr

    @scampolo

    Sehen sie nicht alles so schwarz. Die Integration hat sich wirklich gebessert. Klar, zuviel Impulsivität ist schlecht. Aber zu wenig auch. Schauen sie sich nur an, wie wenige Existenzgründer es in Deutschland gibt. (Zumindest wenn man nur die Deutsch-stämmige Bevölkerung betrachtet, die türkisch-stämmige macht sich in vielen Fällen erfolgreich selbstständig.) Triebverzicht usw. ist langweilig, gehen sie mal nach Schweden. In Stockholm ist es an jeder Ecke so langweilig und ruhig. Ja selbst die Schweden langweilen sich die ganze Zeit....

    Schluss muss kultureller Inzucht... ;-)

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  • Quelle DIE ZEIT, 20.05.2010 Nr. 21
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  • Schlagworte Integration | Ausländer | Schweden | Niederlande
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