Für einige geht bald das Leben los, andere sind schon mittendrin © Christian Lesemann

Es waren einmal zwei Schüler. Der eine machte seinen Hauptschulabschluss mit der Note Zwei und nahm dann die erste Lehrstelle an, um die er sich beworben hatte, als Industriemechaniker in einer Papierfabrik. Als er mit seiner Ausbildung fertig war, gab es in seinem Bereich, der Werkstatt, keine Stelle. Alles, was sie ihm anbieten konnten, war Schichtarbeit. Sein Vater, ein Lastwagenfahrer, riet ihm ab.

Der andere, Sohn eines Ingenieurs und einer Hausfrau, machte sein Abitur mit 2,5. Zu Hause las er die Süddeutsche mit, er spielte Theater und Jazzgitarre und wurde noch zu Schulzeiten in den Landesvorstand einer politischen Nachwuchsorganisation gewählt. Alle waren sich einig: Aus dem wird mal etwas ganz Besonderes.

Zum Auftakt studierte er Verwaltungswissenschaften. Als ihm klar wurde, dass er doch nicht in die Politik wollte, wechselte er zu den Germanisten und absolvierte, mehr aus Abenteuerlust, ein Jahr an einer amerikanischen Film School. Als Berufswunsch gab er »Drehbuchautor« an. Dabei schwang immer eine leichte Gereiztheit mit, angesichts der Versuche der Erwachsenen, ihm so früh eine Entscheidung darüber zuzumuten, wo er seine Talente einmal entfalten sollte. Film, Journalismus, Werbung, eine Uni-Laufbahn: Alles schien möglich Anfang der neunziger Jahre, als wir uns auf einer Studentenparty in New York trafen. Es muss in der Zeit gewesen sein, als in Oberbayern ein etwa gleichaltriger Industriemechaniker jeden Morgen im Dunkeln aufstand, um mit dem Mofa acht Kilometer zur Arbeit zu fahren. Wenn er nicht mein Cousin wäre, hätten wir uns kaum je kennengelernt.

Was aus den beiden geworden ist?

Mein Freund machte seinen Bachelor in Amerika und seinen Magister in Deutschland, drehte dann ein paar Filme für eine Werbeagentur, die er aber verließ, als ihm klar wurde, dass er vom Honorar nur einen Bruchteil bekam. Drehbuchprojekte scheiterten, weil Drehbuchprojekte meistens scheitern. Als er Vater wurde, fing er als Kameramann bei einer Fernsehproduktionsfirma an, ein Job, der ihn nicht ausfüllte, weshalb er ihn nie mit großem Einsatz machte. In der jüngsten Rezession ging die Firma pleite, jetzt macht er ein Aufbaustudium »Digitale Kommunikation«. Es kostet 20.000 Euro, die seine Eltern bezahlen, weil er ihnen gesagt hat, dass die meisten Absolventen danach auch Arbeit finden. Der Junge ist fast vierzig. Er kann sich glücklich schätzen, wenn er überhaupt noch einen Job bekommt – aber selbst dann wird er vermutlich nicht zufrieden sein: Egal, was er macht, es ist schlechter als das, was er sich einst versprochen hatte.

Mein Cousin hatte mit zwanzig nur ein Ziel: nicht in den Schichtdienst. Er kündigte und fing als Monteur bei einer international tätigen Tiefbaufirma an. Er schraubte Verpackungsanlagen in Wales zusammen, trainierte taiwanesische Teenager im Schleifen und Schweißen, einmal stand er in einem Hafen in Australien, um eine 70 Tonnen schwere Minenbohrmaschine abzuholen und auf sechs Sattelschleppern ins Landesinnere zu transportieren, sie zusammenzubauen und mit ihr für eine Explorationsfirma nach Eisenerz zu bohren. Vor vier Jahren ließ er sich als Manager des Geräteparks einer deutschen Firma in Manila anstellen. Er arbeitet gerne draußen. Es gefällt ihm, die 25 Mechaniker, Schweißer, Lageristen, Sekretärinnen, deren Chef er ist, anzuleiten. Zu sehen, wie Leute sich entwickeln.

Er liebt seinen Job. Er verdient mehr, als er ausgeben kann, er hat einen Dienstwagen, er führt, 20 Jahre nach seinem Hauptschulabschluss, ein Leben, von dem er nie zu träumen gewagt hätte.

Christian Ebner forscht zu Bildungschancen in Europa. Sie unterscheiden sich erheblich – ebenso wie die Sorgen und Ideale der Menschen, die die Bildungssysteme erschaffen © privat

Natürlich ist Bildung nicht nur dazu da, dass jemand am Ende einen Dienstwagen fährt. Klar ist es toll, Shakespeare gelesen zu haben, bevor man tot ist, oder sagen zu können: »Faust II: das meistüberschätzte Werk der Literaturgeschichte!« Aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, wie wichtig Schulbildung fürs Leben wirklich ist.

Die Gleichung, die jeder kennt, geht so: Bildung ist gut. Keine Bildung ist schlecht. Das System ist undurchlässig. Deshalb entscheidet sich bereits in der Grundschule, ob jemand auf der Verlierer- oder auf der Gewinnerseite landet. Panische Eltern nennen das Grundschulabitur. Ein Kind sollte daher, wenn es die Noten dazu hat, aufs Gymnasium gehen, und wenn es in einer Stadt aufwächst und aus einer halbwegs gebildeten Familie kommt, dann sollte es auch aufs Gymnasium, wenn es nicht die Noten dazu hat. Denn jenseits des Gymnasiums wartet eine Kampfzone, von der die meisten Akademiker ein so differenziertes Bild haben wie ein ostanatolischer Patriarch von der Schwulenszene. Weil die einzigen Nachrichten, die vom Planeten der Abiturlosen zu ihnen vordringen, von Verwahrlosung, Sozialhilfedynastien und Gewalt handeln. In einem Wort: Rütli.

Und selbst wenn man irgendwo auf der grünen Wiese eine Realschule (oder Privatrealschule!) voller braver Mittelstandskinder fände: Heißt es nicht überall, dass man sogar für Ausbildungsberufe heute schon Abitur braucht? Bis vor Kurzem bot dem eher manuell begabten Nachwuchs aus höheren Schichten das Handwerk mit seinem Hauch von Manufactum eine gesichtswahrende Perspektive (»Nach seiner Schreinerlehre will Philipp an die Kunstakademie«), die aber ausscheidet, seit Begriffe wie »Globalisierung« suggerieren, dass in einer arbeitsteiligen Welt die Produktion anderswo stattfindet und uns nur die Denkarbeit bleibt. Wobei Denken in diesem Zusammenhang ein gutes Stichwort ist: Warum sind wir uns eigentlich so sicher, dass Schulbildung einen so starken Einfluss auf die Berufslaufbahn hat? Und dass die Weichen so früh gestellt werden, wie viele das glauben, insbesondere Eltern von Neunjährigen im Abi-Stress?

Superlangweilig, supergut: Provinzrealschulen

Superlangweilig, supergut: Provinzrealschulen

In Deutschland gibt es 4283 Hauptschulen, 3070 Gymnasien, 2625 Realschulen, 1363 mehrgliedrige Schulen, 705 Gesamtschulen und 204 Waldorfschulen. Sie machen Schlagzeilen, wenn es Probleme gibt: wenn sie abgeschafft werden sollen, wie Haupt- und Realschulen in manchen Bundesländern, wenn sie außer Kontrolle geraten, wie jene Rütli-Schule vor ein paar Jahren in Berlin, oder wenn selbst die elitärsten unter ihnen das Elementarste missachteten. Und dann gibt es Schulen wie die Realschule Bad Iburg. Von denen hört man fast nie. Natürlich nicht. Was gäbe es schon zu berichten? Sie hat ein Orchester, mehrere Bands, eine Ski-AG, zwei Partnerschulen, aber keinen Namenspatron, kein besonderes pädagogisches Konzept, kein Gewaltproblem; es gibt keine Klassenreisen nach Rom und keine Ehrenamtsdienste zur Charakterbildung der Schüler. Es ist eine Schule, wie sie nach dem Babyboom der sechziger Jahre zu Hunderten in Deutschland entstanden, in einem flachen Klinkerbau zwischen Einfamilienhäusern am Rand des Teutoburger Walds, auf halber Strecke zwischen Bremen und Dortmund. Der Bericht der niedersächsischen Schulinspektion von 2006 klingt so ereignislos, dass es schon wieder eine Nachricht ist: »Das Inspektorenteam hat die Schule als einen Ort erfahren, an dem alle Beteiligten sich freundlich begegnen. Der Umgang miteinander ist sehr respektvoll. Die Schülerinnen und Schüler bestätigen, dass sie sich an der Schule sicher und wohl fühlen. Sie zeigen ein hohes Maß an Identifikation mit der Schule.«

Die Arbeitslosigkeit in der Gegend ist niedrig, die Migrantenquote ebenso, nur 14 von 475 Schülern haben keinen deutschen Pass. Vater Angestellter, Mutter arbeitet im Krankenhaus, das ist die typische Bad Iburger Realschulfamilie. Weniger als ein Viertel seiner Schüler, schätzt Volker Wallrabenstein, der Rektor, lebt nicht mit beiden Eltern. Seine Schule habe einen so guten Ruf, dass selbst Ärzte und Lehrer und sogar ein EU-Parlamentspräsident ihre Kinder zu ihm schickten, »bedenkenlos«. Mit anderen Worten: Soziale Probleme, die Eltern in Großstädten vor Haupt- oder Realschulen davonlaufen lassen, scheiden in Bad Iburg aus. Was bleibt, ist die mittlere Reife. Und die Frage, was man in einer Wissensgesellschaft damit noch anfangen kann.

Für besondere Aufgaben wird an der Realschule Bad Iburg gerne die ehemalige Schulsekretärin eingesetzt. Adelheid Hannibal wirkte dort 32 Jahre. Sie hatte zunächst wenig Lust, ihrer alten Kundschaft hinterherzutelefonieren, um herauszufinden, was aus den 150 Schülern des Abschlussjahrgangs 99 geworden war. Aber nachdem sie die ersten paar Anrufe hinter sich hatte, fing die Aufgabe an, ihr Spaß zu machen. Was die inzwischen 26-Jährigen aus sich gemacht hatten, beeindruckte selbst die Realschulveteranin: »Wenn man vorher gesehen hat, was das zum Teil für Schlummis waren.«

Inzwischen standen auf ihrer Liste:

André A.: Wirtschaftsgymnasium; Uni-Studium BWL; Wirtschaftsinformatiker

Desirée A.: Höhere Handelsschule; Bürokauffrau

Carolin A.: Fachoberschule Sozialwesen; Ergotherapeutin

Anna-Katharina B.: Speditionskauffrau in Düsseldorf

Herbert B.: Lehre Maschinenbauelektriker; Studium Dipl.-Ing.; Maschinenbau; zwei Söhne

Nicole B.: Höhere Handelsschule; Arzthelferin; Familienpause

Christian H.: Lehre Kältetechniker, abgebrochen; Lehre Bürokaufmann abgeschlossen

Bianca S.: Lehre Bauzeichnerin; Fachoberschule Technik; Studium Architektur fertig

Tobias H.: Lehre Maler-Lackierer; Geselle; Meisterschule, bester Meisterbrief; studiert Betriebswirtschaft

Anita L.: Lehre Bürokauffrau; Bilanzbuchhaltung

Anne M.: Kfz-Lehre, arbeitslos; Endmontage, arbeitslos; zweite Ausbildung Mobil-Kauffrau; Motorradgeschäft; Drummerin in einer Band

Carolin S.: Frisörin; Ausbildung Erzieherin; Heilpädagogin

Nicole S.: Erzieherin; Lehramt Grundschule; Ausbildung Logopädin

Heike S.: Kinderkrankenschwester; Abitur; Medizinstudium; Ärztin

Und das sind nur die ersten der 100 Werdegänge, die Frau Hannibal aufgeschrieben hat. Sie alle gleichen Vernunftehen, die ohne große Erwartungen begonnen haben und bei denen es manchmal später doch noch funkte. Es gibt Erzieherinnen, Handwerker, Kaufleute, Kfz-Mechaniker, manche machen ihren Meister, andere werden Ingenieure, Betriebswirtschaftler, Sozialwissenschaftler. 36 der 100 haben studiert, kein Einziger Geisteswissenschaften. Selbstverwirklichungsberufe oder Selbstinszenierungsbiografien scheinen den Realschülern fremd zu sein, eine Sonderschulleiterin gibt es, eine, die als Entwicklungshelferin gearbeitet hat, eine war auf einer Schauspielschule. Nur einer ist arbeitslos, gesundheitliche Gründe.

Heißer Tipp: zum Studieren reicht auch eine Lehre

Heißer Tipp: zum Studieren reicht auch eine Lehre

Vielleicht gibt es also doch etwas zu berichten von der langweiligen Provinzrealschule in Bad Iburg. Zum Beispiel, dass es drei Jahre nach Schulabschluss häufig ihre Alumni sind, die in der Lokalzeitung als beste Abiturienten gefeiert werden. Und dass selbst die, die gleich in den Beruf wollen, noch immer die Chance haben, die begehrtesten Lehrstellen der Kleinstadt zu bekommen (bundesweit hat ein Drittel der Banklehrlinge kein Abitur). Trotzdem macht von den Abgängern heute fast die Hälfte direkt nach der zehnten Klasse weiter mit der Schule.

Von allen anderen darf man annehmen, dass sie auf ihrem Weg durch die Berufswelt früher oder später auch eine Bescheinigung bekommen, die es ihnen erlaubt, eine Hochschule zu besuchen. Das dreigliedrige Schulsystem mit seiner Bevorzugung von Herkunft gegenüber Leistung war in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht abzuschaffen. Heute fehlen Landärzte, Informatiker, Ingenieure. Also haben die Parlamente dem Gymnasium sein Monopol auf Uni-Zugang weggenommen. Wer eine Lehre macht, darf nach drei Jahren im Beruf inzwischen fachgebunden studieren; Leute, die ihren Meister gemacht haben, dürfen seit letztem Sommer sogar alles studieren. Und so kommt es, dass 40 Prozent der Studierenden an bayerischen Hochschulen ihre »Zugangsberechtigung« nicht auf dem klassischen Gymnasium erworben haben, sondern auf dem zweiten Bildungsweg oder im Job. So viel zum Thema Undurchlässigkeit des Schulsystems.

Gute Realschüler kommen überallhin. Wenn sie es überhaupt wollen. Was nicht immer der Fall ist. Denn es gibt auch ein menschenwürdiges Leben ohne akademische Ausbildung. Dieser Satz muss hier stehen, weil es Menschen geben soll, die das nicht wissen.

Hauptschule + Lehre > Abi ohne Ausbildung

Hauptschule + Lehre > Abi ohne Ausbildung

Ludger Wößmann ist Professor der Volkswirtschaftslehre am Wirtschaftsforschungsinstitut ifo, sein Spezialgebiet nennt sich Humankapital. Und er ist einer jener rar gesäten Akademiker, die wissen, welches Humankapital in Nichtabiturienten steckt. »Ich habe etliche gute alte Freunde, die Realschule gemacht haben«, sagt er. Sein Sandkastenfreund arbeitet in der Auslieferung einer Druckerei, viele andere Haupt- oder Realschüler, die er in der Grundschule und bei den Pfadfindern kennengelernt hat, hätten später Erstaunliches aus sich gemacht. Dennoch muss Wößmann als Wissenschaftler natürlich vor der Verallgemeinerung eigener Erfahrungen warnen. Sein Weltbild konstituiert sich aus den Daten, die das »sozioökonomische Panel« jedes Jahr von 20000 Bürgern zwischen 25 und 65 abfragt, darunter auch: Einkommen und höchster Bildungsabschluss. Setzt man das eine mit dem anderen in Bezug, kommt man zunächst zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass das Einkommen mit der Bildung steigt: Der mittlere Verdienst eines Hochschulabsolventen liegt bei 3950 Euro brutto, der eines Fachhochschülers bei 3500, der eines Fachschülers oder Meisters bei 3000, der eines Abiturienten (ohne nachfolgende Ausbildung oder mit abgebrochener Ausbildung) bei 2905 Euro. Mit abgeschlossener Lehre verdient man im Mittel 2410 Euro; mit einem Haupt- oder Realschulabschluss 2100 Euro, ohne Schulabschluss 1886 Euro. Gleichzeitig sinkt das Arbeitslosigkeitsrisiko: Ohne Schulabschluss liegt es bei 29 Prozent, für Abiturienten ohne weitere Ausbildung bei 11 Prozent, in Ausbildungsberufen bei 7 Prozent, für Universitätsabgänger bei 5 Prozent.

Wößmanns Zahlen belegen, dass Bildung und Berufserfolg zusammenhängen. Trotzdem enthalten sie ein Detail, das die Bedeutung des Abiturs relativiert. »Wenn jemand tatsächlich das Abitur macht, aber dann keinen berufsqualifizierenden Abschluss mehr schafft, steht er finanziell schlechter da als jemand, der auf seine Lehre noch den Meister oder die Fachhochschule draufsattelt«, sagt Wößmann. Die Gefahr, arbeitslos zu werden, ist mit bloßem Abitur sogar höher als für einen Hauptschüler mit Lehre. »Trotzdem ist die Realität so, dass man mit höherer Bildung in der Regel besser dasteht. Und dass die Nachfrage nach hoch qualifizierter Arbeit sogar noch angestiegen ist, sodass die Arbeitsmarktaussichten von Akademikern und Nichtakademikern seit Jahrzehnten auseinandergegangen sind.«

Eltern schließen aus Sätzen wie diesen, dass ihr Kind möglichst früh möglichst viel Schule braucht, damit es in der Welt von heute bestehen kann. Aber genau an dieser Stelle zeigt sich die Paradoxie von Wößmanns Erkenntnissen: Obwohl sie die gesellschaftlichen Vorteile von Bildung propagieren, taugen sie kaum zur Handlungsanweisung im Einzelfall. »Meine Zahlen richten sich an die Politik. Sie sagen: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Bruttosozialprodukt und Bildung. Eltern führen sie ein bisschen in die Irre. Weil ein Kind, über dessen Leben sie entscheiden, nie dem Durchschnittsfall entspricht.« Und weil es andere Faktoren gibt, die für den Berufserfolg womöglich genauso wichtig sind wie Schule.

Zum Beispiel die Berufswahl. Nur im Fernsehen besteht die Welt aus Ärzten und Anwältinnen auf der einen Seite und übergewichtigen Unterschichtsmenschen auf der anderen. Das wahre Leben ist voll von gut verdienenden Fachkräften und Akademikern am Existenzminimum. Sie werden als Ausnahmen wahrgenommen, die sie womöglich gar nicht sind. So hatten laut dem jüngsten Bildungsbericht 74 Prozent der Bank- und Versicherungsleute, die 2005 ihre Ausbildung abschlossen, ein Jahr später eine Voll- oder Teilzeitstelle – aber nur 70 Prozent aller Erziehungswissenschaftler. So etwas wie eine Jobgarantie gibt es unter Akademikern nur für Juristen und Ärzte, von denen sich ein Jahr nach dem Ende des Studiums über 90 Prozent im Beruf oder im Referendariat befinden. Bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern sind es nur 64 Prozent, und es werden auch im Lauf der Zeit nie mehr als 70 Prozent. Bei den Krankenpflegern hingegen liegt die Erwerbstätigenquote ein Jahr nach der Ausbildung bei 82 Prozent.

In der Arbeitswelt zählt das Elitegymnasium nichts

In der Arbeitswelt zählt das Elitegymnasium nichts

Aber haben Akademiker (wenn sie denn unterkommen) dafür nicht eine interessantere, besser bezahlte, tollere Arbeit?

Auch hier hilft ein Blick auf den Bildungsbericht: Unter den (überhaupt erwerbstätigen) Geistes- und Kulturwissenschaftlern sind laut Selbstauskunft 22 Prozent in ihrem Fach und auf ihrem Niveau beschäftigt – 42 Prozent mangelt es an beidem zugleich (eine Zahl, die fünf Jahre nach dem Abschluss noch um zwei, drei Prozentpunkte zurückgeht). Selbst unter den Wirtschaftswissenschaftlern machen 21 Prozent eine Arbeit, die weder inhaltlich noch statusmäßig ihren Erwartungen entspricht. Während bei den Bankkaufleuten ein Jahr nach der Lehre 83 Prozent »fachadäquat« beschäftigt sind (die Position wird bei Nichtakademikern nicht gemessen).

Nähme man also 100 Geisteswissenschaftler, die ihr Studium abgeschlossen haben, so wären 64 von ihnen ein Jahr nach Abschluss des Studiums erwerbstätig und 14 davon fach- und positionsadäquat eingesetzt. Von 100 Bank- und Versicherungskaufleuten arbeiteten 62 in ihrem Fach. Von 100 Schlossern und Werkzeugmachern wären es immerhin 42, die tun, was sie sich vorgestellt haben.

Vielleicht erklären sich so Lebensläufe wie der meines Cousins und der meines Freundes: Letzterer befand sich in dem Moment, in dem er sich an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät einschrieb, in einer 86-prozentigen Gefahr, an seinen Träumen zu scheitern. Dabei glaubte er, es schon geschafft zu haben. Während mein Cousin, der sich als Lehrling fühlte wie ein Handlanger, eine reelle Chance hatte, seine nicht gerade hochgesteckten Ziele zu verwirklichen. Jeder neue Schritt war für ihn ein Wunder, das ihn mutiger werden ließ.

Zeugnisse braucht man nur, um aus dem Stapel der Bewerbungen gefischt zu werden. Wenn man den Job hat, spielen sie keine Rolle mehr. Kein Chef interessiert sich dafür, ob jemand ein Einser-Abi am angesehensten Gymnasium der Kleinstadt gemacht hat. Die Frage ist nur: Wofür interessiert der Chef sich dann?

Es gibt, sagt Ludger Wößmann, amerikanische Studien, die belegen, dass zehn Jahre nach dem Berufseinstieg grundlegende kognitive Fähigkeiten – also das, was man tatsächlich gelernt hat, egal wo – wichtiger für das berufliche Fortkommen sind als der Abschluss, der irgendwann gemacht wurde. Aber diese Studien gelten für das Land der Quereinsteiger und Selfmademen. Die wenigen deutschen Untersuchungen zu dem Thema konzentrieren sich auf den Bildungsabschluss und lassen andere Faktoren außen vor.

Erst jetzt finden Erziehungswissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Ökonomen zusammen, um herauszufinden, was passiert, wenn aus Schülern Arbeitnehmer werden. Seit einem Jahr läuft eine Studie namens »Nationales Bildungspanel«, die ausführlichste europäische Untersuchung zu Bildungs- und Lebensverläufen, die es je gab. Sie wird 60.000 Menschen zwischen null und 64 bei ihrem langen Marsch durch Schule und Beruf begleiten, um zu erforschen, aus welchen Zutaten Erfolg gemacht wird. Nichts kann ausgeschlossen werden, alles könnte wichtig sein, und deshalb wird jedes erdenkliche Merkmal der Probanden vermessen, von der Betreuung ihrer Kinder über die Freizeitgestaltung bis zum Gewicht. In einem Jahr können die ersten Daten geerntet werden, richtig interessant aber sollte es in zehn oder 20 Jahren werden. »Was ist wichtiger, Kompetenzen oder Zertifikate? Das ist im Grunde die Frage, die über allem steht«, sagt Reinhard Pollak, der für das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung an der Studie mitarbeitet. Noch ist sie unbeantwortet. Und solange es dieses Vakuum gibt, haben vor allem diejenigen, die Menschen ohne Abitur nur von RTL2 kennen, darauf nur eine Antwort: Gymnasium.

Eine Lehrerin an einer privaten Grundschule in Baden-Württemberg weiß von Vätern, die sich an der Finanzierung der neuen Turnhalle oder des Sportplatzes beteiligen, wenn das Übertrittszeugnis des Kindes ansteht. Andere Eltern demonstrieren gegen Ende der Grundschulzeit auf Schulfesten Präsenz, machen auf Elternabenden klar, wohin die Reise gehen soll.

»Es gibt da diesen Druck«, sagt eine Ausbilderin, die Lehramtsprüfungen abnimmt und die in Hunderten von Lehrerzimmern saß, »wenn es darum geht, dass der Sohn vom Bürgermeister oder vom Arzt wegen einer um zwei Zehntel zu schlechten Durchschnittsnote das Gymnasium verfehlt. Natürlich wird das nicht so offen gesagt. ›Überlegen Sie doch noch mal, ob man es den Eltern nicht doch noch zutrauen kann, das hinzukriegen‹, heißt es dann. Und an die Klassenlehrer ergeht somit die unausgesprochene Botschaft, dass man da ein Auge drauf hat.«

»Die oberen Schichten sind daran interessiert, Konkurrenz für die eigenen Kinder zu verhindern«, sagt Wilfried Bos, Professor für Bildungsforschung in Dortmund. Als sein Vater, ein kleiner Handelsvertreter, den aufgeweckten Jungen in den fünfziger Jahren am Gymnasium anmelden wollte, wurde ihm abgeraten, mit der Begründung, der Junge passe da nicht rein. Heute ist Bos für die Qualitätssicherung der Abituraufgaben in Nordrhein-Westfalen zuständig. Und wird immer wieder mit Studien zitiert, die belegen, dass die Chancen eines »Oberschichtskindes«, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, fast dreimal so hoch sind wie die eines Kindes aus einem Facharbeiterhaushalt. Bei gleicher Leistung.

Was passiert mit all den überforderten Gymnasiasten?

Was passiert mit all den überforderten Gymnasiasten?

Gerecht ist das nicht. Nicht gegenüber schlauen Haupt- und Realschülern – und nicht gegenüber überforderten Gymnasiasten. Die müssen in Nachhilfe, auf Privatschulen, ins Internat und notfalls sogar auf die in neobürgerlichen Kreisen eigentlich unbeliebten Gesamtschulen: Hauptsache, es steht Abitur drauf. Wenn die Kinder dann in Bildungsnot geraten, wird das zuerst den Lehrern angelastet, dann dem Schulsystem (die Benachteiligung von Jungen!), dann irgendeiner Krankheit (ADHS), aber selten den Eltern, die nicht sehen wollen, dass eine Drei in Mathe eher auf eine Zukunft in der Realschule hindeutet als auf Hochbegabung. Und so beginnt oft ein jahrelanger Schulkampf, von dem gerade Bildungsbürger gerne behaupten, es gehe dabei um Bildung als Wert an sich.

Der Rektor einer dreigliedrigen Privatschule in einer Großstadt glaubt, dass in jeder seiner Gymnasialklassen zehn Kinder sitzen, die (zunächst) besser auf der Realschule aufgehoben wären. Zwei oder drei seien sogar völlig fehl am Platz. Die seien eine Kindheit lang so abhängig von Nachhilfe wie ein Nierenkranker von der Blutwäsche. Ähnlich reglementiert sei dann auch deren Jugend. Das Argument ihrer Eltern, sagt er, sei immer dasselbe: Wir wollen doch nur das Beste. Er denkt sogar, dass sie das wirklich glauben. Aber über deren Kinder sagt er: »Das sind dann die ganz Armen.«

Gute Realschüler kommen überallhin. Aber was wird eigentlich aus überforderten Gymnasiasten? Was Leistungsdruck mit Kindern macht, hat der Motivationspsychologe Maarten Vansteenkiste untersucht. Mit Kollegen an der Universität Gent befragte er 878 Schüler und 484 Collegestudenten zu den Quellen ihrer Motivation und filterte vier Gruppen heraus: Jugendliche mit hoher Eigenmotivation und wenig Kontrolle von außen; die, bei denen beides ausgeprägt war; solche, die kaum motiviert, dafür aber stark kontrolliert wurden, und Schüler, bei denen es an Motivation und an Druck fehlte. »Viele erwarten, dass die Gruppe mit hoher Kontrolle und hoher Motivation am besten abschneidet«, sagt Vansteenkiste. Seine Ergebnisse waren vor allem für die Quantitätsanhänger seiner Zunft überraschend. Für die Leistung war allein die Eigenmotivation verantwortlich, Kontrolle hatte allein den Effekt, die Schüler neurotischer zu machen (gemessen wurden Prüfungsangst, Prokrastination – landläufig: Faulheit – und Betrugsneigung). Selbst wenn man die unmotivierten Kontrollierten mit den unmotivierten Vernachlässigten verglich, schnitten die Vernachlässigten besser ab: Bei gleich schwachen Leistungen ging es ihnen einfach besser.

Bei den Hausaufgaben zu helfen, Arbeitstechniken zu üben, Interesse zu wecken, all das ist laut Vansteenkiste in Ordnung. Unter Kontrolle versteht er Dinge wie tägliches Hausgabenüberprüfen oder Liebesentzug bei schlechten Noten. Ein Kind könne in einer solchen Atmosphäre schnell in einen Strudel hineingeraten, für den sich an belgischen Schulen der Begriff »Watervalsysteem« etabliert hat. »Wer sich kontrolliert oder unter Druck gesetzt fühlt, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, die Schule abzubrechen, sich inkompetent zu fühlen und dieses Gefühl auch auf andere Lebensbereiche zu übertragen«, sagt Vansteenkiste. Mindestens ebenso schlimm: »Diese Kinder kommen nie in Kontakt mit ihren eigentlichen Wünschen. Jeder hat Talente, und es geht im Leben darum, diese Dinge zu finden. Und der Job von Eltern ist es, zu schauen, was in ihrem Kind ist, und ihm dabei zu helfen, das zu entfalten.«

Sollten Eltern einer 15-Jährigen, die sich in der Schule quält und als Berufswunsch »Model oder TV-Moderatorin« angibt, also erlauben, Latein und Griechisch für immer ad acta zu legen?

»Ich würde mit meiner Tochter darüber reden, ob ein solcher Beruf einen Menschen ausfüllt. Sie darauf aufmerksam machen, was die Konsequenzen sein können, wenn sie die Schule abbricht. Aber wenn sie wirklich ins Fernsehen will und Latein hasst, müsste ich versuchen, ihren Wunsch ernst zu nehmen und dann Optionen aufzuzeigen. Was ist so attraktiv daran? Was würde sie dafür aufgeben? Gibt es Optionen, ihre und meine Vorstellungen zu befriedigen?«

Ein Kind zu haben bedeutet immer auch, sich von eigenen Vorstellungen von diesem Kind zu verabschieden. Bei vielen Themen – zum Beispiel wenn es um die sexuelle oder politische Orientierung geht, die Haarlänge oder darum, ob das Kind einen Ausländer heiraten darf oder die Firma des Vaters übernehmen muss – können Eltern das heute besser als früher. Jeder weiß, dass gute Elternliebe bedeutet, ein Kind so anzunehmen, wie es nun mal ist, und dass dieses Gefühl des Angenommenseins sowieso die Voraussetzung für das Gelingen von allem Möglichen im Leben ist. Also geben aufgeklärte Eltern ihr Bestes, ihre Erwartungen im Zaum zu halten. Unter einer Bedingung: solange das Kind aufs Gymnasium geht.

Was können Eltern tun? Eigentlich gar nichts

Was können Eltern tun? Eigentlich gar nichts

Doch ob ein Mensch schließlich arbeitslos wird oder nicht, ob er einen Job findet, der ihn erfüllt, ob er CEO bei Goldman Sachs wird oder sich lieber mehr um die Kinder kümmert, ob er bereit ist, sich weiterzubilden, ins Ausland zu gehen, ob er eine Frau in Timbuktu kennenlernt, wegen seiner besserwisserischen Art überall rausfliegt oder bei jeder Prüfung Mutters metallische Stimme hört; ob sich irgendwann ein Vorgesetzter in ihm wiedererkennt und beschließt, ihn zu fördern, ob ihn seine Ehe in Depressionen stürzt, seinen Job kostet, hängt mit allem Möglichen zusammen – aber nicht mit dem, was in der vierten Klasse passiert. Der Gedanke, dass vieles im Leben vom Zufall abhängt, ist schwer auszuhalten. Lieber glauben Eltern an die magische Kraft eines Übertrittszeugnisses, für das sie folglich alles tun würden.

Vielleicht ist das das Erfolgsgeheimnis der braven Kleinstadtrealschule von Bad Iburg: Hier stören keine Eltern den Unterricht. »Schlummis« nennt Frau Hannibal ihre alten Schüler. Wahrscheinlich sind Schlummis einfach Jugendliche, die sich eine Zeit lang verpuppen. Was sie dabei erfahren? Dass sie fürs Leben lernen und nicht für die Schule. Und was Shakespeare betrifft: Der wird auch an Realschulen gelesen.