In der Arbeitswelt zählt das Elitegymnasium nichts

Aber haben Akademiker (wenn sie denn unterkommen) dafür nicht eine interessantere, besser bezahlte, tollere Arbeit?

Auch hier hilft ein Blick auf den Bildungsbericht: Unter den (überhaupt erwerbstätigen) Geistes- und Kulturwissenschaftlern sind laut Selbstauskunft 22 Prozent in ihrem Fach und auf ihrem Niveau beschäftigt – 42 Prozent mangelt es an beidem zugleich (eine Zahl, die fünf Jahre nach dem Abschluss noch um zwei, drei Prozentpunkte zurückgeht). Selbst unter den Wirtschaftswissenschaftlern machen 21 Prozent eine Arbeit, die weder inhaltlich noch statusmäßig ihren Erwartungen entspricht. Während bei den Bankkaufleuten ein Jahr nach der Lehre 83 Prozent "fachadäquat" beschäftigt sind (die Position wird bei Nichtakademikern nicht gemessen).

Nähme man also 100 Geisteswissenschaftler, die ihr Studium abgeschlossen haben, so wären 64 von ihnen ein Jahr nach Abschluss des Studiums erwerbstätig und 14 davon fach- und positionsadäquat eingesetzt. Von 100 Bank- und Versicherungskaufleuten arbeiteten 62 in ihrem Fach. Von 100 Schlossern und Werkzeugmachern wären es immerhin 42, die tun, was sie sich vorgestellt haben.

Vielleicht erklären sich so Lebensläufe wie der meines Cousins und der meines Freundes: Letzterer befand sich in dem Moment, in dem er sich an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät einschrieb, in einer 86-prozentigen Gefahr, an seinen Träumen zu scheitern. Dabei glaubte er, es schon geschafft zu haben. Während mein Cousin, der sich als Lehrling fühlte wie ein Handlanger, eine reelle Chance hatte, seine nicht gerade hochgesteckten Ziele zu verwirklichen. Jeder neue Schritt war für ihn ein Wunder, das ihn mutiger werden ließ.

Zeugnisse braucht man nur, um aus dem Stapel der Bewerbungen gefischt zu werden. Wenn man den Job hat, spielen sie keine Rolle mehr. Kein Chef interessiert sich dafür, ob jemand ein Einser-Abi am angesehensten Gymnasium der Kleinstadt gemacht hat. Die Frage ist nur: Wofür interessiert der Chef sich dann?

Es gibt, sagt Ludger Wößmann, amerikanische Studien, die belegen, dass zehn Jahre nach dem Berufseinstieg grundlegende kognitive Fähigkeiten – also das, was man tatsächlich gelernt hat, egal wo – wichtiger für das berufliche Fortkommen sind als der Abschluss, der irgendwann gemacht wurde. Aber diese Studien gelten für das Land der Quereinsteiger und Selfmademen. Die wenigen deutschen Untersuchungen zu dem Thema konzentrieren sich auf den Bildungsabschluss und lassen andere Faktoren außen vor.

Erst jetzt finden Erziehungswissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Ökonomen zusammen, um herauszufinden, was passiert, wenn aus Schülern Arbeitnehmer werden. Seit einem Jahr läuft eine Studie namens "Nationales Bildungspanel", die ausführlichste europäische Untersuchung zu Bildungs- und Lebensverläufen, die es je gab. Sie wird 60.000 Menschen zwischen null und 64 bei ihrem langen Marsch durch Schule und Beruf begleiten, um zu erforschen, aus welchen Zutaten Erfolg gemacht wird. Nichts kann ausgeschlossen werden, alles könnte wichtig sein, und deshalb wird jedes erdenkliche Merkmal der Probanden vermessen, von der Betreuung ihrer Kinder über die Freizeitgestaltung bis zum Gewicht. In einem Jahr können die ersten Daten geerntet werden, richtig interessant aber sollte es in zehn oder 20 Jahren werden. "Was ist wichtiger, Kompetenzen oder Zertifikate? Das ist im Grunde die Frage, die über allem steht", sagt Reinhard Pollak, der für das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung an der Studie mitarbeitet. Noch ist sie unbeantwortet. Und solange es dieses Vakuum gibt, haben vor allem diejenigen, die Menschen ohne Abitur nur von RTL2 kennen, darauf nur eine Antwort: Gymnasium.

Eine Lehrerin an einer privaten Grundschule in Baden-Württemberg weiß von Vätern, die sich an der Finanzierung der neuen Turnhalle oder des Sportplatzes beteiligen, wenn das Übertrittszeugnis des Kindes ansteht. Andere Eltern demonstrieren gegen Ende der Grundschulzeit auf Schulfesten Präsenz, machen auf Elternabenden klar, wohin die Reise gehen soll.

"Es gibt da diesen Druck", sagt eine Ausbilderin, die Lehramtsprüfungen abnimmt und die in Hunderten von Lehrerzimmern saß, "wenn es darum geht, dass der Sohn vom Bürgermeister oder vom Arzt wegen einer um zwei Zehntel zu schlechten Durchschnittsnote das Gymnasium verfehlt. Natürlich wird das nicht so offen gesagt. ›Überlegen Sie doch noch mal, ob man es den Eltern nicht doch noch zutrauen kann, das hinzukriegen‹, heißt es dann. Und an die Klassenlehrer ergeht somit die unausgesprochene Botschaft, dass man da ein Auge drauf hat."

"Die oberen Schichten sind daran interessiert, Konkurrenz für die eigenen Kinder zu verhindern", sagt Wilfried Bos, Professor für Bildungsforschung in Dortmund. Als sein Vater, ein kleiner Handelsvertreter, den aufgeweckten Jungen in den fünfziger Jahren am Gymnasium anmelden wollte, wurde ihm abgeraten, mit der Begründung, der Junge passe da nicht rein. Heute ist Bos für die Qualitätssicherung der Abituraufgaben in Nordrhein-Westfalen zuständig. Und wird immer wieder mit Studien zitiert, die belegen, dass die Chancen eines "Oberschichtskindes", eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, fast dreimal so hoch sind wie die eines Kindes aus einem Facharbeiterhaushalt. Bei gleicher Leistung.