ZEITmagazin: Frau Canonica, Sie hatten vor einigen Jahren einen schlimmen Unfall. Was genau ist da passiert?

Sibylle Canonica: Ich wurde von einem Lastwagen eingequetscht, als wir in Passau eine Szene für einen Film drehten. Ich sollte mit meiner Filmtochter eine enge abschüssige Gasse hinuntergehen, während ein Tieflader mit unserem abgeschleppten Auto hinter uns in die Gasse einbog. Irgendwie hat uns der Fahrer übersehen, und die Seite der Ladefläche hat mich plötzlich erfasst. Meine Filmtochter konnte ich noch rechtzeitig in einen Hauseingang schieben. Aber mich hat’s erwischt.

ZEITmagazin: Sie wurden an die Wand gedrückt?

Canonica: Ja, gegen einen Mauervorsprung. Ich fühlte mich, als würde ich zwischen zwei Betonplatten gepresst. Aber seltsamerweise wurde ich nicht ohnmächtig, sondern erlebte das alles bei vollem Bewusstsein. Der Druck wurde immer größer. Ich hatte Todesangst. Und ich wusste genau, dass der, der am Steuer sitzt, das nicht realisiert.

ZEITmagazin: Was haben Sie da getan?

Canonica: Ich habe geschrien wie noch nie in meinem Leben. Doch der Laster rollte weiter. Ich spürte, dass mein Beckenknochen bricht, und es hat einen inneren Riss gegeben. Es kam mir vor, als würde sich die Zeit dehnen. Jede Sekunde dauerte eine Ewigkeit. Ich konnte zwar kaum etwas hören, so als hätte ich Watte in den Ohren. Aber ich sah alles ganz scharf. Ich sah die Gasse und über mir den Himmel als blaues Band – und überall Leute, die mit verschränkten Armen auf ihren Fenstersimsen lehnten und zuschauten. Die guckten nur, und keiner schrie »Halt!«. Das war für mich das Schlimmste an diesem Erlebnis.

ZEITmagazin: Dass die Leute schweigend zusahen, ohne zu helfen?

Canonica: Ja, das Gefühl, dass ich total ausgeliefert bin und diese Leute mich retten könnten, aber nichts unternehmen. Das hat mich schockiert. Dieses Gaffen der Leute werde ich nie vergessen.

ZEITmagazin: Und dann hat der Fahrer Sie doch bemerkt?

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Canonica: Irgendwann hat er mein Schreien gehört, und der Laster blieb endlich stehen. Aber auch der Fahrer stand unter Schock. Deshalb kletterte ein Mann von der Absperrfirma in den Führerstand. Er legte den Rückwärtsgang ein, um den Laster zurückzufahren, und ich dachte, da es ja bergab ging: Wenn er ihn auch nur einen Zentimeter weiter auf mich zurollen lässt, ist es vorbei. Jetzt können mich nur noch die Engel retten. Aber irgendwie hat er es geschafft, und ich war frei. Ich konnte mich nicht halten, weil meine Knochen kaputt waren. Dann sprang jemand anderer herbei und fing mich auf, bevor ich aufs Pflaster stürzte, sonst hätte ich mir wohl das Genick gebrochen.