Clint EastwoodAltersradikalismus und Menschenliebe

Zum Achtzigsten des Schauspielers und Regisseurs Clint Eastwood von 

Clint Eastwood ist der erstaunlichste Hollywoodkünstler unserer Tage. Das Erstaunliche ist nicht seine Wandlung vom Schauspieler zum Regisseur – obwohl sie mit dieser Professionalität und künstlerischen Brillanz selten geschieht. Das Erstaunliche ist die politische Dramatik des Wandels. Denn die Rollen, mit denen er berühmt wurde, des Italowesternhelden unter der Regie Sergio Leones (beginnend 1964 mit Für eine Handvoll Dollar ) und des Dirty Harry (in einer Folge brutaler Polizeithriller seit 1971) waren nicht nur, wenn man es nüchtern betrachtet, Apotheosen der Selbstjustiz, sondern auch des heroisch siegenden Individuums, von dem in seinem späteren Regiewerk nichts, aber auch gar nichts mehr bleibt.

Schon Erbarmungslos, der erste Film, für den er 1992 einen Oscar als Regisseur gewann, war ein singulär pessimistischer Spätwestern. Million Dollar Baby von 2005 aber zerstörte den amerikanischen Traum von der Überwindung aller Widerstände endgültig. Der Film zeigte zwar: Es stimmt, es lassen sich mit äußerster Anstrengung nahezu alle Widerstände überwinden – indes wäre es nicht nötig gewesen. Der Kampf der Boxerin und ihres Trainers (gespielt von Eastwood selbst) um den Erfolg war der falsche Kampf. Seelenfrieden und Glück wären auch anders zu haben gewesen.

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Der wahre Kampf – das ist ein untergründig wirksames Leitmotiv im Regiewerk Eastwoods – muss gegen die innere Verhärtung und die wirklichkeitsverzerrende Machtlogik des amerikanischen Menschenbildes geführt werden. Das ist erstaunlich auch für einen Mann, der Wahlkampf für zwei republikanische Präsidenten, Richard Nixon und Ronald Reagan, gemacht hat. Seit dem Irakkrieg von Bush junior war es allerdings mit der Freude am harten Auftreten endgültig vorbei. 2006 erschien das zweiteilige Weltkriegsepos Flags of Our Fathers und Letters From Iwo Jima, das den Kampf um eine japanisch besetzte Pazifikinsel erzählt, einmal als Propagandaorgie aus amerikanischer Sicht und einmal als todtrauriges Kammerspiel der unterliegenden Japaner. Rücksichtsloser gegenüber den Machtallüren des eigenen Landes und ritterlicher gegenüber den Verlierern, kurzum: unpatriotischer konnte man sich kaum zeigen. Indes zeigte Eastwood noch etwas anderes, das die folgenden Filme Gran Torino (2009) und Invictus (2010) bestätigten: dass er auch die schlichten, sogar leisen Töne für sich erobert hat.

Das alles ist erstaunlich; am erstaunlichsten aber, dass der Mann jetzt achtzig wird. Seine politische Entwicklung könnte man, anlog zu Fontane, als Altersradikalismus begreifen. Das künstlerische Resultat aber ist Alterswärme, eine halb bittere, halb mitleidende Menschenliebe.

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Leserkommentare
  1. Ich zähle mich schon seit längerem zu den Eastwood (als Regisseur) Fans.
    Alle im Artikel genannten Filme verdienen die Erwähnung (einige davon sind brilliant), hinzufügen möchte ich noch den unterschätzten "Mystic River" und den Film der mich zum Fan gemacht hat "Perfect World"...

    Es bleibt zu wünschen (uns und natürlich auch ihm), dass er noch lange weitermachen kann mit dem Filme machen.

  2. Ein großer Künstler.

  3. Mystic River ist für mich sogar noch vor "Million Dollar Baby" der erschütterndste Film von Clint Eastwood. Eine griechische Tragödie, erzählt im Neuengland. von heute.

    Ein Vater als Opfer und Täter. Ein Polizist, der den einen Täter ermittelt, den anderen Mörder aber nicht fassen kann. Drei Jungs, Spielkameraden, denen das Schicksal auf die eine oder andere grausame Art mitspielt.

  4. Mögen noch viele gesunde und filmreiche Jahre folgen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ich mich nur anschließen, ein großartiger Künstler der seines gleichen sucht. Vielen dank für die vielen Stunden, die mich begeistert haben.

  5. ich mich nur anschließen, ein großartiger Künstler der seines gleichen sucht. Vielen dank für die vielen Stunden, die mich begeistert haben.

    Antwort auf "Alles, alles Gute!"
  6. Die wenigen Menschen die, je älter, desto besser werden.
    Bitte, bitte. Noch viele, viele wundervolle Jahre und wundervolle Werke.

  7. Alles Gute an Clint zum 80sten. Ich muss zugeben mit seinen Filmen, als Regisseur, nicht viel anfangen zu können. Die sind zwar ganz nett, aber irgendwie etwas steif.
    Am liebsten ist er mir in den Westernrollen.

  8. Nicht zu vergessen ist "Space Cowboys". Eine faszinierende Rentnertruppe (Eastwood, Sutherland, Garner, Tommy Lee Jones) darf endlich ins All fliegen. Einfach schön.
    Ähnlich eigentlich nur "Archie und Harry" mit Lancaster und Kirk Douglas (sehenswert, wie der damals etwa siebzigjährige Douglas den älteren und schwereren Lancaster ko schlägt, sich locker über die Schulter wirft und aus der Bar trägt)

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  • Schlagworte Clint Eastwood | Ronald Reagan | Film | Richard Nixon | Baby | Dollar
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