Hamburg Das TollhausSeite 6/6

Nun hat der Architekt am Kopfende eines riesigen Tisches im Hamburger Büro der Baumeister von Herzog & de Meuron zwischen Plänen, 3-D-Simulationen und drei ihm vertrauten Mitarbeitern Platz genommen. Nie hatten er und Jacques Herzog sich öffentlich zu den Querelen geäußert. Doch nun scheint die Geduld des Schweizers am Ende. Superlüftungsschächte, wenn er das schon hört!

Dem Interview mit der ZEIT waren viele Wochen des Wartens vorausgegangen. Die Architekten und ihre PR-Berater hatten vertröstet, ignoriert, beschwichtigt, Termine in Aussicht stellen lassen und dann wieder verworfen und schließlich einem Gespräch zugestimmt – unter der Bedingung, dass über vertrauliche Sachverhalte nicht gesprochen werden dürfe.

Es geht nämlich nicht mehr nur um diesen Bau und sehr viel Geld, sondern auch um eine panische PR-Schlacht. Selbst die zurückhaltenden Schweizer Architekten haben nun einen Spindoktor, einen Mann, wie ihn sonst Konzernvorstände bei Problemen engagieren und der Journalisten freundlich mit Material versorgt – vor allem mit Interpretationen. Das Problem ist mittlerweile nämlich nicht mehr nur ein Mangel an Informationen. Das Problem ist, dass die verfügbaren Informationen kaum mehr jemand interpretieren kann, weil selbst die Experten sich über ihre Auslegung streiten. Alle haben ihre eigenen Wahrheiten.

Pierre de Meuron und seine Mitarbeiter haben das vogelnestartige Olympiastadion in Peking gebaut und die Fußballarena in München, sie bekamen den Pritzker-Preis, den Oscar der Architekten, über 300 Menschen aus der ganzen Welt arbeiten für das Büro. Aber de Meuron sagt: »So etwas wie mit Hochtief, das habe ich noch nie erlebt.«

Er startet eine Computerpräsentation zur Genese des Baus, an der Wand leuchten jetzt die Betonhülle, die Stahlkonstruktion, die Federpakete, Zahlen und Detailplanungen, Beweis um Beweis, dass hier ernsthaft und professionell gearbeitet wird, dass niemand Geld verschwendet. Pierre de Meuron, eigentlich ein sehr ruhiger Mann, springt mittendrin auf, um seine Baumeisterehre zu verteidigen. »Das ist die Arbeit, die wir täglich machen«, sagt er. »Wir gehen da mit großer Begeisterung ran, aber auch mit großer Professionalität. Unsere Pläne haben wir immer pünktlich geliefert.« Während er schließlich die Piazza, den öffentlichen Bereich des Baus, erläutert, spricht Pierre de Meuron sehr ernst von der übergeordneten Idee des Baus, die auch eine demokratische sein soll: »Die Elbphilharmonie hat einen öffentlichen Raum über den Dächern Hamburgs, auf 33 Metern. Das war uns wichtig. Er ist für alle da und nicht nur für die oberen Zehntausend. Die Philharmonie kommt wie eine Nadel bei der Akupunktur in die Stadt und gibt ihr völlig neue Energie.«

Der Streit um die Elbphilharmonie ist jetzt eine panische PR-Schlacht

Es ist eigenartig, dass den Architekten demokratische Orte und Symbole so wichtig sind, sie aber lange Zeit nicht verstanden haben, dass dieser Bau keine private Sache ist. Dass ein Unternehmen, das zusammen mit dem Hamburger Planungsbüro Höhler + Partner mittlerweile etwa 55 Millionen Euro für ein öffentliches Projekt bekommen haben soll, sich öffentlich erklären muss.

Dass die Architekten sich in den Feuilletons feiern ließen, aber der öffentlichen Auseinandersetzung um Kosten entzogen, ist symptomatisch für die Entstehung dieses Baus, in dessen visionärem Glanz sich Planer, Politiker und Baufirma von Beginn an gesonnt haben, für dessen Schattenseiten sie aber nicht verantwortlich sein wollen. Die Stadtmanager nicht, die durch schlechte Verträge ein wackeliges Fundament errichteten, die Manager des Baukonzerns nicht, die die Schwächen der Vertragskonstruktion für ihre Nachforderungen nutzen. Wahrscheinlich ist die Elbphilharmonie die vielen Hundert Millionen Euro, die sie nun kostet, tatsächlich wert. Dass aber von Anbeginn so getan wurde, als sei sie viel billiger zu haben, hat einen Preis gekostet, den zu bezahlen besser kein Demokrat bereit sein sollte: den Glauben daran, dass die Politiker der Stadt sich sorgfältig um das Geld ihrer Bürger kümmern und es gegen die Interessen von Konzernen zu verteidigen wissen.

Es ist der Montag vergangener Woche. Der Verein der Freunde der Elbphilharmonie, den es tatsächlich noch immer gibt, hat zu einer Podiumsdiskussion geladen, auf der Bühne sitzen unter anderem Thomas Möller von Hochtief und Heribert Leutner, der neue Manager des Elbphilharmoniebaus. Eine Frau steht auf und bekommt großen Applaus, weil sie sagt, die Herren auf der Bühne erklärten das alles so gut, und »die Presse« mache es nur madig. Auch die Bühnendarsteller mit ihrem Stargast aus Essen, dem Vorstandsvorsitzenden von Hochtief, geben sich einander sehr zugetan, ja sogar das berühmte gemeinsame Bier nach harten Verhandlungen wolle man noch miteinander trinken.

Nachtrag vier? Schnee von gestern.

Neue Kostensteigerungen? Übliche Probleme am Bau.

Was sagt die Politik? Die Kultursenatorin ist verhindert.

Der parlamentarische Untersuchungssausschuss? Kein Thema.

Sonst? Alles gut.

Tatsächlich? In der Woche zuvor hatten Planer im Aufsichtsrat einen Mängelbericht vorgestellt, in dem es unter anderem um nicht vorhergesehene Hohlräume im Beton ging. Und gerade erst hat die Stadt den Konzern Hochtief verklagt. Wegen Terminplänen, die nicht vorliegen. Aber auch das ist schon wieder Auslegungssache.

 
Leser-Kommentare
  1. http://de.wikipedia.org/w...

    .....Dort will es eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel bauen. Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Nun befürchtet er, dass ihnen nichts mehr unerreichbar sein [wird], was sie sich auch vornehmen, das heißt, dass das Volk übermütig werden könnte und vor nichts zurückschreckt, was ihm in den Sinn kommt. Gott verwirrt ihre Sprache und vertreibt sie über die ganze Erde. Die Weiterarbeit am Turm endet gezwungenermaßen.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Die Namen der Politiker, Architekten und Baufirmen samt ihren Milchmädchenrechnungen sind andere, das Prinzip dasselbe: Kosten und Bauzeiten werden wider jeden gesunden Menschenverstandes heruntergerechnet, die Bewohner werden für dumm verkauft und für die meist um ein Vielfaches entstandenen Mehrkosten über Steuern auch noch zur Kasse gebeten, während Großkonzerne dicke Gewinne einfahren und sich leider oft aus jeder Verantwortung herauswinden. So wurde das Wassermanagement, welches ein Absenken des Grundwassers um mehrere Meter beinhaltet, an Bilfinger Berger vergeben - ich sage nur Köln, wo selbst nach über einem Jahr noch niemand zur Verantwortung gezogen wurde. Gleichzeitig sollen 800 Millionen Euro durch dünnere Tunnelwände gespart werden - in geologisch schwierigen Verhältnissen.

    Allerdings geht es bei Stuttgart 21 nicht 'nur' um Millionen (als ob das nicht des Skandals genug wäre), sondern um Milliarden. 4,9 Milliarden sind in der Planung veranschlagt, jedoch gehen neutrale und realistisch rechnende Experten von 8-12 Milliarden aus. Dazu kommt, dass der denkmalgeschützte Bonatz Kopfbahnof, dem kürzlich selbst die New York Times(!) eine Bildergalerie ob seiner architektonischen Schönheit gewidmet wurde, durch den Abriss seiner Seitenflügel amputiert werden soll.

  3. Über 2/3 der Bürger Stuttgarts sind gegen S21, 67.000 Unterschriften wurden für ein Bürgerbegehren gesammelt und vom OB Schuster trotz vorheriger Zusage ignoriert mit der Begründung formal nicht korrekt zu sein. Dem Bürger wird immer wieder erklärt, warum 8 Gleise leistungsfähiger sein sollen als die bestehenden 16 Gleise. Da fühlt sich so mancher ins finstere Mittelalter zurück versetzt, wenn da nicht die Tausenden mündige Bürger wären, die seit Monaten Montag für Montag für den Erhalt ihres Kopfbahnhofes (www.kopfbahnhof-21.de) und Schlossgartens friedlich protestieren über sämtliche sozialen Schichten, Generationen und politischen Parteizugehörigkeiten hinweg. Wenn da nicht die mittlerweile über 14,000 registrierten Parkschützer (www.parkschuetzer.de) wären, von denen einige Tausend bereit sind sich gegebenenfalls den Baufahrzeugen in den Weg zu stellen, bzw. so weit zu gehen sich an die Bäume zu ketten, um ihren Park und ihren Bahnhof zu retten.

    Mögen die Politiker im ganzen Land aus den Skandalen der Großprojekte in Hamburg, Köln und anderswo lernen. Mögen die Bürger wieder Rückgrat zeigen und mit friedlichen und gewaltfreien Mitteln ihren Lebensraum verteidigen

  4. Folgender Absatz ergibt m.E. inhaltlich keinen rechten Sinn:

    "...Die groben Pläne für Entwürfe und die detaillierten für Ausführungsarbeiten entstehen bei Bauten dieser Größenordnung üblicherweise unter einem Dach. Doch bei der Elbphilharmonie verantworten Herzog & de Meuron neben den Entwürfen auch Teile der Ausführungsplanung..."

    Wie ist das nun? Hatte HdM die Ausführuns- und Detailplanung inne, oder sind diese Planungsphasen an Dritte abgegeben?

    Folgender Abschnitt hat mich etwas verwundert:

    "...Zudem soll Wegener es versäumt haben, einen verbindlichen Terminplan zwischen Architekten und Bauunternehmen aufzusetzen...."

    Sollte Hr. Wegener tatsächlich vergessen haben einen verbindlichen Bauzeitplan bekanntzugeben? Auf was für einer vertraglichen Basis waren denn die Planliefer-, Freigabe-, Korrektur- und Fertigstelllisten geregelt?

    Folgender Absatz ist köstlich, beinah Architekten-Scherzmail-tauglich:

    "...große Bauunternehmen setzten Kosten systematisch zu gering an, um dann Nachforderungen zu stellen. Das soll er nun beweisen, fordern die Anwälte des Konzerns..."

    Der Ablauf ist üblicherweise folgender: große Firma gibt ein unschlagbar günstiges Angebot ab, gewinnt Ausschreibung. Nach Fertigstellung landet beim Bauherr (oder Generalunternehmer) eine Rechung mit dicker Nachforderung (15% auf AN), große Firma lässt freundliche Grüße von Rechtsabteilung ausrichten. Bauherr oder GU haben verstanden. Ein altes Spiel...

  5. Ich frage mich immer, warum ein Kostenvoranschlag nur in der Privatwirtschaft irgenteinen Nutzen hat. Jedes, und zwar ausnahmslos jedes öffentliche Bauprojekt wird viel teurer als veranschlagt. Ich meine Differenzen so um die 5-10% sind ja normal aber um 300-400%. Ich glaube langsam öffentliche Aufträge sind ein Blankoschein zur Abzocke.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Leider werden all zu oft Ideenentwickler von Haudrauftypen verdrängt.
    Eine typische Erscheinung unserer Gesellschaft.

    Hat hier nicht Bürgermeister Ole von Beust seine Hamburger übers Ohr gehauen? Hatte er nicht schon vorher einen Blick in die Stadtkasse geworfen?
    Fällt erst jetzt auf, dass Geld knapp ist?
    Es schnuppert eher nach einer Neobarocken Zeit.

    Ein öffentlicher Raum 30 m über der Stadt, nicht mehr für jeden erreichbar?
    Wohin bewegt sich unsere Gesellschaft? Wieviele werden aus unserem demokratischen System fallen?

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "..Ein öffentlicher Raum 30 m über der Stadt, nicht mehr für jeden erreichbar?
    Wohin bewegt sich unsere Gesellschaft? Wieviele werden aus unserem demokratischen System fallen?.."

    Ja, die internat. Architektur der letzten 10-15 Jahre hat ihre gesellschaftliche Verantwortung vernachlässigt und sich mit dem erschwindelten Geld des Finanzhypes für Superduperbauten zum Lakaien der Finanz- und Polithelden verkorksen lassen.
    Koolhaas und CCTV ist da auch so ein trauriges Beispiel - dort soll es auch die öffentliche Terrasse auf dem Dach retten, über Hadid braucht man gar nicht erst reden, die baut nur für die Photografen...

    "..Ein öffentlicher Raum 30 m über der Stadt, nicht mehr für jeden erreichbar?
    Wohin bewegt sich unsere Gesellschaft? Wieviele werden aus unserem demokratischen System fallen?.."

    Ja, die internat. Architektur der letzten 10-15 Jahre hat ihre gesellschaftliche Verantwortung vernachlässigt und sich mit dem erschwindelten Geld des Finanzhypes für Superduperbauten zum Lakaien der Finanz- und Polithelden verkorksen lassen.
    Koolhaas und CCTV ist da auch so ein trauriges Beispiel - dort soll es auch die öffentliche Terrasse auf dem Dach retten, über Hadid braucht man gar nicht erst reden, die baut nur für die Photografen...

  7. Seit Jahrzehnten im Ausland lebend wundert man sich wirklich über Deutschland: kann denn wirklich nichts das über eine Autobahnausfahrt hinausgeht in diesem Land gebaut oder verändert werden, ohnen dass sich Bedenkenträger zu Wort melden müssen? Natürlich muss es solche in einer Demokratie geben, aber warum müssen die Stimmen derer die 'es schon immer gewusst haben' in der medialen Darstellung per Automatik die Mehrheit bilden? Wenn das Objekt endlich steht, sind im allgemeinen alle stolz darüber und nehmen den Umsatz, den die Touristen bringen gern mit. Glaubt denn ernstlich jemand, Schloss Schönbrunn, der Eiffelturm, die Oper von Sydney oder die Tate Modern sind exakt nach ursprünglichen Kosten- oder Bauzeitenplänen gebaut worden?

  8. "..Ein öffentlicher Raum 30 m über der Stadt, nicht mehr für jeden erreichbar?
    Wohin bewegt sich unsere Gesellschaft? Wieviele werden aus unserem demokratischen System fallen?.."

    Ja, die internat. Architektur der letzten 10-15 Jahre hat ihre gesellschaftliche Verantwortung vernachlässigt und sich mit dem erschwindelten Geld des Finanzhypes für Superduperbauten zum Lakaien der Finanz- und Polithelden verkorksen lassen.
    Koolhaas und CCTV ist da auch so ein trauriges Beispiel - dort soll es auch die öffentliche Terrasse auf dem Dach retten, über Hadid braucht man gar nicht erst reden, die baut nur für die Photografen...

    Antwort auf "Neobarocke Zeit"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service