Einmal wöchentlich", so predigen es die Ernährungsratgeber, "sollte er auf dem Speiseplan stehen." Schließlich enthält er Jod, dessen Mangel das kindliche Wachstum und die geistige Entwicklung hemmen kann. Fisch ist gesund, fettreiche Arten wie Hering oder Lachs enthalten sogar Omega-3-Fettsäuren, die vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen. Es gibt nur ein Problem: Mein Kind mag keinen Fisch.

Da helfen weder ernster Zuspruch noch sanftes Locken ("Probier doch wenigstens mal einen Löffel!"). Den Hinweis auf die Gesundheit kann man sich gleich sparen – der wirkt ja nicht mal bei Erwachsenen. Ebenso beliebt bei Eltern wie längerfristig wirkungslos sind schmutzige Deals nach dem Motto: "Erst der Matjes, dann das Eis". Was – fragt sich das kluge Kind – soll am Fischessen gut sein, wenn ich dafür sogar entschädigt werde?

Der Expertenrat: Ruhe bewahren! "Vor allem cool bleiben und aus dem Esstisch keinen Kampfplatz machen", rät Barbara Methfessel, Ernährungswissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. "Das Kind zu drängen, führt eher noch zu größeren Widerständen." Geschmackliche Vorlieben entwickeln sich nämlich entlang positiver (und negativer) Ess-Erlebnisse. "Kinder mögen das, womit sie aufwachsen und was für sie mit guten Gefühlen verbunden ist", sagt Methfessel. "Das Vorbild der Eltern spielt dabei eine entscheidende Rolle: Was sie entspannt und mit Selbstverständlichkeit auf den Tisch bringen und selber sichtlich gern essen, wird früher oder später auch für Sohn oder Tochter interessant. Es ist kein Zufall, dass zum Beispiel skandinavische Kinder von klein auf Fisch essen – Mutter und Vater leben es ihnen vor. Vermutlich würde dort niemand auf die Idee kommen, dass Kinder keinen Fisch mögen."

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Bei meinem Kind nützt es leider gar nichts, dass die Eltern Zander, Lachs und Steinbeißer lieben und genießen. Die Tochter verdreht angewidert die Augen, wenn ein feiner Fisch auf den Tisch kommt. Wir Großen versuchen es dann meist mit Werbung wie: "Papa hat das als Kind auch so geliebt!" (Kopfschütteln); "du hast das auch schon mal gern gegessen, damals, in der Krabbelgruppe!" (trotziger Blick ins Leere); "ah, da bin ich aber froh, dass ich nichts abgeben muss!" ("Kannst du alles allein aufessen!") Entmutigend ist auch der professionelle Blick auf solches Verhalten. "Kinder", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Methfessel, "sind Seismografen. Sie spüren, wenn man ihnen etwas verkaufen will." Es reicht oft schon, wenn man bloß insgeheim damit rechnet, dass sie dies oder jenes nicht mögen werden – schon erliegen sie der Suggestion und rühren keine Fischfaser an.

"Geben Sie Ihrem Kind Pangasius!" Diesen Tipp hatte mir anlässlich einer Fischmesse Matthias Keller, der Sprecher des Fisch-Informationszentrums in Hamburg, gegeben. Pangasius ist, so könnte man es ausdrücken, ein niedrigschwelliger Einstieg in den Fischkonsum. Denn er schmeckt überhaupt nicht nach Fisch. Genial! Na ja, dieser weit gereiste, in Aquakultur produzierte südostasiatische Süßwasserfisch ist ja vielleicht nicht gerade eine ökologische Vorzeigespeise – aber sein Verzehr schont immerhin die Wildfischbestände… Kellers Kollegin Sandra Kess erläutert die kindgerechte Vorgehensweise: "Pangasius hat keine Gräten und keinen Eigengeschmack. Radikalen Fischverweigerern kann er daher helfen, die erste Hürde beim Probieren zu nehmen. Dann wieder auf Seefisch umzusteigen kann allerdings schwierig werden. Als Fortsetzung würde ich Seelachs empfehlen. Den bekommt man im Gegensatz zum Pangasius auch als Frischfisch."

Radikale Fischverweigerinnen riechen Fisch jedoch auch da, wo nichts nach Fisch schmeckt. Was bleibt den ums Kindeswohl besorgten Eltern übrig? Der letzte Versuch: Trickgerichte! Lachs kann nämlich ausgesprochen zurückhaltend präsentiert werden – unter einer knusprigen Kräuter-Brösel-Haube verborgen. Räuchermakrelen verwandeln sich, püriert mit Schmand und Zitrone, zu einem leckeren Dip. Auch Fisch-Gemüse-Obst-Spieße für Grill oder Pfanne sehen nicht wie ein Fischgericht aus. Wenn das alles noch nicht hilft, fälscht man kurzerhand Lieblingsgerichte der Kinder. Fischfilet, mit Eiern und eingeweichten Brötchen verknetet, wird zu prima Frikadellen. Mit Gurke und Mayonnaise in ein weiches Brötchen gepackt, kann man sogar von einem Burger sprechen. Und eine pädagogisch ganz wertvolle Idee ist, das Kind bei der Zubereitung helfen zu lassen. Mit Glück betrachtet es das Essen als sein Werk. Und ist dementsprechend neugierig auf das Ergebnis.

Mit unserer Tochter hat das alles aber überhaupt nicht funktioniert. Kein Argument, kein Trick, kein Rezept konnte sie veranlassen, Fisch auch nur zu probieren. Fisch? Iiiieh! Allen Eltern solcher Totalverweigerer sei zum Trost gesagt: Dank angereicherter Futtermittel steckt Jod auch in Milch, Eiern und Fleisch; was dann noch fehlt, liefert jodiertes Speisesalz dem Organismus. Im Übrigen enthalten Walnüsse mehr Omega-3-Fettsäuren als jeder Fisch. Garantiert grätenfrei.