Kartoffeln Die Knollen des WandelsSeite 4/4
Auf jeden Fall machte der Freihandel Großbritannien extrem abhängig von Lebensmittelimporten, was das Land in beiden Weltkriegen an den Rand einer Niederlage brachte. "Womöglich wäre die Rivalität mit Deutschland gar nicht erst entstanden, wenn die Vorherrschaft der britischen Handelsflotte und Marine nicht zur absoluten Notwendigkeit geworden wäre", schreibt Henry Hobhouse – nur als Herrscherin der Meere konnte Britannia die eigene Versorgung sicherstellen.
Auf der anderen Seite des Atlantiks wurden die irischen Immigranten zu einer politischen Macht. In den US-Bundesstaaten, in denen sie sich niederließen, stellten sie immerhin fünf Prozent der Bevölkerung, in Städten wie New York und Boston an die 30 Prozent. Dort wurden aus unterdrückten Landarbeitern Bürger mit einer Stimme, nicht nur mit einer politischen. Die irische Art, wortreich und hartnäckig zu verhandeln, prägte das Wirtschaftsleben – und die irische Mundart den amerikanischen Dialekt.
Die Einwanderer trugen auch dazu bei, dass sich die USA von Europa emanzipierten. "Die katholischen Iren waren die erste politisch organisierte, ethnisch einheitliche Gruppe, die durch einen Hass auf England motiviert wurde", schreibt Hobhouse. Und weil sie den britischen Imperialismus verachteten, stärkten sie die antiimperialistische Strömung in den USA und damit den Isolationismus, die Politik der Nichteinmischung. Diese Grundhaltung führte wiederum dazu, dass sich die Vereinigten Staaten in beiden Weltkriegen erst relativ spät den Allianzen gegen Deutschland – und damit auch den Briten – anschlossen.
Was für eine Karriere für eine verschrumpelte Knolle: vom Zufallsimport zur Volkskost, zum Treibstoff des Kolonialismus und zur Energiequelle der Industrialisierung, zur Nahrung des Aufschwungs, zum Keim des Exodus. Natürlich hwat die Kartoffel keines dieser Phänomene allein verursacht, aber immer spielte sie eine Rolle, mal war sie die Protagonistin, mal nahrhafte Nebendarstellerin.
Gerade ist sie in eine neue Rolle geschlüpft, wieder geht es um eine der ganz großen Fragen. Zwar nahm im satten Westen angesichts der Konkurrenz von Pasta, Reis, Couscous und Co. der Appetit auf Erdäpfel ab, dafür ist aber Asien auf den Geschmack gekommen. Jede dritte Kartoffel wird inzwischen in China oder Indien geerntet; viele landen jedoch nicht im Topf, sondern im Tank – als Biosprit. Eine kuriose Wende: Während zu Zeiten der industriellen Revolution fossiler Brennstoff aus den Tiefen der Erde den Ackerboden bereitete für Kartoffeln und Getreide, weil weniger Brennholz angebaut werden musste, sollen heute Feldfrüchte fossilen Kraftstoff ersetzen. Eine neue Konkurrenz um den Acker ist entbrannt zwischen hungrigen Menschen und energiefressenden Maschinen. Die Kartoffel steckt mittendrin.
Fast 500 Jahre lang hat die Knolle nun die Geschicke des Westens beeinflusst, den Aufstieg einer Gruppe von Staaten und den Fall einzelner Nationen. Was wohl wird die Welt, was werden der Osten und der Süden im Jahr 2500 über den Erdapfel zu sagen haben?
- Datum 03.06.2010 - 12:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.05.2010 Nr. 22
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Danke, ein wirklich hervorragender Artikel, wie man ihn gerne öfter lesen würde. Leider findet man so etwas selten.
Nur die Hungersnot in Irland sollte vielleicht nicht allein auf die Kartoffelfäule zurückgeführt werden, sondern in erster Linie auf die brutale Politik der Engländer, die angesichts der verhungernden Bevölkerung Irlands das Getreide vor deren Augen und gewaltsam gegen den Widerstand der Iren nach England gebracht haben.
Vielen Dank dafür.
Ein interessanter Bericht, der allerdings etwas wichtiges auslässt: er erwähnt nicht den widerstands- und lagerfähigen Mais, ebenfalls ein amerikanisches Produkt, der etwa gleichzeitig nach Europa kam und – unter anderem als Tierfutter verwendet – für die Bevölkerungsexplosion in etwa ebenso wichtig war wie die Kartoffel. Erst das Wechselspiel zwischen Kartoffel und Mais hatte die globalen Auswirkungen, die der Artikel beschreibt.
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