Zitrusfrüchte gelten als besonders reich an Vitamin C, Vitamintabletten hingegen können schaden. © Valery Hache/AFP/Getty Images

Unser Glaube ist unerschütterlich. Nach einer Portion Pommes beruhigen wir unser schlechtes Gewissen mit einer Vitamintablette. Willig lassen wir uns weismachen, dass eine Kopfschmerztablette zur Wunderwaffe gegen Schnupfen wird, nur weil Vitamin C zugesetzt ist. Und wenn Werbespots uns einreden, man könne "gesunde Vitamine naschen", glauben wir sogar, dass wir uns mit Bonbons etwas Gutes tun.

Vitamine sind das Weihwasser der Lebensmittelindustrie. Was mit ihnen in Kontakt kommt, trägt fortan die Aura des Heilsamen. Und wir Verbraucher sind eine vertrauensselige Glaubensgemeinschaft. Knapp jeder Dritte schluckt Vitaminpillen, ergab 2008 die Nationale Verzehrsstudie des Max Rubner Instituts . Mehr als 800 Millionen Euro gaben die Deutschen in jenem Jahr für solche Produkte aus.

Wohl umsonst, denn große Studien mit vielen Tausend Versuchspersonen zeigen, dass Vitamintabletten und Zusätze in Lebensmitteln die Gesundheit nicht verbessern. Im besten Fall bleiben sie wirkungslos. Im schlechtesten steigern sie sogar das Risiko, an Krebs oder anderen Leiden zu erkranken. "Das Ende der Hoffnung", schrieb das Deutsche Ärzteblatt über die Nachricht von der Entzauberung der Vitamine .

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Die Vitamingläubigkeit stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals wusste man, dass sich Krankheiten wie Skorbut bei Seeleuten mit bestimmten Nahrungsmitteln heilen ließen. Erstmals kam nun die Idee auf, dass Lebensmittel neben Kohlenhydraten, Fett und Eiweiß auch "Mikronährstoffe" liefern, die der Körper nur begrenzt selbst herstellen kann und deren Mangel den Menschen krank macht – die Vitamine. In den 1920er Jahren gelang es, immer mehr dieser Stoffe zu isolieren und künstlich herzustellen.

Der Schweizer Wissenschaftshistoriker Beat Bächi suchte im Archiv des Pharmakonzerns Hoffmann la Roche nach Dokumenten über die Anfangszeit der Vitaminherstellung. Er stieß auf eine planvolle Kampagne, die den Glauben an die geradezu wundersame Kraft der Vitamine schürte. Als es dem Unternehmen 1930 gelang, Vitamin C zu synthetisieren , fehlte zunächst jede Idee, wozu der neue Stoff überhaupt gut sein sollte, denn Skorbut war inzwischen selten geworden.

So erfand die sogenannte Propagandaabteilung des Unternehmens kurzerhand eine Krankheit. Bächi fand in den Unterlagen gar eine Textstelle mit der Aussage, die Firma wolle "das Gros der praktischen Ärzte aus Vitaminungläubigen zu Vitamingläubigen bzw. Vitaminverschreibern machen". Das sei aber nur möglich, "wenn der Arzt selbst die Möglichkeit hat, die Diagnose zu stellen und dem Patienten eine neue Krankheit anzudichten", notierten die damaligen Marketingstrategen.

Ihre Lösung: Das krankhafte Vitamin-C-Defizit ("Vitamin-C-Hypovitaminose") wurde erfunden, wie Bächi in seinem Buch Vitamin C für alle schreibt. Diese Propaganda erzielte tatsächlich eine gewaltige Wirkung. Obwohl eine suboptimale Versorgung mit VitaminC vorher niemandem als Problem aufgefallen war, warnten die Fachleute jetzt vor körperlicher und geistiger Ermüdung, Leistungsabfall und Rückgang der Muskelkraft, wenn nicht genug Vitamin C im Körper zirkuliere.