Es geht, natürlich, auch um die Sünde, um ewige Schmerzen, um die Verbannung in die Hölle, um den Kampf gegen den Beelzebub. Es geht, man ahnt es bereits, um die Pizza, um all das, was man ihr antun kann.

Denn es geht darum, was – und vor allem wie viel man drauftun kann auf so eine Pizza, die doch eigentlich das einfachste Essen der Welt ist. Puristen sagen nämlich: nicht viel, im Prinzip gar nichts, und argumentieren kulinarhistorisch. Eine Pizza ist für sie die Pizza Margherita, das heißt ein Fladenbrot mit einem Belag aus Tomaten, Büffelmozzarella und Basilikum. Aber das ist leider schon falsch, denn man darf nicht den Fehler machen, Einfachheit mit Traditionalismus gleichzusetzen, und so tun, als könne man Dinge nur so essen, wie sie ursprünglich einmal gedacht waren. Diese Rechnung geht gerade bei der Pizza nicht auf, denn die Pizza wurde eben nicht schon im 14. Jahrhundert von italienischen Bauern in Steinöfen mit Olivenöl und Tomaten gebacken, wie manchmal behauptet wird (die Tomate war bis zum 17. Jahrhundert in Europa eh unbekannt, da erst Seefahrer sie aus Mittel- und Südamerika mitbrachten).

Tatsächlich weiß niemand, wer die erste Pizza gebacken hat, geschweige denn, wer sie gegessen hat. Aber es gibt Anhaltspunkte: Laut dem sagenhaft informativen Buch Wie Bismarck auf den Hering kam, in dem Petra Foede kulinarische Legenden auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht, wurde ein "Teigfladen namens Pizza" in Neapel "irgendwann im 18. Jahrhundert zur Volksnahrung", zu einem Zeitpunkt, als die Bevölkerung rasch anwuchs und Fleisch ein Luxusgut wurde. Die älteste Version soll die Pizza Napoletana sein, belegt mit Tomaten, Knoblauch und Basilikum. 1830 eröffnete die erste Pizzeria: eine Bäckerei mit Tresen. Pizza war günstig, ihr Preis variierte je nach Belag. Als der französische Schriftsteller Alexandre Dumas in Neapel war, sah er auf den Pizzas allerhand: Schinken, Speck, Käse, Tomaten, Fisch. Auf die Pizza kam drauf, was gerade da war. Daran wird die neapolitanische Pizzabäckervereinigung nicht gerne erinnert, für sie gibt es drei Sorten (Napoletana, Marina und Margherita) und Calzone, also gefüllte Pizza, alles andere nennt sie Kuchen.

Historischer Unsinn also, zu behaupten, die Urpizza sei die einfache Variante – und doch haben die Verteidiger der Margherita recht, denn tatsächlich ist es eine Beleidigung der Idee der Pizza, was da heutzutage so draufgelegt wird: Ananas, Erdbeeren, Bambussprossen, Gyros – wie soll etwas, das nicht gut aussieht, gut schmecken?

Aber wann genau wurde aus der Pizza eine Unterlage für alles, sogar fürs Klebrig-Süße? Vielleicht ungefähr zu der Zeit, als es im Getränkemarkt immer schwieriger wurde, ein Bier zu kaufen: Seit 1993 sind die Regale voll mit sogenannten Biermischgetränken. Damals wurde das Biersteuergesetz geändert, damit brachen alle Dämme. Es klingt absurd, schmeckt absurd und wird trotzdem gekauft: "Gummi-Bier", eine Mischung aus Bier und Energy-Drink; oder "Heller Moritz", der aus Weißbier, Sekt und einer Zitronenscheibe besteht. Es gibt Bier mit Apfel, Erdbeer, Banane, Orange, Blutorange, Kirsche, Limette, Grapefruit, Johannisbeere, Holunder, Kaktusfeige, Marula, Curuba, Guarana und Cappuccino.

Pizza Gyros und Gummi-Bier – seit Jahren wird gegessen und getrunken nach der Maxime "Mehr ist mehr". Manche nennen es "Fusion", andere "Texmex", und für sie bedeutet Genuss Abwechslung und Feuerwerk und Abenteuerspielplatz. Ein Bier? Eine Pizza Margherita? Langweilig.

Aber sollte Essen und Trinken nicht auch wieder ein bisschen langweilig sein? Außerdem: Was ist daran langweilig, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren? Ist es nicht eher spannend, wenn man beim Essen einer Pizza Margherita die wenigen Zutaten tatsächlich schmeckt? Rote, süße Tomaten! Weißer, nussiger Büffelmozzarella! Grünes, frisches Basilikum! Ganz abgesehen davon, dass der Kenner seine Pizza als Vorspeise isst, weshalb sie nicht mit Bergen von irgendwas überladen sein sollte, noch nicht mal mit Rucola und Parmaschinken. Danach kommt ja noch die Pasta.

Und deshalb sagen wir: Entsagt der Maßlosigkeit und der Völlerei, der sechsten der sieben Todsünden. Es könnte so einfach sein, in den Himmel zu kommen.