Sigmund Freud War er ein guter Vater?
Sigmund Freud war für seine sechs Kinder nahezu unerreichbar. Auch deshalb hatte er auf sie großen Einfluss
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Sigmund Freud mit seiner Tochter Anna im Jahr 1912
Eben erst ist seine jüngste Tochter Anna geboren, und um den nun sechsfachen beglückten Vater herum wimmelt es im Freudschen Haushalt nur so von Menschen. In diesen aufregenden Dezembertagen des Jahres 1895 dankt Sigmund Freud seinem Freund Wilhelm Fließ schriftlich für einen Brief: Der habe ihn Einsamkeit und Entbehrung endlich vergessen lassen. Das also darf man sich vorstellen: Mitten im Gewimmel ist dieser Freud einsam.
Viele Jahre später, inzwischen ist er wohlhabend und anerkannt, schreibt Sigmund Freud an seine erwachsenen Kinder Hunderte von Briefen, die man jetzt erstmals in einer ausgezeichneten Ausgabe lesen kann, die Michael Schröter für den Aufbau Verlag besorgt hat. Unterdeß halten wir zusammen: Schon ihr Titel verspricht gegenwärtigen Lesern einen familiären Halt, während die Geburtenzahlen rückgängig sind, im Alltag mit neuen Vaterbildern experimentiert und der sexuelle Missbrauch als furchtbar üblich erkannt wird. Die Verbindlichkeit des Patriarchen, der seinem Nachwuchs verantwortungsvoll und bei aller Skepsis mit Respekt gegenübertritt wie der Freud dieser Briefe, wär das nicht ein Leitbild? Ein Vater!
Aber wie darf man sich diesen stoischen Freud in jüngeren Jahren als leibhaftigen Vater vorstellen, der gleichzeitig zum rastlos forschenden Gründervater der Psychoanalyse wird? Könnte er da nicht, zur nervösen Jahrhundertwende, einer der abendlich prügelnden Neurotiker gewesen sein, der auf Nachwuchs besser verzichtet hätte – oder kam er doch dem ewigen Idealbild des gütigen, weisen Vaters im Kaiserreich nahe, dem zuletzt Michael Hanekes Film Das weiße Band mit seinen sadistischen Vaterfiguren eine kalte Absage erteilt hat?
Wien in den 1890er Jahren: Die umwälzend neue Erforschung des Menschen entsteht, ganz wie Freuds leibliche Kinder, im schier pausenlosen Gewimmel von Menschen. Der Freudsche Haushalt im ersten Stockwerk der Wiener Berggasse 19, in der die Familie seit 1891 und bis zur Emigration 1938 wohnt, besteht damals aus sechs kleinen Kindern, Freuds nun 34-jähriger Ehefrau Martha, deren Schwester Minna, der Köchin, dem Dienstmädchen, zwei Kindermädchen, außerdem zahlreichem Besuch. Und aus Freud selbst, bald 40 Jahre alt, der im Geiste oft bei seinem engsten Gefährten weilt, Wilhelm Fließ, dem Berliner Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der zwischen 1887 und 1904 über 17 Jahre hinweg Freud am nächsten steht, obwohl er Hunderte von Kilometern entfernt ist.
Einsam war Freud in Wien aufgrund seiner Forschung, die in jenen Jahren einer Erkundung des Leids in der Kindheit gleicht und die er in ihren ungemütlichen Details keinem außer Fließ eröffnen wollte. Die wissenschaftliche Welt der Medizin war in seinen Augen zu konservativ, zu christlich-moralisch, zu feige, um sich in das Neuland der menschlichen Seele zu trauen. Die eigene Frau, Tochter einer angesehenen, aber verarmten jüdischen Gelehrten-Familie, die Freud nicht zuletzt wegen ihrer klassischen Fraueneigenschaften geliebt hat, kam für solche Themen als Gesprächspartnerin nicht infrage.
So entwickelte Freud seine Theorie in einer Art mehrfacher Vaterschaft in vielen Hundert Briefen, während gleichzeitig ein leibliches Kind nach dem nächsten zur Welt kam: sechs in acht Jahren, Mathilde 1887 zuerst, dann 1889 Martin, 1891 und 1892 die Söhne Oliver und Ernst, im Jahr darauf Sophie und schließlich 1895 Anna. In diesen Briefen an Fließ steht das meiste von dem, was man über den Gründungsvater der Psychoanalyse als jungen Familienvater weiß. Freuds ältester Sohn Martin empfahl in seinem Buch über den eigenen Vater, Man and Father von 1958: Wer erfahren wolle, was eine glückliche Kindheit sei, der solle diese Briefe lesen.
Es sind vor allem knappe Aperçus, in denen der Vater sich mitteilt, bar jeder Sentimentalität. Der beobachtungskluge Arzt Freud ist von der Gleichzeitigkeit so vieler individueller Entwicklungen fasziniert: »Anna hat heute beschwerdefrei den ersten Zahn produziert, Mathilde geht es unvergleichlich besser, seitdem sie aus der Schule genommen ist. Oliver hat unlängst auf einem Frühlingsausflug ernsthaft gefragt, warum der Kuckuck immer seinen eigenen Namen ruft…« So lauten die Mitteilungen, die in den Briefen an den noch kinderlosen Fließ unvermittelt neben den Forschungsfragen stehen, zumeist zum Abschluss des Briefs, zum guten, beruhigenden Ende gewissermaßen.
Es sind zwei Ärzte, männliche Bevollmächtigte für das körperliche Geschehen also, die hier korrespondieren. An Fließ schreibt Freud eines Tages auch von der Quälerei, die das Leben seiner Frau bestimme, der ewigen Schwangerschaften wegen, und eines Tages, der Hausherr hat sich für eine Weile zur Abstinenz entschlossen, berichtet er dem Freund von der Dankbarkeit und vom »Wiederaufleben der Frau, die zunächst ein Jahr kein Kind zu erwarten hat«. In einer ähnlichen Offenheit wird Freud später mit seiner erwachsenen Tochter Sophie über die Möglichkeit von Empfängnisverhütung reden, als sie ungewollt noch ein Kind erwartet.
Aber es ist nicht der kalte medizinische Blick, der auf den Kindern ruht, im Gegenteil: »Es wäre viel Freude von den Kleinen zu haben, wenn nicht soviel Schrecken dabei wäre«, schreibt Freud am 12. April 1897 angesichts der Krankheiten seines Völkchens. Manche sind lebensbedrohlich. Mit der Sorge geht eine geradezu Freudsche Freude an den Eigenarten des lebendigen Menschen einher: An der kleinen Anna amüsiert ihn die märchenkundige Angriffslust, als das Mädchen vorschlägt, man solle seiner Schwester Mathilde den Bauch aufschneiden, um die eben gegessenen Äpfel zurückzubekommen: »Das Kind entwickelt sich reizend.« Die Gedichte von Martin werden an Fließ weitergegeben, mit unverhohlenem Stolz. Von Mathilde berichtet der Vater wohlgefällig die Lektüren zur griechischen Mythologie, aber eines Tages noch wohlgefälliger, wie sie da als ganzes Frauenzimmerchen vor ihm stehe. Und an Sophie, dem Liebling der Mutter, freut ihn vieles, nicht zuletzt die Schönheit.
All dies notiert der Vater vor dem Hintergrund existenzieller Unsicherheit: Es sind die biografisch gedrängtesten Jahre, in denen Freud seine Existenz gründet, eine Praxis aufbaut, seinen Vater beerdigt, dabei sich selbst als Kind neu entdeckt, die Freundschaft zu Fließ kultiviert; in denen er rastlos die Grundlagen seiner Theorie erarbeitet, bis 1895 die Studien zur Hysterie erscheinen und im Jahr 1900 als Ergebnis jener Jahre die Traumdeutung . Es sind die von dauernder Erschöpfung und kaum vorstellbarer Arbeitsdisziplin geprägten »Gründerjahre« der Freuds. Noch kämpft der Arzt um das Auskommen der Familie, er unterstützt seine eigene Mutter mit Geld und zunächst nur eine seiner fünf Schwestern, dann mehrere. Er ist schließlich der Älteste einer achtköpfigen Geschwisterreihe, für die er sich verantwortlich fühlt.
Wenn Familie Freud in die Ferien fährt, dann fährt sie dritter Klasse, auf Holzbänken. Der Vater ist in den dreimonatigen Ferien zwar für die Kinder da, wie die Biografen betonen, doch genauer müsste man sagen: Er kommt gern einen Monat später erst nachgereist und bricht auch schon einen Monat früher auf als die anderen, auf Bildungsreise, etwa nach Rom. Zwischendurch schreibt er noch allerhand. Ein Freund der Kinder, Hans Lampl, hat später gesagt: »Es ging ein mystischer Ernst von ihm aus, den man nicht durchbrechen durfte…, so wie andere Väter mit Kindern etwas spielen, das konnte er nicht.«
Es wäre ein Leichtes, nun aufzuweisen, wie sehr Freuds Art, ein Vater zu sein, heute von gestern ist und desgleichen das Rollenbild, dem seine Frau folgte – ganz anders als viele von Freuds weltläufigen Mentorinnen und Patientinnen, mit denen ein Freud aber niemals eine Ehe geschlossen hätte: zu unpraktisch, diese schöngeistigen Autonomen. Viel weiblicher Expertenzorn ist über diese Lebensform losgebrochen und über alles, was es in Freuds Theorie an unhaltbar patriarchalischen Bausteinen zu Ödipuskomplexen und zur weiblichen Passivität, zumal der sexuellen, so gibt.
Doch die Vaterschaft? Der Freud-Kenner und Kinderpsychiater Peter Riedesser hat vor ein paar Jahren das Porträt eines heutigen Vaters gezeichnet, und es wirkt wie ein Gegenbild zu Vater Freud: Es komme in der Vaterschaft auf die ersten innigen Jahre der geteilten Präsenz und Fürsorge an. Veraltet sei die Vorstellung, dass Mütter für die Primärbeziehung zuständig seien und Väter erst später gebraucht würden. In jedem Menschen, in jeder menschlichen Körperzelle stecke von Anfang an beides: Väterlichkeit und Mütterlichkeit.
Freud hingegen hat die frühen Jahre ganz der Mutter überlassen, und seine Frau, die ihn als das »Oberhaupt« der Familie begriff, hat es auch nicht anders gewollt. Die Mutter hat das Personal angeleitet, den Haushalt geführt, und auch über sie schreibt der Sohn Martin, sie habe von früh bis in die Nacht zu tun gehabt. Fürsorgliche Belagerung ist dies jedenfalls nicht. Und für das Tagesgeschehen der Kinder gab es Dienstmädchen.
Freuds Sohn Martin: »Wir wurden nicht herumkommandiert«
In ihren 53 Ehejahren habe Freuds Frau Martha Bernays, wie sie im hohen Alter sagte, vor allem ihrem Mann »die Misère des Alltags fernzuhalten« versucht, und in der Tat, es ist das Grundmuster der konservativen bürgerlichen Familie, das sich in diesem Haushalt ausgeprägt findet: Der Papa wird bei seiner Arbeit nicht gestört, für die er 12 bis 15 Stunden am Tag in den Praxisräumen unerreichbar ist, oft sind es auch 18 Stunden. Doch bemerkenswerterweise ist dieser Vater gleichwohl da, nebenan: Das Essen steht Punkt eins auf dem Tisch, zu dem erscheint er, oft geistesabwesend, schweigend und immer noch in den Tabakqualm seiner Zigarren gehüllt. Aber er kommt, so verlässlich, wie, durch die andere Tür, das Dienstmädchen mit der Suppe auftritt. Diese Dialektik von Abwesenheit und gleichzeitiger Präsenz muss zu Freuds Wirkung auf seine Kinder maßgeblich beigetragen haben.
Es ist an diesem Vater eben keineswegs alles bürgerlich-patriarchalische Konvention, und von dem, was Kinder und Enkel berichten, bleibt vieles bis heute von Belang: Freuds Väterlichkeit war an dem Respekt zu spüren, den er Kindern erwies. Man sollte es eigens sagen: Körperliche oder seelische Übergriffe, die sonst in diesem Milieu durchaus üblich waren, kamen nach allem, was man weiß, nicht vor. Man darf vermuten: auch gegenüber der Ehefrau nicht. Auch dies ist eigens erwähnenswert: Die Kinder Freuds hatten vor ihrem Vater keine Angst. Sie hatten von ihm nichts zu fürchten.
Mehr noch, den kindlichen Äußerungen und Regungen, ihrem Wohlbefinden und ihren Besonderheiten galt das Interesse des Vaters, und zwar ohne dass er die Kinder moralisch bewertet hätte oder gar Gehorsam von ihnen verlangt. »Wir wurden nicht herumkommandiert«, berichtet der Sohn Martin, »uns wurde nicht befohlen, keine Fragen zu stellen. Unsere Eltern gaben uns Antworten und Erklärungen zu allen schwierigen Fragen, sie haben uns wie Individuen behandelt, als Menschen eigenen Rechts.« Und wann immer ein Kind in Not geriet, sei der Vater augenblicks zur Stelle gewesen: »Wenn wir ihn wirklich brauchten, stieg er von seinen olympischen Höhen herab, um uns zu retten.«
So hat sich Freud nicht nur den eigenen Kindern gegenüber verhalten. Ganz ähnlich wie ihr Vater Martin wird sich Freuds Enkelin Sophie als alte Frau, 2006, in einem imaginären Brief an ihren längst gestorbenen Großvater äußern: »Liebster Großvater, dass ich Dein Enkelkind bin, hat mein Leben gestempelt. Du warst eine gütige und schützende, aber auch distanzierte Anwesenheit in meinen jungen Jahren. Meine frühe Identität als Prinzessin hat mir in schwierigen Zeiten geholfen, standfest zu bleiben.« Und sogar Freuds Schwiegertochter Esti, Martins Frau und die Mutter Sophies, das schwarze Schaf der Familie, wie es oft heißt und in den Augen Freuds wie ihrer eigenen Kinder eine Nervensäge, kommt in ihrer Autobiografie zu dem Schluss, dass zwar alle Mitglieder des Hauses Freud »Schweine« seien, besonders ihr eigener Mann, mit einer Ausnahme aber: der Alte, Sigmund Freud.
Diese Kunst der distanzierten Anwesenheit, die die kleine Sophie am Großvater empfand, macht auch deshalb noch heute einen so bleibenden Eindruck, weil sie auf Freuds verstörende Forschung der 1890er Jahre ein anderes Licht wirft. Denn was Freud über seine Patientenbefunde an Fließ berichtet, ist eine soziale Realität männlicher Distanzlosigkeit: des Missbrauchs, dessen Häufigkeit selbst den illusionslosen Freud aus der Ruhe bringt, auch wenn sie seither Therapeuten kaum wundert. Der Zugriff des Hausherrn auf die Dienstmädchen, das Recht des Hausherrn im Ehebett sind nur das eine. Ein anderes aber ist das Leiden von Kindern.
Am 28. April 1897 schreibt Freud an Wilhelm Fließ: »Früher war ich arglos, seither ist mir die kriminelle Bedeutung mancher Dinge klar geworden, ich kann mich nicht entschließen, davon zu sprechen… In meinen Analysen sind es die Nächststehenden, Vater oder Bruder, die die Schuldigen sind.« In allen Fällen der Zwangsneurose, berichtet Freud, habe sich in frühem Kindesalter ein passives sexuelles Erlebnis feststellen lassen. Am 22. Juni 1897, angesichts einer Familie, in der sich zwei Brüder erschossen haben, denen der Vater Gewalt angetan hatte, während ein drittes Kind unbeschädigt blieb: »Nun war der Herrgott so liebenswürdig, in diesem Fall den Vater sterben zu lassen, ehe das Kind elf Monate war.« Als ein neues Motto möchte er im Dezember 1897 über seine Wissenschaft die Frage aus Goethes Gedicht Mignon stellen: »Was hat man Dir, Du armes Kind getan?«
Für Freud war die Korrespondenz mit Fließ ein unerhörtes Wagnis der Offenheit. In einem Brief an seine Gönnerin, die Prinzessin Marie Bonaparte, hat er die Korrespondenz mit Fließ als »die intimste, die Sie sich denken können« bezeichnet, keinesfalls zur Veröffentlichung gedacht. Und so hat Freuds Familie, namentlich seine Tochter Anna, lange verhindert, dass der Briefwechsel vollständig erschien. Das mag auch einen Grund haben, über den die Auffassungen auseinandergehen, seit die Briefe mit Annas Zustimmung doch öffentlich wurden: die Fragen, was Freuds eigener Vater sich hat zuschulden kommen lassen und ob Freud seine psychoanalytische Theorie so gebaut hat, dass sie diesen Vater letztlich schützt.
Die unlängst gestorbene Analytikerin Alice Miller etwa hat mit der Psychoanalyse gebrochen, weil sie ihr die Verdeckung des Missbrauchs, den Schutz des Vaters als Geburtsfehler anlastet. Sigmund Freuds Biograf Peter Gay hält dem entgegen, es sei doch bizarr, ausgerechnet dieser besonders angstlosen Theorie vom Menschen vorzuwerfen, sie sei feige. Gay hebt hervor, dass Freud immer die Realität des Missbrauchs betont habe, zudem aber herausgearbeitet habe, dass nicht alles Erinnerte sich genau so zugetragen habe, sondern dass Fantasien ihren Teil zur Realität beitrügen. Die psychoanalytische Theorie hat bis heute mit den Aufräumarbeiten in diesen Fragen zu tun.
Gewiss aber, jenseits des fachlichen Streits, bleibt auffällig, dass Freud diese Briefe an Fließ lieber nicht gedruckt gesehen hätte, zumal in heutigen Augen gar nichts Geheimzuhaltendes darin zu finden ist. Außer vielleicht einem Text. Unter dem Datum vom 11. Februar 1897 steht (da ist Freuds Vater seit ein paar Monaten tot): »Leider ist mein eigener Vater einer von den Perversen gewesen und hat die Hysterie meines Bruders und einiger jüngerer Schwestern verschuldet. Die Häufigkeit dieses Verhältnisses macht mich oft bedenklich.«
Freud: »Was die Männer verdrängen, ist das päderastische Element«
Vor dem Hintergrund dieser Mitteilung liest es sich anders, wenn die psychoanalytisch sachkundige Marie Bonaparte 1937 zur Veröffentlichung der Briefe an Fließ rät, die sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht kennt: »Was wäre für uns arme Nachwelt verloren gegangen, wenn die Gespräche Goethes mit Eckermann vernichtet worden wären oder die Dialoge von Plato, diese letzten aus Pietät für Sokrates’ Figur, sagen wir, damit die Nachwelt nicht erfahre, daß Sokrates sich der Päderastie mit Phaidros oder Alkibiades gewidmet hat? In Ihren Briefen kann ja nichts von der Art sein!« Es ist die Allgegenwart der seinerzeit neu wahrgenommenen Päderastie, die auch aus einer Notiz Freuds vom Mai 1897 hervortritt: »Was die Männer eigentlich verdrängen, ist das päderastische Element.« Er fügt hinzu, Männer gäben die Erlebnisse mit Frauen eher preis als diejenigen mit anderen Männern.
Nun sind all diese Funde keine hübschen bürgerlichen Kindergeschichten mehr wie die vom Kuckuck, der merkwürdigerweise seinen eigenen Namen ruft. Doch es sind diejenigen Kindergeschichten, vor deren Hintergrund ein einsamer Sigmund Freud die eigenen kleinen Kinder heranwachsen sieht. Und fast unwillkürlich beginnt man, die Kunst der distanzierten Anwesenheit dieses Vaters, dem nichts so wichtig war wie seine Wissenschaft und seine Kinder, neu zu schätzen. Auch wenn sie von gestern ist.
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- Datum 30.05.2010 - 09:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.05.2010 Nr. 22
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Das wirft für mich ein neues Licht auf Freud als Mensch, auf einen vernünftigen, freundlichen und verantwortungsbewussten Freud. Auf seine Lehre und seine Forschung, einfach grundsätzlich ein neues Licht. Sehr interesssant und gut zusammengestellt, dieser Artikel! Danke!
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