Sigmund Freud War er ein guter Vater?Seite 4/4
Die unlängst gestorbene Analytikerin Alice Miller etwa hat mit der Psychoanalyse gebrochen, weil sie ihr die Verdeckung des Missbrauchs, den Schutz des Vaters als Geburtsfehler anlastet. Sigmund Freuds Biograf Peter Gay hält dem entgegen, es sei doch bizarr, ausgerechnet dieser besonders angstlosen Theorie vom Menschen vorzuwerfen, sie sei feige. Gay hebt hervor, dass Freud immer die Realität des Missbrauchs betont habe, zudem aber herausgearbeitet habe, dass nicht alles Erinnerte sich genau so zugetragen habe, sondern dass Fantasien ihren Teil zur Realität beitrügen. Die psychoanalytische Theorie hat bis heute mit den Aufräumarbeiten in diesen Fragen zu tun.
Gewiss aber, jenseits des fachlichen Streits, bleibt auffällig, dass Freud diese Briefe an Fließ lieber nicht gedruckt gesehen hätte, zumal in heutigen Augen gar nichts Geheimzuhaltendes darin zu finden ist. Außer vielleicht einem Text. Unter dem Datum vom 11. Februar 1897 steht (da ist Freuds Vater seit ein paar Monaten tot): »Leider ist mein eigener Vater einer von den Perversen gewesen und hat die Hysterie meines Bruders und einiger jüngerer Schwestern verschuldet. Die Häufigkeit dieses Verhältnisses macht mich oft bedenklich.«
Freud: »Was die Männer verdrängen, ist das päderastische Element«
Vor dem Hintergrund dieser Mitteilung liest es sich anders, wenn die psychoanalytisch sachkundige Marie Bonaparte 1937 zur Veröffentlichung der Briefe an Fließ rät, die sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht kennt: »Was wäre für uns arme Nachwelt verloren gegangen, wenn die Gespräche Goethes mit Eckermann vernichtet worden wären oder die Dialoge von Plato, diese letzten aus Pietät für Sokrates’ Figur, sagen wir, damit die Nachwelt nicht erfahre, daß Sokrates sich der Päderastie mit Phaidros oder Alkibiades gewidmet hat? In Ihren Briefen kann ja nichts von der Art sein!« Es ist die Allgegenwart der seinerzeit neu wahrgenommenen Päderastie, die auch aus einer Notiz Freuds vom Mai 1897 hervortritt: »Was die Männer eigentlich verdrängen, ist das päderastische Element.« Er fügt hinzu, Männer gäben die Erlebnisse mit Frauen eher preis als diejenigen mit anderen Männern.
Nun sind all diese Funde keine hübschen bürgerlichen Kindergeschichten mehr wie die vom Kuckuck, der merkwürdigerweise seinen eigenen Namen ruft. Doch es sind diejenigen Kindergeschichten, vor deren Hintergrund ein einsamer Sigmund Freud die eigenen kleinen Kinder heranwachsen sieht. Und fast unwillkürlich beginnt man, die Kunst der distanzierten Anwesenheit dieses Vaters, dem nichts so wichtig war wie seine Wissenschaft und seine Kinder, neu zu schätzen. Auch wenn sie von gestern ist.
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- Datum 30.05.2010 - 09:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.05.2010 Nr. 22
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Das wirft für mich ein neues Licht auf Freud als Mensch, auf einen vernünftigen, freundlichen und verantwortungsbewussten Freud. Auf seine Lehre und seine Forschung, einfach grundsätzlich ein neues Licht. Sehr interesssant und gut zusammengestellt, dieser Artikel! Danke!
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