Bloß kein Dinkelmehl nach Hause bringen

Kindheit und Vaterschaft scheinen auf den ersten Blick ganz natürliche Dinge zu sein. Und doch ist es nicht so. Klar ist es technisch heute so simpel wie vor Tausenden Jahren, ein Kind zu zeugen. Aber so wie die Kindheit eine soziale Konstruktion ist, die sich erst vor ein paar Hundert Jahren durchgesetzt hat, ist auch die Vaterschaft eine Konstruktion, die einem ständigen Wandel unterliegt. Die heutigen Vorzeigeväter, die sich ihre Kinder mit bunten Tüchern vor den Bauch binden, hätten vor hundert Jahren manches werden können, aber mit Sicherheit nicht Vater. Keine Frau hätte sich mit einem Mann vermählen wollen, der sabbernd mit kleinen Kindern auf dem Boden herumliegt und nach der Geburt ein paar Monate zu Hause bleiben möchte. Einem Mann, der stolz ist auf seine Fertigkeiten beim Wickeln und der statt mit vernünftigem Weizenmehl plötzlich mit Dinkel nach Hause kommt, obwohl man sich doch den Weizen problemlos leisten könnte. Ebenso wünschen sich heute nur wenige Mütter für ihre Kinder einen Vater, der sich von den Kindern siezen lässt, der sich nach den Mahlzeiten in seine Gemächer zurückzieht und bereit ist, gelegentlich mit den Kindern ein Gespräch zu führen, wenn sie denn alt und reif genug sind, mit dem Herrn Vater ein solches Gespräch führen zu können. Bestimmt gibt es irgendwo noch ein paar Männer, die gern so Vater wären, aber es gibt keine Frauen mehr, die sie zu Vätern machen.

Das Vatersein ist also der Preis, den man für seine eigene Fortpflanzung bezahlt. Man sollte zusehen, sich dabei möglichst wohlzufühlen, um das Ganze als erdenklich schönen Teilabschnitt von der immer zu kurzen Reise, die das Leben ist, in Erinnerung zu behalten. Mann wird davon überzeugt sein, es besser zu machen als die Väter vor ihm, und er kann sicher sein, dass die Nachwelt über ihn und seine Bemühungen bestenfalls mild lächeln wird.

Jakob Hein, Schriftsteller und Arzt