Bloß kein Dinkelmehl nach Hause bringen

Kindheit und Vaterschaft scheinen auf den ersten Blick ganz natürliche Dinge zu sein. Und doch ist es nicht so. Klar ist es technisch heute so simpel wie vor Tausenden Jahren, ein Kind zu zeugen. Aber so wie die Kindheit eine soziale Konstruktion ist, die sich erst vor ein paar Hundert Jahren durchgesetzt hat, ist auch die Vaterschaft eine Konstruktion, die einem ständigen Wandel unterliegt. Die heutigen Vorzeigeväter, die sich ihre Kinder mit bunten Tüchern vor den Bauch binden, hätten vor hundert Jahren manches werden können, aber mit Sicherheit nicht Vater. Keine Frau hätte sich mit einem Mann vermählen wollen, der sabbernd mit kleinen Kindern auf dem Boden herumliegt und nach der Geburt ein paar Monate zu Hause bleiben möchte. Einem Mann, der stolz ist auf seine Fertigkeiten beim Wickeln und der statt mit vernünftigem Weizenmehl plötzlich mit Dinkel nach Hause kommt, obwohl man sich doch den Weizen problemlos leisten könnte. Ebenso wünschen sich heute nur wenige Mütter für ihre Kinder einen Vater, der sich von den Kindern siezen lässt, der sich nach den Mahlzeiten in seine Gemächer zurückzieht und bereit ist, gelegentlich mit den Kindern ein Gespräch zu führen, wenn sie denn alt und reif genug sind, mit dem Herrn Vater ein solches Gespräch führen zu können. Bestimmt gibt es irgendwo noch ein paar Männer, die gern so Vater wären, aber es gibt keine Frauen mehr, die sie zu Vätern machen.

Das Vatersein ist also der Preis, den man für seine eigene Fortpflanzung bezahlt. Man sollte zusehen, sich dabei möglichst wohlzufühlen, um das Ganze als erdenklich schönen Teilabschnitt von der immer zu kurzen Reise, die das Leben ist, in Erinnerung zu behalten. Mann wird davon überzeugt sein, es besser zu machen als die Väter vor ihm, und er kann sicher sein, dass die Nachwelt über ihn und seine Bemühungen bestenfalls mild lächeln wird.

Jakob Hein, Schriftsteller und Arzt

Der gute Vater ist nicht wahllos gütig

 

Der gute Vater ist nicht wahllos gütig

Von Bertolt Brecht stammt der wunderbar boshafte Ausspruch: "Der Mensch ist gut, das Kalb ist schmackhaft." Brecht hatte einen unüberwindlichen Widerwillen gegen moralinsaure Gutmenschen, und wer seinen Widerwillen teilt, wird vielleicht auch Väter, die sich in ihrer Güte sonnen, irgendwie unappetitlich finden. Will man das Ansehen der guten Väter retten, muss man ihnen Gelegenheit geben, sich zu bewähren. Als ich meinen Sohn fragte, was einen guten Vater ausmache, sagte er: "Ein guter Vater hat gute Kinder." Damit ist klar: Die Bewährungsprobe für die Güte der Väter liegt in der Güte ihrer Kinder.

Mit der Güte ist es allerdings so eine Sache, denn sie tritt in zwei Versionen auf. Neben die Güte, die der Gütige, Wohlwollende an den Tag legt, tritt diejenige, die ein Gütesiegel verdient. Zwischen beiden Bedeutungen klafft ein Abgrund. Mal redet man über Mitmenschlichkeit, mal über Qualitätskontrolle. Was soll man – auf der einen Seite – von einem Vater halten, der wie Balzacs Vater Goriot in seiner grenzenlosen Güte für alles, was seine Kinder tun, offen ist? Ist er nicht ganz dicht? Auf der anderen Seite stehen jene Männer in Manhattan und anderswo, die schon kurz nach der Zeugung über Karriere-fördernde Kindergartenplätze für den ungeborenen Nachwuchs nachdenken. Ist so jemand gut oder gütig? Die Güte droht zwischen der Hingabe an das kapriziöse Kind und der Fantasie vom perfekten Kind zerrieben zu werden. Und doch sollte man sich als Vater die Güte nicht ausreden lassen. Wenn er sich um das Wohl seines Kindes mit ganzer Kraft bemüht, übt er sich in einer Güte, die nicht wahllos oder blind ist: Der Vater hat eigene Vorstellungen und bringt dem Kind sein Bild vom guten Leben nahe. Dabei hat er nicht nur Sendungsbewusstsein, sondern kennt auch die Demut des Empfängers. Er hört, wie das Kind – sich am Vater reibend – sein eigenes Ding macht und sagt: Auf dein Wohl!

 Dieter Thomä, Philosoph

Alltagsfähig, aber kein Weichei

Alltagsfähig, aber kein Weichei

Vor zwanzig Jahren noch hieß die Mindestanforderung an einen guten Vater: seine schiere Anwesenheit im Leben seines Kindes. Denn Papa arbeitete bis spätabends und brauchte am Wochenende seine Ruhe. Heute ist das anders. Ein überwiegender Großteil der Männer weiß und fühlt, dass Kinder nicht bloß Frauensache sind. Kinder heute haben aktive Väter. Es könnte also alles viel besser als früher sein, wären nicht die Frauen, die immer seltener und später Mütter werden, in der Zwischenzeit ein bisschen komisch geworden, im Sinn von überängstlich, überinformiert, übergriffig. Ein guter Vater sein heißt daher, auch in Hinblick auf die verspannten Mütter: Alltag mit Kindern verbringen. Langweiligen, ritualisierten Alltag. Es heißt, zu wissen, was früher nur Mütter wussten, was die Kinder essen, ob die Gummistiefel noch passen und wo diese überhaupt sind. Nur ein Alltagsvater kann sich auch alltagsgemäß benehmen: nämlich sagen, wann es reicht. Auf Regeln beharren, Grenzen setzen. Liebe allein reicht nicht.

Und hier besteht weiterhin eine feine Grenze zwischen den Geschlechtern. Vor ein paar Generationen waren die abwesenden Väter gefürchtete Autoritäten, mit denen im pädagogischen Ernstfall gedroht wurde wie mit dem Schwarzen Mann. Heute sind Väter zu oft Weicheier, die zwar anwesend, aber genauso unbrauchbar für die eigentliche Erziehungsarbeit sind wie ihre patriarchalischen Vorgänger. Sie tollen sehr schön am Spielplatz und kaufen ergonomisches Holzspielzeug, müssen beim ersten Wutanfall aber Mama zu Hilfe rufen. Alle Väter können heute wickeln, aber bei Weitem nicht alle kriegen ihr Kind zur rechten Zeit ins Bett. Natürlich gibt es auch solche Mütter. Und natürlich versuchen Frauen Männern weiterhin einzureden, Kindererziehung sei unerlernbares weibliches Geheimwissen. Bloß glauben darf es ein guter Vater niemals. Er weiß nämlich, dass es das Richtige und das Perfekte nicht gibt. Der Rest ist Übungssache.

 Eva Menasse, Schriftstellerin

Identifikation schafft einen Werteraum

Identifikation schafft einen Werteraum

Es war in der Tat eine der wichtigsten Entdeckungen von Sigmund Freud, dass der Vater als ödipale Identifikationsfigur eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des kindlichen Über-Ichs und Ich-Ideals spielt. Die Identifikation mit dem Vater ermöglicht dem Kind, einen eigenen inneren Werteraum auszubilden, der ihm bis zur Adoleszenz als Orientierung in der außerfamiliären Welt zur Verfügung steht. Heute wissen wir, dass Menschen, die diesen inneren Werteraum und das damit verbundene Inzesttabu zu wenig stabil entwickeln, später mit höherer Wahrscheinlichkeit in Gefahr sind, in sexuellen Übergriffen die Schranken zwischen den Generationen nicht einzuhalten, mit verheerenden Folgen für die missbrauchten Kinder. Daher beschäftigt sich die psychoanalytische Fachwelt in den letzten Jahrzehnten intensiv mit den psychischen und psychosozialen Auswirkungen der abwesenden Väter, die weit früher, als Freud dies angenommen hat, eine entscheidende Rolle spielen. Väter, als "Dritte", fördern schon in den ersten Lebenswochen die Explorationsfreude der Säuglinge und werden – neben den Müttern – zu zentralen Bindungspersonen. Auch in dieser Dimension geht die Schere zwischen den Gewinnern und Verlierern unserer modernen Gesellschaft immer weiter auseinander. Kinder, die das Glück haben, mit empathischen, beziehungorientierten Vätern aufzuwachsen, verfügen im Gegensatz zu jenen, die ohne psychisch verfügbare Väter leben, über weit mehr Ressourcen, um vertrauensvoll in eine Zukunft voller Unsicherheiten hineinzuwachsen.

  Marianne Leuzinger-Bohleber, Psychoanalytikerin

Gemeinsam Alleinerziehende

Gemeinsam Alleinerziehende

Ein guter Vater definiert heute seine Rolle nicht mehr als alleiniger oder hauptsächlicher Versorger, Beschützer und Repräsentant seiner Familie. In Zeiten, in denen Glück und Romantik in der Partnerschaft größere Wichtigkeit als ökomomisches und biologisches Überleben der Gattung zugemessen werden, ist es wohl das gute Recht eines Vaters, sein Glück und seine Beziehung zu seinen Kindern emanzipiert von seiner Stellung zur Mutter der Kinder zu entwickeln. Ein guter Vater muss heute die Mutter seiner Kinder weder lieben noch mit ihr leben, er muss sie nicht versorgen und unter seine Fittiche nehmen, damit sie diejenige ist, die seine Kinder umsorgt, liebt und füttert, während er jagt. Der gute Vater von heute (ähnlich der Mutter) genießt selbst die Zeit mit seinen Kindern, das Glück, ihre ersten Schritte zu beobachten, die Sorge um ein nachts fieberndes Kind. Er wechselt den Kindern die Bettwäsche und macht mit ihnen eine Läusekur. Er nimmt Anteil an dem Leben seiner Kinder. Er entwickelt seinen eigenen Humor mit ihnen und ebenso das Maß der Strenge, er überlässt die Balance zwischen Unterstützung und Forderung, Fürsorge und Verwöhnung nicht allein der Mutter. Ein heutiger Vater bringt seine Kinder auch mal morgens zur Schule, denn er hat sie regelmäßig, selbst wenn getrennt lebend, jede Woche bei sich. Rapide verändert der Begriff "alleinerziehend" seine Bedeutung: Wo eine Mutter dies ist, ist es meist der dazugehörige Vater zugleich. Vielleicht verwenden wir von heute an das Wort "getrennterziehend" oder verzichten ganz auf diese Unterscheidung. Ein Kind, dessen Eltern heute getrennt leben, verzichtet auf manches, die Gemeinsamkeit, das Ganze, den elterlichen Streit und das erwachsene Vertragen, häufig lebt es als Nomade zwischen seinen Eltern – aber es muss diese Eltern wohl sehr viel weniger vermissen als Kinder, die ihren Vater nicht in alltäglichen Lebenssituationen erleben, weil er ständig arbeitet, abgehauen oder tot ist.

  Julia Franck, Schriftstellerin

Die Herrlichkeiten des Lebens ausbreiten

Die Herrlichkeiten des Lebens ausbreiten

Ein guter Vater? "At the age of thirty seven she realized she would never drive through Paris in a sports car with the warm wind in her hair." Ein guter Vater muss eigentlich nur eins: die Verlockungen des Lebens vor den Kindern ausbreiten, die Herrlichkeiten der Welt eröffnen, die Schönheit des Lebens zeigen. Ihnen das Vertrauen geben, dass sie stark genug dafür sind. Und gleichzeitig das Scheitern der Träume erträglich machen, an denen er auch ein bisschen gescheitert ist – und trotzdem lacht. Dass er in diesem Scheitern zu ihnen steht wie sie zu ihm stehen werden – hoffentlich. Und dass sie doch wissen, dass jeder darin letzten Endes allein ist. Das werden sie erst später verstehen. Sich ein bisschen über diese Träume und die klischeehaften Vorstellungen vom Glück mokieren. Ohne den Traum vom Glück deswegen abwegig erscheinen zu lassen – oder nicht begehrenswert. Und über dessen zerbrechliches Gelingen mit ihnen glücklich zu sein. Seine Schwächen nicht lächerlich zu überspielen, seine Verwundbarkeit zu zeigen. Ihnen zu zeigen, dass Wünsche tyrannisch sein können und manchmal gegen alles andere durchgesetzt werden müssen: Meiner zum Beispiel scheuchte seine drei Töchter und seine Frau jeden Sonntag zum Fußballspielen auf irgendeinen moorigen Fußballplatz im Wald – einzig zum Vergnügen seiner Söhne und zu seinem eigenen. Jedenfalls haben wir, seine Töchter, daran gelernt, dass man manchmal mit dem Kopf durch die Wand muss, um zu bekommen, was man will. Ein guter Vater sollte auch hin und wieder sämtliche Grenzen überschreiten, um etwas, das seine Kinder wirklich ersehnen, zu erfüllen. Am Ende muss es ihm gelingen, seinen Kindern begreiflich zu machen, dass man das Glück an unerwarteten Orten finden kann: nicht nur "in einem Cabrio in Paris mit dem warmen Fahrtwind in den Haaren", sondern auch beim Federballspielen auf einer namenlosen Straße oder am Rande einer verlorenen Stadt, wo einen die Heiterkeit des Daseins plötzlich bei einem Glas Weißwein überkommt.

  Barbara Vinken, Literaturwissenschaftlerin

Zehn Sätze, die von meinem Vater blieben

 

Zehn Sätze, die von meinem Vater blieben

Was ist ein guter Vater?

1) Vor einem guten Vater hat ein Kind keine Angst.

2) Ein guter Vater spielt Klavier.

3) Ein guter Vater singt mit den Kindern.

4) Ein guter Vater liest Bücher, in denen Engel vorkommen.

5) Ein guter Vater fährt Rad.

6) Ein guter Vater kann staunen über das, was seine Kinder können.

7) Ein guter Vater wird für einen Vegetarier gehalten.

8) Ein guter Vater hat keine Theorie.

9) Ein guter Vater kann von seinem Vater nur Schönes erzählen.

10) Ein guter Vater weiß nicht, dass er ein guter Vater ist.

(Diese 10 Sätze sind das, was mir von meinem Vater geblieben ist.)

Martin Walser, Schriftsteller