Islam und Schule Denn hier herrscht VernunftSeite 3/3

An der Schule versucht man die Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam in den Vordergrund zu stellen, zumal beide Religionen sich auf den israelitischen Urvater Abraham berufen. Und wenn eine mentale Entfremdung unter den Schülern existieren sollte, dann registriert sie der Schulpfarrer weniger zwischen den muslimischen und den christlichen Kindern als vielmehr zwischen jenen Schülern aus atheistischen Familien und denen, die mit einer Religion aufgewachsen sind. Er sagt: »Der Blick des Menschen auf die Welt hängt doch davon ab, ob er sich für ein Geschöpf Gottes hält oder für Gott selbst.« Die muslimischen Jugendlichen kämen gern und ohne Scheu zur Kirche, denn sie hätten »ein tiefes Gefühl für das Heilige«.

In der afghanischen Gemeinde stehen Lailas Eltern mit ihren Ansichten im Abseits. Sie wissen das und halten sich raus. Die alten Bekannten haben sich verändert. In Kabul lebten sie säkular, tranken Brandy, trugen Straßenanzüge und Stöckelschuhe, aber hier in Deutschland packen sie plötzlich die afghanische Tracht aus. »Sie sehen sich nun als Ausländer«, sagt C., »angesichts der westlichen Systemüberlegenheit werden sie fromm und flüchten sich in das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.« Ein verhängnisvoller Stolz. Es sei heute eine verbreitete Haltung unter den Afghanen, alle Vorteile des Gastlandes in Anspruch zu nehmen, sich vom staatlichen System aushalten zu lassen und gleichzeitig schlecht über die Deutschen zu sprechen. Die Begründung dafür laute: Es sind doch bloß Ungläubige.

»Ich habe mich oft angelegt mit solchen Leuten«, erzählt Abdul C., »ich sage dann: Du lebst hier – in Sicherheit! Wer hat deine Ausbildung finanziert? Deine Eltern waren es nicht! Deine Landsleute auch nicht! Nicht einmal dein Gott ist es gewesen! Die Deutschen waren es, die Christen, auf die du spuckst.« Auch wenn er selbst nie ein Deutscher sein werde, fährt Abdul fort, fühle er sich diesem Volk verbunden, denn: »Hier herrscht die Vernunft – das gefällt mir.« Aus Verbundenheit und Dankbarkeit engagieren sich Abdul und Sohra C. in ihrer Stadt sozial und helfen Obdachlosen, ihr Leben zu meistern.

Seine Tochter hält Abdul C. stets dazu an, ihren Verstand zu benutzen und die Freiheit wertzuschätzen. Vor seinem geistigen Auge sieht er sie als Erwachsene stehen: eine selbstbewusste und gebildete Frau, eine liberale, aufgeklärte Muslimin. Und Laila? Ob einer an Jesus oder an Mohammed glaubt – das ist ihr egal. Zu ihrem 13. Geburtstag hat sie kürzlich ihre besten Freundinnen eingeladen, alles Christenmädchen. Auf die Frage, ob sie sich einen nichtmuslimischen Ehemann vorstellen könnte, sagt sie: »Warum nicht?« Auf den Mann komme es an, nicht auf die Religion. Eines aber steht fest: Sie selbst wird immer Muslimin bleiben. Eine deutsche Muslimin in christlicher Umgebung.

 
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