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Hämmern, schmieden, Steine metzen: Im Burgund entsteht eine neue Burg, ganz in Handarbeit wie im Mittelalter von Christine Dohler

Blick auf die mittelalterliche Baustelle Guédelon im französischen Burgund

Blick auf die mittelalterliche Baustelle Guédelon im französischen Burgund  |  © Ulrike Koltermann/dpa

Wird hier wirklich gebaut? Glockenhell schlägt Eisen auf Eisen: ping, ping, und Eisen auf Stein: tok, tok. Ein Lastengaul wiehert, dazu klappern Wagenräder. Brennholz knackt, Rauchschwaden ziehen in die Baumkronen. Keine Motorsäge kreischt, kein Bohrer dröhnt. Seit 1997 wird in dem französischen Departement Yonne im Burgund, gut 200 Kilometer südlich von Paris zwischen Auxerre und Orléans, eine Burg gebaut – mit den Techniken und Materialien des 13. Jahrhunderts. Jeder, der will, darf daran mitarbeiten. Das gab es noch nie in der Moderne. Und im Mittelalter auch nicht.

Am Eingang zu der inmitten eines riesigen Eichenwaldes gelegenen Baustelle knistert ein Kaminfeuer, an dem Fremdenführer in Leinenkutten sich die Finger wärmen. Kinder rennen über eine Zugbrücke in die Burg, die man von ferne auch für eine Ruine halten könnte. Dem Wohnturm fehlt die Spitze, das Dach ist nur zur Hälfte gedeckt, auf den Mauern wächst Moos. »Warum ist die Burg schon wieder kaputt?«, fragt eines der Kinder. Auch als Erwachsener vergisst man leicht, dass man keine Restaurierung besichtigt, sondern ein bauhistorisches Experiment.

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Florian Renucci spricht von einem Abenteuer. Er ist der Baumeister. Doch mit seinen apfelroten Wangen und dem kurzen schwarzen Haarschopf könnte man ihn auch für einen Statisten aus einem Historienfilm halten. Wie alle 50 hauptberuflichen Mitarbeiter in Guédelon trägt er einen Leinenkittel, an seinem Gürtel baumelt ein Holzstock mit den Maßen Handbreit und Elle, die Messlatte für sämtliche Längen auf der Baustelle. Im Mittelalter, sagt Renucci, war die Handbreite des Bauherrn die Maßeinheit einer Baustelle. Ansonsten wisse man wenig über das mittelalterliche Handwerk. Es gebe fast keine Quellen, höchstens ein paar Bilder und Kirchenfenster, die Handwerker bei der Arbeit zeigen. Meist wurden sie von den jeweiligen Gilden in Auftrag gegeben, um für das eigene Metier zu werben.

Einmal hat ein Besucher eine falsche Fuge entdeckt. Er war Maurer

»Die wichtigsten Zeugnisse für unsere Arbeit sind die Burgen, die hier in der Gegend stehen«, sagt Renucci. Hier können die modernen Handwerker sich abschauen, wie die Steine angeordnet wurden und welche Materialien benutzt wurden. Die Burg von Guédelon soll später genauso aussehen wie die alten Vorbilder aus der Zeit von König Philipp II. Augustus, der Frankreich von 1180 bis 1223 regierte. Vier Wachtürme, eine Kapelle, ein Wohnturm und ein rechteckiger Hof, umgeben von einer mehr als zwei Meter dicken Mauer.

Anreise

Guédelon liegt im Departement Yonne in Burgund, an der D955 zwischen Saint-Sauveur-en-Puisaye und Saint-Amand-en-Puisaye. Von Paris aus sind es zwei Stunden Autofahrt (über die A6 und A77, Ausfahrt 21). Der nächste Bahnhof ist in Cosne-Cours-sur-Loire (26 Kilometer von Guédelon). In den Sommermonaten fährt ein Shuttlebus zur Baustelle.

Unterkunft

In der unmittelbaren Umgebung der Baustelle gibt es keine Hotels, nur Privatunterkünfte. Die nächste Stadt ist Auxerre (45 Minuten Autofahrt nach Guédelon), Hotel Le Maxime (2 Quai de la Marine, Tel. 0033-386521419, www.lemaxime.com). DZ ab 83 Euro

Mitarbeit

Jeder kann nach vorheriger Anmeldung an der Burg mitarbeiten, bekommt allerdings als Aushilfe keinen Lohn, sondern muss pro Tag circa fünf Euro für die Versicherung bezahlen und sich eine Unterkunft organisieren.

Öffnungszeiten

Vom 15. März bis zum 2. November, Mittwoch Ruhetag (außer Juli und August). Führungen in deutscher Sprache werden angeboten, eine Anmeldung ist empfehlenswert. Eintritt: 9 Euro

Auskunft

Auf www.guedelon.fr oder über das Fremdenverkehrsamt: www.bourgogne-tourisme.com

Es regnet ein bisschen, als Renucci den Dachstuhl des Wohnturms erklimmt. Dicke Tropfen hinterlassen dunkle Punkte auf seiner hellen Kutte. Dieses Jahr soll das Dach komplett gedeckt und das Kreuzgewölbe im Lehnsherrenzimmer vollendet werden. Das Kreuzgewölbe im Turm ist schon fertig. Ganz ohne Zement und Stahlträger, wird es allein von sechs schmalen Steinrippen getragen. Jeder Stein müsse exakt sitzen, damit die Konstruktion hält, sagt Renucci. »Da haben wir ganz schön lange herumexperimentiert.« Schließlich gebe es keine Anleitung, keinen Bauplan, niemanden, den man anrufen könne, wenn man keine Ahnung habe, wie man den Schlussstein einpassen soll. Und es gelinge auch nicht alles auf Anhieb. Mehrmals schon musste der Zement neu angerührt werden, weil die Mischung nicht stimmte. Einmal hat ein Besucher eine falsche Fuge entdeckt. Der Mann war Maurer. Renucci lächelt. Das sei das Schöne an diesem Projekt, das sich der Kunsthistoriker Michel Guyot ausgedacht hat. »Wir probieren so lange, bis wir eine Lösung haben.«

Guyot besitzt unweit von Guédelon, in Saint-Fargeau, ein Schloss. Bei dessen Restaurierung hat er sich oft gefragt, wie die Menschen früher gebaut haben, ohne Maschinen und Stahlbeton. Und da kam ihm die Idee: Wie wäre es, eine neue Burg zu bauen, wie im Mittelalter?

Leserkommentare
    • Sozink
    • 07. Juni 2010 14:28 Uhr

    Würde mir wünschen,dass man sowas auch in Deutschland mal machen würde. Es muss ja keine Burg sein, aber ein ähnliches Projekt wäre doch echt schön. Dann könnte man Jugendgruppen dazu holen und diesen jungen Menschen eine Beschäftigung geben, anstatt dass sie auf der Straße rumlungern und sich prügeln.

  1. .....oder Deiche

  2. Es war wirklich eindrucksvoll von diesem Projekt zu lesen,denn es hebt sich so angenehm von dem politischen Gedöns ab,von dem soviel berichtet wird.Wünsche dem durchaus nachahmenswerten Projekt viel Erfolg und hoffe auf Nachahmer.

  3. Es ist noch viel faszinierender als jeder Bericht darüber vermitteln könnte.

  4. Antwort auf "Gute Idee"

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