Ölpest »Erst einmal nur Aufregung«

Der Ökonom und Philosoph Birger Priddat über die Ölpest im Golf von Mexiko, den Boykott von Tankstellen und die Sehnsucht nach Fairness

DIE ZEIT: Wegen der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko rufen die Grünen zum Boykott des Ölkonzerns BP auf. Mit Aussichten auf Erfolg?

Birger Priddat: Nein, das glaube ich nicht. Es ist nämlich zu wenig, wenn sich einzelne Konsumenten gegen den Konzern stellen. Damit ein Boykott funktioniert, müssen sehr viele Verbraucher teilnehmen. Dann hätte diese Bewegung vielleicht eine Chance auf Erfolg – dass BP seine Strategie ändert, mehr Vorsicht walten lässt und ökologischer vorgeht. Aber im Moment sehe ich noch keine Anzeichen für eine große Mobilisierung.

ZEIT: Woran messen Sie das?

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Priddat: Bislang ist der Boykott in erster Linie ein Ansinnen von Politikern. Das allein bedeutet noch gar nichts. Es müsste zu einer Reaktion der Verbraucher kommen. Die Konsumenten müssten sich vernetzen; Millionen Käufer müssten im Internet aufgeregt diskutieren; die Ölkatastrophe müsste in Blogs ungeheuer stark thematisiert werden. Dass dies alles noch kaum stattfindet, ist ein Indikator dafür, dass die Konsumenten gar nicht mitziehen.

ZEIT: Falls es doch zu einem wirksamen Boykott käme – wie stark würde er den Konzern treffen?

Priddat: Der Boykott wäre ein kurzfristiges Event und würde schnell verpuffen. Die Auswirkungen auf den Umsatz von BP wären marginal. Wenn ein Unternehmen eine starke Marke hat, dann wird die Marke durch solch ein einmaliges Ereignis nicht beschädigt. Da müsste schon eine Serie von Vorfällen passieren.

ZEIT: Warum ist es schwierig, einen Boykott von Tankstellen zu organisieren?

Priddat: Konsum ist eine sehr routinierte Angelegenheit. Die Programme, die man sich für den Alltag zurechtgelegt hat, lässt man sich nicht so schnell durcheinanderbringen. Wo man tankt, hängt nicht von moralischen Überlegungen ab, sondern vom Weg zur Arbeit und von den Preisen. Der kognitive Aufwand, über die Konsequenzen des eigenen Konsums nachzudenken, scheitert an der Bequemlichkeit.

ZEIT: Sind die Verbraucher also ohnmächtig?

Priddat: Das wäre übertrieben. Moralischer Konsum ist ein langfristiges Phänomen. Wenn sich Mentalitäten ändern, dann ändern sich auch Märkte. Einzelne Aktionen können nur als Zuträger für einen langsamen Wertewandel dienen. Ein Boykott von BP wäre ein kleiner Schritt in der ökologischen Sensibilisierung unserer Gesellschaft – nicht mehr und nicht weniger.

Leser-Kommentare
  1. und tanken jetzt nur noch bei Aral ;-)

  2. denkt an die Brent-Spar. Dazu müssten aber Organisationen wie z.B. Greenpeace die Leute aufmischen und natürlich die Medien mitspielen.

  3. Ich wußte gar nicht, dass es ein privates Gewässer von BP gibt.
    Sollte es BP nicht gehören, frage ich mich wem es gehört und wo denn derjenige bleibt, dem es gehört?
    Vielleicht haben die Amerikaner einfach keine Lust das Problem anzupacken und überlassen es BP, die für Ihre Umweltpolitik bekannt sind?
    Sollen wir auch die USA boykottiern, liebe Grüne, die eigentlich in der Hauptverantwortung stehen? Sollen wir auf Microsoft verzichten und auf OS2 ? Dann haben wir auch weniger Stromverbrauch? Passt doch ins Programm!

    • mata66
    • 26.05.2010 um 19:07 Uhr

    Also wirklich… woanders tanken macht überhaupt keinen Unterschied! Weniger tanken!! Fahrrad oder endlich und wenn’s unbedingt sein muss kleinere Autos fahren, erneuerbare fördern, schluss mit diesem Mobilitätswahnsinn und die lebensmittelpunkte einander annähern. BP/Aral/DEA/ESSO/SHELL/EXXON/AGIP = alles der gleiche Verein und das Rohöl aus einer bohrinsel die z.B. BP unterhält fließt eh allen Anderen genauso zu im freien Markt.
    MfG

  4. ...und dazu die falsche Strategie. Die Richtige: Obama muß aus Sarah Palin einen Wutpropf basteln. In dem Moment wo sie "Drill, baby, drill" schreit steckt er sie ins Bohrloch. Und schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe.

  5. Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man darüber lachen! Es wundert mich, dass die NABU und die Grünen noch keine Menschenkette von Hamburg nach New Orleans organisiert haben?
    Den Ozean könnte man ja, wie bei der Letzten Menschenkette auch, mittels Strick und Luftballons überwinden! Wäre doch wieder mal ne schöne Aufgabe oder?
    Habe übrigens eben RTL-Aktuell gesehen! Machen jetzt auch wieder schwer auf Alarmismus, wie in unseren Medien halt üblich. Die Kernaussage am Schluß: "das die Amerikaner jetzt auch langsam die Geduld verlieren!" Das Bild dazu: 7 Leute mit einem kleinen grünen Schild, die im Kreis liefen! Ich war schwer beeindruckt!

    • freerk
    • 26.05.2010 um 21:54 Uhr

    ja wir boykotieren und fahren weniger Auto!

  6. Auto bei Jet volltanken, Wasser aus der PET-Flasche trinken, ab zum Flughafen.
    Und die Welt wird gerettet!

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  • Quelle DIE ZEIT, 27.05.2010 Nr. 22
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  • Schlagworte Grüne | Ölpest | Mexiko | Konsum | Louisiana
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