Auf die Schuldenwelle folgt die Sparwelle. Von London bis Rom, von Lissabon bis Berlin setzen Europas Regierungen den Rotstift an. Großbritannien will bis Dezember 6,2 Milliarden Pfund einsparen, Italien 24 Milliarden Euro aus dem Haushalt schneiden, Spanien kürzt die Beamtengelder, Portugal erhöht die Steuern, und Griechenland macht alles zusammen.

Es sind vor allem die Finanzmärkte, die aus den sorglosen Lebenskünstlern nun schwäbische Hausfrauen machen. Ohne glaubwürdige Einsparungen ist derzeit kaum ein Investor bereit, den Staaten der europäischen Peripherie – die Briten dürfen sich getrost dazuzählen – Geld zu leihen. Zu groß ist die Gefahr, dass die Schulden nicht zurückgezahlt werden. Die bond vigilantes, die "Anleihewächter", die in den neunziger Jahren die Clinton-Regierung zur Etatkonsolidierung zwangen, sind wieder am Werk.

Man sollte sie gewähren lassen. In praktisch allen betroffenen Staaten sind die Schulden tatsächlich zu hoch. Werden sie gesenkt, bremst das die Binnennachfrage. Aber Spanier, Iren oder Griechen konsumieren ohnehin eher zu viel als zu wenig.

Das gilt allerdings nicht für Deutschland. Es mag innenpolitische und verfassungsrechtliche Gründe geben, auch hierzulande zu sparen. Doch wenn die Kanzlerin das hiesige Konsolidierungspaket als Beitrag zur Sicherung der Stabilität des Euro verkauft, dann liegt sie damit daneben.

Genau das Gegenteil ist richtig. Aus europäischer Perspektive müsste sich die Bundesregierung mit der Konsolidierung Zeit lassen. In Deutschland ist bei der Binnennachfrage noch Luft nach oben. Wenn die anderen mehr sparen, müssen wir mehr ausgeben. Sonst herrscht in Europa Stillstand – beziehungsweise die Deflation.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und das Warten ist für den Staat noch nicht einmal sonderlich teuer. Weil die Investoren Südeuropa meiden und ihr Geld nach Deutschland tragen, sinken hierzulande die Zinsen auf immer neue Tiefststände. Gerade einmal zweieinhalb Prozent jährlich bezahlt der Bund auf einen Kredit über zehn Jahre. Deutsche, verschuldet euch! Spanier, spart! Das ist das Signal, das die Märkte derzeit aussenden.

Die Wirtschaft kann nicht allein durch Kürzen am Leben gehalten werden. Schon krachen in Spanien die ersten Sparkassen zusammen, weil in dem rezessionsgeplagten Land die Kredite faul werden, schon bunkern die Banken wieder Geld. Schnell können die hoch nervösen Märkte wieder in den Panikmodus geraten.