Von allen abgenutzten Wörtern, die momentan in Umlauf sind, klingt das Alarmwort "Krise" am harmlosesten und hohlsten. Es sagt, dass wir uns fürchten müssen. Warum tun wir’s nicht? Vielleicht ist der Mangel an Angst nur unsere Unfähigkeit, die richtigen Worte zu finden für den Abgrund, an dem wir stehen. Und vielleicht kommt diese Sprachschwäche wiederum aus einer Denkschwäche: einem schrecklichen bewusstseinsmäßigen Sich-eingerichtet-Haben. Wenn nichts anderes als das Altbekannte mehr vorstellbar scheint, ist wirklich Weltende – dann hilft nur noch der beherzte Griff nach einem Autor, der das Apokalyptische klar benennt.

Zu den sprachmächtigsten Denkern unserer Zeit als Krisenzeit gehört der Dichter Volker Braun, der seit langem das Destruktive der Menschennatur und das Abschüssige des Fortschritts analysiert. Seine Formel für unsere akute Notlage zwischen Europapleite und Staatsbankrott ist der Titel eines über zehn Jahre alten Gedichts: Nach dem Massaker der Illusionen . Das heißt: nachdem wir blutigen Postutopiker kapiert haben, dass auch die postutopische Gesellschaft noch desillusioniert werden kann. "Wenn die Ideen begraben sind", prophezeite Braun, "kommen die Knochen raus. / Wie lange hält uns die Erde aus / Und was werden wir die Freiheit nennen". Ja, was?

Dass ein Fortschritt in Freiheit allenfalls darin bestehen kann, immer wieder die richtigen, also unangenehmen Fragen zu stellen, das haben wir bei den antiken Philosophen und den deutschen Idealisten gelernt, aber Volker Braun hat es uns in die Sprache der Jahrtausendwende übersetzt. Massaker der Illusionen, aber auch Training des aufrechten Gangs: Das waren Formeln, mit denen er uns Leser früh schon triezte. Wie unangenehm die Vorstellung, dass wir Heutigen das Aufrechtgehen, also das Menschsein noch trainieren müssten! Mit treffenden, spitzigen, in Herz und Hirn dringenden Sätzen erklärte dieser platonisch geschulte Metaphysiker, warum wir eine Gesellschaft von Höhlenbewohnern seien und es folglich darauf ankomme, dass jeder Einzelne sich aus dem unzersprengbaren steinernen Raum der Fakten befreie.

So hat Braun uns beschrieben, und so stehen wir in der Krise wieder da: als Menschheit, die sich aufgeklärt dünkt, aber "wie mit Ketten an den schleimigen Schutt gebunden" bleibt. Wer in diesen Tagen noch einmal zurückblättert, der wird sich selbst und die ganze festgefahrene, langsam knirschende, krisenhafte Übergangsgesellschaft wiederfinden: "geduckt in Kontaktzonen, Überleitungsphasen, Ausfallzeiten, bei der rechnergestützten Ermittlung abrechenbarer Verpflichtungen". Brauns Höhlengleichnis liest sich in unserer Höhlensituation endloser Regierungskrisensitzungen deprimierend genug, aber der Schriftsteller erklärt eben auch, wie man aus der Höhle möglicherweise herauskommt. Indem man den Schmerz des Rückgratdurchdrückens in Kauf nimmt und sich den Kopf einrennt "an den rostigen Verhältnissen und Stillhaltepraktiken".

Braun selbst hat es auf seinem Gebiet ja jahrzehntelang vorgemacht mit einer widerspenstigen, gegen den Stillstand sich stemmenden Sprache, mit geschliffenen Analogien und stahlharten Pointen, mit Ewigkeitsmetaphern aus der Gegenwart. Unvergessen sein Manhattan-Gedicht, das lange vorm Bankencrash die Stadt der Städte als Rockefellers Gebirge entfaltete, wo die toten Indianer in den Straßenschluchten joggen und schwindelfreie Mohawks auf den Stahlgerüsten balancieren. Gelegentlich weht ein Verzweiflungsruf nach Demokratie übers Unheilspanorama hinweg. – Und wen es da nicht gruselt, weil er glaubt, die Intellektuellen seien eben schon immer gern Alarmisten gewesen, der hat keine Ahnung, wie ungemütlich ein Alarmist lebt.

Dass die Herstellung von fortschrittsskeptischer Literatur keine leichte Übung, sondern elende Schufterei ist, kann man nun in Brauns ziegeldicken Arbeitsbuch Werktage nachlesen. Darin gibt der Autor Kunde vom Tagwerk des Schreibens, Lesens, Debattierens, Inszenierens, Verwerfens, Vortragens, Geehrtwerdens, Geschmähtwerdens, vor allem aber von der Verteidigung der Literatur gegen die Zumutungen der Politik. Die Sammlung lakonischer Notate zum Zustand des arbeitenden Selbst beginnt im Januar 1977 und endet im Dezember 1989. Sie ist ein Lebenslauf in Sprüngen, ein literaturhistorisches Fahrtenbuch aus der DDR in ihrer zweiten endzeitlichen Hälfte: Epoche des schleichenden Niedergangs und der stockenden Widersprüche.

Man könnte vermuten, dies seien Blätter aus einer untergehenden Anderswelt. Vorbei, vorbei! Und tatsächlich klingen die Namen der Protagonisten wie die Dramatis Personae eines Historiendramas: Rudolf Bahro, Anna Seghers, Wolfgang Hilbig, Hermann Kant, Heiner Müller… Und die Zensurgeschichten stammen wirklich aus einer verflossenen Epoche: dieses nervötende Schachern um Sätze und diese Hofnarrentricks, wenn der Bücherminister Höpcke persönlich den von behördlicher Hinhaltetaktik zermürbten Autor ermuntert, ihm eine Beschwerde zu schreiben, damit sich der Genehmigungsvorgang beschleunigt. Diesem Zirkus ist Braun mittlerweile entronnen. Dennoch haben einige große Themen des Werktagebuchs die Wende überlebt. Die Stichworte treffen noch zu: Unauffällige Tragödien. Stillstehende Zeiten. Strukturen der Unterdrückung. Preisgeben des bürgerlichen Lebens. Umwälzung von Grund auf. Im Juli 1978 formuliert er beim Nachdenken über ein neues Stück die Frage, wie der kleine Frieden (kein Krieg) und der große Frieden (Gerechtigkeit) auf Erden herstellbar wären. Die Antwort, die er sich gibt, lautet schlicht, dass kein Ende der Kämpfe erkennbar sei.

Wenn man heute, ein halbes Leben später, liest, wie zäh und verbissen der Tagebuchschreiber nach "Möglichkeiten am Nullpunkt" suchte, wie er sich von Schwierigkeit zu Schwierigkeit durchschlug, dann wird man merkwürdig an die scheinbar unlösbaren Konflikte der Gegenwart erinnert. Volker Braun schreibt keine Kassandraprosa, sondern eine Sisyphosbiografie. Die Tagessorgen sind der bergauf zu wälzende Stein, und das Weltgeschehen ist der abschüssige Hang. Der Gipfel wäre die Selbsterkenntnis, wenn, ja wenn man verweilen dürfte und einen Blick auf die veränderte Menschheit jenseits des Berges erhaschen. So aber stürzt man ins alte Dunkel, in innerbetriebliche Grabenkämpfe und politische Blindheit zurück. Mit den Worten Volker Brauns: "Alles ist Vorgefühl, nichts ist Erkenntnis der Lage."

Was macht diese Werktagstexte aus grauer diktatorischer Vorzeit so haltbar? Dass der Autor aus den mühseligen Kämpfen gegen den sozialistischen Kulturkontrollapparat heraus und im Studium der anmaßenden Sturheit blasierter Apparatschiks ein paar überzeitliche Prinzipien der Unvernunft verstanden hat: Der Menschheit fällt es leider immer wieder schwer, das naheliegend Vernünftige und praktisch Überlebensnotwendige zu tun.

Volker Braun, geboren 1939, gehört zur Generation jener ostdeutschen Marxisten, die als junge Spunde durch eine rigide Kulturpolitik zu ihrer dauerhaft obrigkeitskritischen, ja kulturpessimistischen Haltung gezwungen wurden. Er verkörpert den Typus des Dialektikers, der den realen Sozialismus kritisiert hat, weil er an den utopischen Sozialismus glaubte. Der den Kapitalismus nicht hinnehmen wollte, weil er der Demokratie etwas abgewann. Dem es fürderhin unmöglich ist, nicht zu hoffen, auch wenn er keinen Anlass zur Hoffnung sieht. "Ich fühlte jetzt die Nachwelt auf mich starren / Und lächelte gelassen VOLLER HOFFNUNG / Ins Finstere, ein Verrückter / Aus der Vorzeit, die die Hoffnung kannte."

Um diese Art Literatur zu verstehen, muss man wissen, dass die utopische Zukunftgewissheit und die apokalyptische Absage an die Zukunft sich aus derselben Quelle speisen, nämlich einer profunden Erfahrung der Unfreiheit und einem trotzigen Sich-nicht-Abfinden. Volker Brauns Texte, auch die so gänzlich uneitlen Notate des Tagebuchs, die immer über die Malaisen des kleinen Ich hinaus auf eine Theorie der vermeidbaren Niederlagen zielen, sind Versuche, einen unpathetischen Weheruf zu formulieren. Wie kein zweiter deutscher Gegenwartsautor beherrscht er dieses ausgenüchterte, wahrhaftige Sprechen, das sich selbst und sein Erkenntnisvermögen problematisiert.

Der Anteil der dichterischen Arbeit an der Menschwerdung des Affen: Gegen ein dumpfes tierhaftes Vegetieren in behaglicher Existenz richten sich Brauns Sottisen, gegen eigene Kleinmut und kollektive Geducktheit. Er kann leider aus keinem zivilisatorischen Überlegenheitsgefühl heraus schreiben. Denn wie viele der Werktagebuchsfreunde (Stephan Hermlin, Christa Wolf, Günter Kunert) empfindet er schmerzlich die Zerstörungsmacht des Industriezeitalters. Er betrachtet entsetzt und fasziniert, wie das Jahrhundert der Weltkriege ins Wettrüsten und in die Ökokatastrophe driftet. Er formuliert die Welterfahrung von Gewalt als düstere Erblast und misst sein individuelles Erleben an literarischen Modellen von Menschheitserfahrung.

Bei Volker Braun ist Literatur weniger ein Selbstverständigungs- als ein Selbstverunsicherungsprozess. Die Geschichte erscheint als ewiges Ineinander von Kultur und Barbarei, Fortschritt und Zerstörung, Schönheit und Verfall. Ist der Mensch zukunftsfähig? Das bleibt die Frage. Das Mittel, sie nicht zu beantworten, sondern weiter zu beackern, ist eine Sprache jenseits der Phrasen. Damit bereitet Volker Braun uns ein großes intellektuelles Lesevergnügen. Er zeigt, dass man die Widersprüche der Welt schreibend nicht auflösen darf, sondern sich in die Natur der Widersprüche vertiefen muss. Nur so können wir die unsichere, abgründige Lage überleben, in der wir uns wieder einmal und immer noch befinden.