Libanon Das rote Band der Sexualität

Der wilde Roman der Beiruter Journalistin Alawiyya Sobh ist eine weibliche Geschichte des Libanons

Junge Frauen am Beiruter Strand. Die Frauen der arabischen Welt brechen in der Literatur die sexuellen Tabus

Junge Frauen am Beiruter Strand. Die Frauen der arabischen Welt brechen in der Literatur die sexuellen Tabus

Man muss schon etwas wissen wollen über den Libanon, wenn man sich an diesen 600-Seiten-Roman der Beiruter Autorin Alawiyya Sobh, geboren 1955 und Chefredakteurin der Zeitschrift Snob Hasna, heranwagt. Der Libanon mit seiner Hauptstadt Beirut, vor dem von 1975 bis 1991 dauernden Bürgerkrieg oft als Paris des Nahen Ostens bezeichnet, ist dem Europäer fremd. Er weiß wohl von den augenscheinlich konfessionell motivierten Auseinandersetzungen, die das Land über Jahrzehnte zerrissen und auch heute längst nicht zur Ruhe kommen lassen. Wie befriedet man aber ein Land, dessen Staatsoberhaupt maronitischer Christ, dessen Regierungschef sunnitischer Muslim, dessen Parlamentspräsident schiitischer Muslim und dessen militärischer Oberbefehlshaber Christ ist, wenn der gute Wille zwar in der Verfassung steht, aber nicht stark genug ist, sich gegen die Geschichte durchzusetzen?

Diese Frage beantwortet der Roman Marjams Geschichten keineswegs, will es auch nicht. Vielmehr nimmt Alawiyya Sobh Zuflucht zu einem Kunstgriff: Sie lässt sich verschwinden. Bereits auf den ersten Seiten des Romans fragt die frühere Freundin Marjam eindringlich und in wechselnden Zusammenhängen, was es mit dem Verschwinden Alawiyya Sobhs auf sich habe. Marjam reist, wenn man der Logik des Romans folgt, Ende der neunziger Jahre nach Kanada aus, hat ihr Visum bereits abgeholt und räsoniert lauthals über ihre Enttäuschung, der Autorin Alawiyya so viele Geschichten anvertraut zu haben. Geschichten über sich und die gemeinsamen Freundinnen Ibtisam und Jasmin. Geschichten, die sie nun niemals wird lesen können. Dabei hatte Alawiyya diese Geschichten einst geradezu aufgesogen – unter der Maßgabe, daraus einen Roman zu machen.

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Während des Krieges aber ist Alawiyya verstummt, danach hat sie sich mehr und mehr von ihren Freundinnen zurückgezogen. Nun ist sie ganz verschwunden. Marjam hofft, sie wiederzufinden, und sie beginnt, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Und natürlich ist es so vor allem ihre eigene und die Geschichte ihrer Familie, die den Roman prägt: eine Geschichte der Frauen.

Als letzte in einer langen Töchterreihe von Fatima und Hassan, unterbrochen durch nur zwei Söhne, auf dem Dorf geboren, erzählt sie von der Dämonengläubigkeit ihrer Mutter, von den Gerichten, die ihre Mutter kocht und von denen für die Mutter selbst, wenn sie endlich zum Essen kommt, immer nur die Reste übrig bleiben. Sie erzählt davon, dass Frauen sich »untenrum« für ihre Männer zu enthaaren haben. Und davon, wie die Männer sich alles herausnehmen, was die Selbstbestimmung der Frau untergräbt.

Marjam erzählt auch, wie ihr Vater als Waisenjunge erst anhand des Sexuallebens der ihm anvertrauten Ziegen und Kühe langsam lernt, was überhaupt vor sich geht während der intimen Begegnung von Mann und Frau. Die Entjungferung der dreizehnjährigen, ihm im Alter von zehn Jahren angetrauten Ehefrau Fatima gerät natürlich zur Vergewaltigung, aber es steht nach allem, was man zu diesem Zeitpunkt bereits über ihn weiß, auch Mitleid im Raum mit den allein gelassenen Kindern des Libanons.

Dies ist der zweite Kunstgriff der verschwundenen Autorin: Sie lässt Marjam alle Geschichten mindestens zweimal erzählen, aus ihrer eigenen Perspektive und aus der Sicht der jeweils an der Handlung beteiligten Personen. Das erzeugt aufschlussreiche Kollisionen.

Es wird ein Bild des Libanons von den fünfziger Jahren bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts entworfen, in dem die Entwicklungen sich überschlagen, überkommene Existenzweisen auf dem Lande neuen in den Städten gegenüberstehen. So zieht auch Marjams Familie in den Fünfzigern nach Beirut. Bedeutende politische Ereignisse werden kaum benannt, sondern übersetzt in das, was sie für Marjams Familie bedeuten. Ein Umzug aus dem Beiruter Ankunftsviertel Aschrafija in ein anderes, Burdsch Hammud, im Jahre 1958 wird wohl mit der Libanonkrise in Verbindung zu bringen sein, und der nächste »Umzug« 1975 geht mit dem Beginn des Krieges einher. Man erfährt nur in Nebensätzen, dass Quartier und Eigentum der Familie hierbei beschlagnahmt wurden, aber nicht, von wem. Und obwohl das Jahr auch in anderer Hinsicht ein bedeutsames war, denn Marjam durfte endlich mit Duldung ihrer Familie das Kopftuch ablegen, wofür sowohl Marjams Mutter als auch die älteren Schwestern noch mit Prügeln gezahlt hatten, ist mit dem Bürgerkrieg doch alles, was sich im Libanon an Chancen aufgetan zu haben schien, für lange Zeit dahin.

Das farbenprächtige Breitwandbild dieses Romans, das den Leser frösteln lässt und gleichermaßen fasziniert, bricht auch mit den scheinbar unantastbaren sexuellen Tabus der arabischen Welt. Sexualität wird in diesem aus weiblicher Sicht verfassten Roman buchstäblich von allen Seiten und unter verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet: als Strapaze für Frauen, die ein Kind nach dem anderen bekommen und es als gottgewollt ansehen, für ihren Mann die Beine breit machen zu müssen. Als Selbstverständlichkeit für die jüngeren Stadtfrauen, die ihre Körperlichkeit auch vor der Ehe entdecken wollen, wenn auch im Geheimen. Als den Männern zustehendes Recht, auch gegen den Willen der Frau. An der Gewalttätigkeit des Sexualaktes wagen die Frauen nicht zu rütteln, denn ein Aufbegehren dagegen brächte womöglich den Tod.

Ein dritter Kunstgriff der Autorin besteht in der Einführung eines männlichen Pendants zu ihrer eigenen Figur: Suhair, der als Mann, Arzt und Dramatiker einem ähnlichen Anliegen nachrennt wie die inzwischen verschwundene Alawiyya. Er möchte das perfekte Theaterstück aus ebensolchen aufgeschnappten Geschichten schreiben, merkt aber, dass ihn der »Frauenkram« bei den wechselnden Treffen der Freundinnen, zu denen er zugelassen ist, nicht interessiert. Er geht wutentbrannt, als Marjam von ihrem Schwangerschaftsabbruch berichtet, weil solche »Kleinigkeiten« nicht zu seinen Ambitionen zu passen scheinen, jagt er doch den »großen Fragen des Lebens« nach. Er will Antwort darauf, wer den Krieg geplant und die Bevölkerung dazu gebracht hat, das Land zu zerstören und sich in das entstandene Desaster hineinzumanövrieren. Dass er sie nicht findet, macht ihn schließlich verrückt, er erkrankt ganz offensichtlich an einer paranoiden Psychose.

Auf ihrer Suche nach Alawiyya begibt sich Marjam endlich auch in Suhairs Wohnung. Dessen Nachbarn und die Leute im Viertel aber ergehen sich in sehr widerstreitenden Aussagen über seinen Verbleib ebenso wie über seine Person, und so verschwindet auch Suhair schleichend aus dem Text. Seine Geschichte aber bleibt, wie die vielen anderen auch, als Beispiel zurück für die Verwüstungen, die der Krieg in den Menschen anrichtet, bis er sie völlig zerbricht. Man stirbt, man mordet, man ergibt sich, man versteckt sich, man verbittert, man wird krank, man kehrt sich um, man wandert aus – kurz: Man verschwindet.

Dieser Roman will nichts weniger, als das Unbeschreibliche beschreibbar zu machen und die große Katastrophe auf ein menschliches Maß herunterzubrechen. In seinem Versuch, die Gewalttätigkeiten während das Krieges mit der Gewalttätigkeit innerhalb dörflicher Strukturen und in der Familie, aber auch in modernen sozialen Beziehungen in Verbindung zu bringen, ähnelt er Michael Hanekes Film Das weiße Band . Haneke bringt die oft unmerklichen Strukturen der Gewalt gegenüber Kindern im protestantischen deutschen Osten zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Schwarz-Weiß auf die Leinwand, in einer stillen, exakt fotografierten ostdeutschen Landschaft. Der Zuschauer, denkt er weiter, kommt ganz von selbst darauf, dass diese Kinder zwei Weltkriege erleben werden, in denen sie zum Volk der Täter gehören.

Alawiyya Sobhs Roman unternimmt Verwandtes, allerdings nicht schwarz-weiß und nicht exakt fotografiert. Wie das weiße Band der vermeintlichen Unschuld sich durch Hanekes Film zieht, dehnt sich das rote Band der Sexualität durch ihren wilden Roman, nach dessen Lektüre man, obwohl weit entfernt, dem Libanon ein Stück näher ist. Wie dem Himmel, der Hölle oder einfach dem Ende, je nachdem.

 
Leser-Kommentare
    • lef
    • 31.05.2010 um 14:24 Uhr

    aber das sage ich vielleicht nur als "Mann"?

    Im Unterschied zum verglichenen Film Michael Hanekes ("Das weiße Band") ist im Libanon die Situation längst nicht geklärt, die "Täter" haben nicht (wie die Deutschen sogar sehr einseitig) die Schuld übernommen und danach sehr erfolgreich eine gesellschaftliche grundlegende Veränderung vollzogen, wie sie in Westeuropa zu sehen ist.

    Die Täter laufen im Libanon noch völlig unbeeindruckt herum und sehen offenbar - das zeigt die Rezension - überhaupt keinen Anlass zur Schuldübernahme.

    Dazu würde nämlich auch gehören, die Frauen dort sich selbst auch als Täter betrachten zu lassen, und davon ist absolut NICHTS zu lesen, im Gegenteil.
    Verschwinden ist natürlich einfacher (und extrem feige!).

    Meine Sympathie gilt denn auch ausschließlich dem Arzt Suhair, der sich wirklich bemüht, Ursachen zu erforschen und konsequenterweise nicht nur von den Tätern (hier: den Frauen) in die Schizophrenie getrieben wird, sondern auch von der Verfasserin dieses Artikels geschmäht, belacht und beleidigt wird.

    Zu unser aller Glück hatten die Frauen 1945 mehr Einsicht als diese Kathrin Schmidt - auch Artikelschreiber sind eben manchmal Täter(Innen).

    Ich könnte jetzt etwas darüber erzählen, was in Westeuropa grundlegend geändert wurde, um Hanekes Film (als überwundene Geschichte) sehenswert zu machen und dieses Buch nicht, ich könnte das Phänomen "Emergente Ordnung" beleuchten usw.
    Das ist hier aber wohl verschwendete Zeit.
    Sexualität und Nabelschauen ...

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