KriegsopferIm toten Winkel

Wie Judith Butler unsere Trauer für islamische Kriegsopfer zu beleben sucht von 

Amerikaner im Irak

Amerikaner im Irak  |  © AHMAD AL-RUBAYE/AFP/Getty Images

Judith Butler, amerikanische Ikone der Gender-Theorie, geht in ihrem neuen Buch Raster des Krieges der Frage nach, weshalb wir manche vernichtete Leben zu betrauern vermögen, andere aber nicht. Vor dem Hintergrund der jüngsten Kriege, in die Amerika bis heute verwickelt ist, hält sie ein eindringliches Plädoyer, die Bedingungen für Mitleid, die wir Kriegsopfern entgegenbringen, zu überprüfen. Unsere Gefühle, unser Zorn, unsere ethische Reaktionsfähigkeit seien einer Regulierung ausgesetzt, die sich uns mitunter verschließe.

Den meisten Kriegsbildern etwa sei ein normierender Blickwinkel eingeschrieben, der den amerikanischen Helden ein menschliches Antlitz verleihe, das seinem Gegner versagt bleibe. Ein westlicher Diskurs, der den islamischen Staaten Rückständigkeit attestiere, fälle notwendigerweise eine Unterscheidung von schützens- und nicht schützenswertem Leben, von Zivilisation und Barbarei, von Trauer und Gleichgültigkeit gegenüber dem gemarterten Körper. Erst die Möglichkeit von Trauer aber bilde die Voraussetzung einer Anerkennung von Leben.

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Ausführlich umkreist Butler in fünf Kapiteln Rahmen (frames), die unsere Affekte einengen und damit steuern: Sie analysiert die als scheinheilig begriffene Unterscheidung terroristischer und staatlicher Gewalt; beklagt die journalistische Verzerrung unseres Blickes auf Kriegshandlungen anhand von Fotografien (die zumeist nach den Vorgaben der amerikanischen Regierung entstanden sind); untersucht die Instrumentalisierung liberaler Sexualitätsvorstellungen zum Zwecke der Ausgrenzung der islamischen Kultur; hinterfragt unsere allzu bequemen Vorstellungen über den Islam, die keinen Unterschied mehr zwischen repressiver Gesetzgebung und faktischem Alltag von Muslimen machten, und fragt schließlich nach Möglichkeiten von Gewaltverzicht angesichts sich abzeichnender neuer Konflikte.

Zur Wahrnehmung gehöre nach Butler notwendigerweise, dass wir immer nur etwas sehen können, indem wir etwas nicht sehen. Die Auslotung der toten Winkel müsse als dezidiert linke Programmatik, als zeitgemäßer Entlarvungsmechanismus gesellschaftlich verankert werden. In merklich aufgeregtem Duktus verhandelt die Autorin vor allem den Umstand, dass die erfolgreiche Auflösung strikter Geschlechternormen derzeit in der westlichen Welt instrumentalisiert wird. Wer etwa islamische Häftlinge zu homosexuellen Handlungen zwinge, die in ihrer Kultur ein Tabu bildeten, missbrauche die an sich wünschenswerte sexuelle Freizügigkeit auf besonders perfide Weise als Folterinstrument. Wer die Anerkennung von Schwulenrechten zum Einwanderungskriterium mache, betreibe Ausgrenzung im Namen der Freiheit. Hier schimmert offenkundig die Angst durch, dass ausgerechnet die gendertheoretisch fundierte Emanzipation, für die Butler wie kein anderer Kulturwissenschaftler einsteht, die Grundlage für unsere Gefühlskälte gegenüber Opfern islamischer, patriarchal strukturierter Gesellschaften bilden könnte.

Die Lösungsvorschläge, derlei – beileibe nicht völlig neu entdeckter – Dilemmata einer Dialektik der Aufklärung zu überwinden, bleiben allerdings eigentümlich vage und plakativ zugleich: Die Linke habe zu begreifen, dass sie gezwungen sei, »über den etablierten Rahmen des Multikulturalismus hinaus zu denken« und sich wieder den »illegitimen und willkürlichen Auswirkungen der staatlichen Gewalt« zuzuwenden. Statt die westliche Moderne als fortschrittlich und anderen Kulturen überlegen zu begreifen, sollten wir, so Butler, »ein neues Verständnis des Gegeneinander- und Zusammenspiels verschiedener Zeitlichkeiten« entwickeln. Die dominanten Medien gelte es dabei infrage zu stellen.

Um Gewaltverzicht zu ermöglichen, habe man wiederum Walter Benjamins Diktum zu beherzigen, nachdem Revolutionen nicht die Lokomotiven der Weltgeschichte seien, sondern »der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse«. Und die Antwort auf die Ausgangsfrage, weshalb wir nämlich nur begrenzt mitleidsfähig seien, verpufft recht unspektakulär in einem löblichen wie dunklen Appell: Es sei »kritisches Denken gefragt, das den Rahmen des Kampfes um Identität« und »die normative Zwangsabgrenzung betrauerbaren Lebens« nicht einfach hinnehme. Wer würde da widersprechen wollen?

Leserkommentare
    • Timo K
    • 01. Juni 2010 16:06 Uhr

    Entfernt. Verzichten Sie auf geschmacklose Bemerkungen. Die Redaktion/sh

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    • manheu
    • 01. Juni 2010 16:25 Uhr

    Irre ich mich oder haben islamische Gefangene (ja, nicht einmal Gefallene)nicht schon genug durchlitten, das eine solche Diskussion nötig erscheinen lässt? Wenn Ereignisse wie Abu-Ghuraib oder andere Verbrechen einfach ausgeblendet werden können, dann beweist dies nur die Notwendigkeit dieses Buches und jeder weiteren Betrachtung, die das oben exemplarisch widergegeben, westliche Überlegenheitsgefühl gegenüber einer anderen Kultur erklärbar macht.

    • manheu
    • 01. Juni 2010 16:25 Uhr

    Irre ich mich oder haben islamische Gefangene (ja, nicht einmal Gefallene)nicht schon genug durchlitten, das eine solche Diskussion nötig erscheinen lässt? Wenn Ereignisse wie Abu-Ghuraib oder andere Verbrechen einfach ausgeblendet werden können, dann beweist dies nur die Notwendigkeit dieses Buches und jeder weiteren Betrachtung, die das oben exemplarisch widergegeben, westliche Überlegenheitsgefühl gegenüber einer anderen Kultur erklärbar macht.

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    "die das oben exemplarisch widergegeben, westliche Überlegenheitsgefühl gegenüber einer anderen Kultur erklärbar macht."

    Der Versuch dem Westen eine Art Herrenmenschentum zu unterstellen einfach aus der Tatsache heraus das wir Erfolgsrezepte unserer Breitengrade, wie Demokratie als per se höherwertig einschätzen als Stammestraditionen, die nicht selten an pure Barbarei grenzen, ist besonders perfide aber immer wieder gerne gebracht.

    Was wäre ihnen lieber ? Nicht Einmischung, wenn die Leute in Afgahnistan ihr eigenes Terrorregime aufbauen ?
    Nein, das ist dann auch wieder nicht recht.

  1. dass die Aufgliederung der Menschen in UNS und DIE ANDEREN seit der Steinzeit als Mittel der Gruppensolidarisierung funktioniert.

    Ich frage mich, wie lange es dauert, bis die Autorin das selber zu spüren bekommt, indem sie in die Ecke der "Rechten", der Homophoben, der Islamismussympathisanten bla bla abgeschoben wird. Man muss solche Meinungen nicht äußern, um abgestempelt zu werden - weil's bequem ist.

  2. Hallo
    Gender ist weder eine Theorie, geschweige denn eine Wissenschaft, sondern eine Glaubensrichtung mit totalitärem Anspruch.
    Interessanter Weise versucht hier eine "Gender" Prophetin Mitleid für genau die Anhänger einer Religion zu wecken, die für Sie und ihre GlaubensgenossInnen nicht die geringste Verwendung haben.
    Gruss
    Rene

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    Besser kann man die Irrationalität von Frauen, die für isalmistische Gotteskrieger eintreten, nicht in Worte fassen.

    • monz
    • 02. Juni 2010 11:43 Uhr

    Man muss also politisch und religiös übereinstimmen um mit anderen Mitleid zu haben, oder auf bigotte Verhaltensweisen gegenüber dieser "Gruppe" hinzuweisen? So ein Unsinn!

    • TDU
    • 01. Juni 2010 17:14 Uhr

    Aus der behaupteten Annahme, dass wir alle selektiv trauern würden, folgert sie die Notwendigkeit der Akzeptanz anderer Vorstellungen und die Hinterfragung der eigenen.

    Dabei sind die Gegner bewaffneter Auseinandersetzung denknotwendigerweise auch um das Wohl der anderen besorgt. Und die Toten der Terroranschläge werden von den eigenen Leuten in Kauf genommen.

    Und der eigene Standpunkt, die eigene Wertentscheidung wird als apriori gegen die andere gerichtet angesehen und ist daher möglichst auf zu geben. Dieses strukturelle Denken eröffnet doch der Willkür die Möglichkeiten. Man ersetzt eben die vorher behauptete Macht durch eine gewollte andere.

    Um das friedlich hinzu kriegen, empfiehlt man die indifferente Anpassung und Harmonisierung und stellt damit gerade die Machtfrage in den Vordergrund. Das fördert nicht den friedlichen Diskurs und das gegenseitige Zugeständnis. Man überlässt die Herrschaft dem sich "zufällig" Herausbildenden.

    Dabei fragt sie nicht mal nach dem Inhalt. Wen interessiert, was jemand über Homosexualität denkt, wenn dieser keine Macht hat, die Gesetze in irgendeiner Weise zu beeinflussen oder er gegen Homosexuelle gewalttätig wird.

    Die Gesinnung ist unwichtig. Interessant und wichtig wird es doch da, wo Anschauungen verbindliche Setzung werden. Und da darf gestritten werden, und es ist erst mal rein gar nichts auf zu geben, was sich an Werten gebildet hat.

    Das deutsche Grundgesetz ist nicht gemacht, um andere auszugrenzen.

  3. Unfassbar. Wer tötet Menschen, die im Krankenhaus liegen - also Hilflose im wahrsten Sinne des Wortes ...
    "At least four gunmen attacked a hospital in Pakistan's eastern city of Lahore on Tuesday morning, killing up to a dozen people and holding several hostage before escaping, a senior doctor told Reuters.
    http://www.reuters.com/ar...

    Frau Butler prangert diese Morde an Unschuldigen, so wie die regelmäßigen Anschlägen auf Moscheen und Märkte nicht an - vermutlich, weil die Täter auch Muslime waren und keine Westler [...] Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft

  4. Also ich soll die Toten der Gegenseite bedauern ?
    Die Toten die von unseren Soldaten erschossen wurden weil sie versuchten sie zu töten ?
    Nein danke, nicht mit mir.

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    • monz
    • 02. Juni 2010 11:45 Uhr

    funktioniert Krieg und seine perfide Propaganda. Das sag nochmal einer die Deutschen seien geläutert.

  5. "die das oben exemplarisch widergegeben, westliche Überlegenheitsgefühl gegenüber einer anderen Kultur erklärbar macht."

    Der Versuch dem Westen eine Art Herrenmenschentum zu unterstellen einfach aus der Tatsache heraus das wir Erfolgsrezepte unserer Breitengrade, wie Demokratie als per se höherwertig einschätzen als Stammestraditionen, die nicht selten an pure Barbarei grenzen, ist besonders perfide aber immer wieder gerne gebracht.

    Was wäre ihnen lieber ? Nicht Einmischung, wenn die Leute in Afgahnistan ihr eigenes Terrorregime aufbauen ?
    Nein, das ist dann auch wieder nicht recht.

    Antwort auf "Manch anderen auch..."
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    • manheu
    • 01. Juni 2010 20:51 Uhr

    Die von Ihnen aus meinem Kommentar zitierte Textstelle bezog sich auf den inzwischen gelöschten ersten "Beitrag", nicht auf den gesamten ZEIT-Artikel.
    Ich habe daher auch nicht von "dem Westen" gesprochen, denn diese Bezsichnung ist so unscharf, dass sie kaum die Bandbreite (die wir ja bereits an unseren gegenteiligen Meinungen sehen können)der Standpunkte umfassen kann.

    Und ja, eine Nichteinmischung wäre mir in der Tat lieber, da diese ohnehin nur einseitig begründbar ist. Denn ob nun Stammessysteme "nicht selten an pure Barberei grenzen", ist eine Aussage, die Sie völlig subjektiv treffen. Die Argumente auf der Gegenseite dürften den ihren interessanterweise ähneln.
    Den Ansatz des besprochenen Buches, wie kulturelle Eigenheiten (im "westlichen" Fall die sittlichen Freiheiten, im "östlichen" die sittliche Strenge) als Argumente gegen die jeweils andere Kulturen umgemünzt werden, finde ich daher absolut interessant und überlegenswert.

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  • Schlagworte Die Linke | Michel Foucault | Walter Benjamin | USA
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