Judith Butler, amerikanische Ikone der Gender-Theorie, geht in ihrem neuen Buch Raster des Krieges der Frage nach, weshalb wir manche vernichtete Leben zu betrauern vermögen, andere aber nicht. Vor dem Hintergrund der jüngsten Kriege, in die Amerika bis heute verwickelt ist, hält sie ein eindringliches Plädoyer, die Bedingungen für Mitleid, die wir Kriegsopfern entgegenbringen, zu überprüfen. Unsere Gefühle, unser Zorn, unsere ethische Reaktionsfähigkeit seien einer Regulierung ausgesetzt, die sich uns mitunter verschließe.

Den meisten Kriegsbildern etwa sei ein normierender Blickwinkel eingeschrieben, der den amerikanischen Helden ein menschliches Antlitz verleihe, das seinem Gegner versagt bleibe. Ein westlicher Diskurs, der den islamischen Staaten Rückständigkeit attestiere, fälle notwendigerweise eine Unterscheidung von schützens- und nicht schützenswertem Leben, von Zivilisation und Barbarei, von Trauer und Gleichgültigkeit gegenüber dem gemarterten Körper. Erst die Möglichkeit von Trauer aber bilde die Voraussetzung einer Anerkennung von Leben.

Ausführlich umkreist Butler in fünf Kapiteln Rahmen (frames), die unsere Affekte einengen und damit steuern: Sie analysiert die als scheinheilig begriffene Unterscheidung terroristischer und staatlicher Gewalt; beklagt die journalistische Verzerrung unseres Blickes auf Kriegshandlungen anhand von Fotografien (die zumeist nach den Vorgaben der amerikanischen Regierung entstanden sind); untersucht die Instrumentalisierung liberaler Sexualitätsvorstellungen zum Zwecke der Ausgrenzung der islamischen Kultur; hinterfragt unsere allzu bequemen Vorstellungen über den Islam, die keinen Unterschied mehr zwischen repressiver Gesetzgebung und faktischem Alltag von Muslimen machten, und fragt schließlich nach Möglichkeiten von Gewaltverzicht angesichts sich abzeichnender neuer Konflikte.

Zur Wahrnehmung gehöre nach Butler notwendigerweise, dass wir immer nur etwas sehen können, indem wir etwas nicht sehen. Die Auslotung der toten Winkel müsse als dezidiert linke Programmatik, als zeitgemäßer Entlarvungsmechanismus gesellschaftlich verankert werden. In merklich aufgeregtem Duktus verhandelt die Autorin vor allem den Umstand, dass die erfolgreiche Auflösung strikter Geschlechternormen derzeit in der westlichen Welt instrumentalisiert wird. Wer etwa islamische Häftlinge zu homosexuellen Handlungen zwinge, die in ihrer Kultur ein Tabu bildeten, missbrauche die an sich wünschenswerte sexuelle Freizügigkeit auf besonders perfide Weise als Folterinstrument. Wer die Anerkennung von Schwulenrechten zum Einwanderungskriterium mache, betreibe Ausgrenzung im Namen der Freiheit. Hier schimmert offenkundig die Angst durch, dass ausgerechnet die gendertheoretisch fundierte Emanzipation, für die Butler wie kein anderer Kulturwissenschaftler einsteht, die Grundlage für unsere Gefühlskälte gegenüber Opfern islamischer, patriarchal strukturierter Gesellschaften bilden könnte.

Die Lösungsvorschläge, derlei – beileibe nicht völlig neu entdeckter – Dilemmata einer Dialektik der Aufklärung zu überwinden, bleiben allerdings eigentümlich vage und plakativ zugleich: Die Linke habe zu begreifen, dass sie gezwungen sei, »über den etablierten Rahmen des Multikulturalismus hinaus zu denken« und sich wieder den »illegitimen und willkürlichen Auswirkungen der staatlichen Gewalt« zuzuwenden. Statt die westliche Moderne als fortschrittlich und anderen Kulturen überlegen zu begreifen, sollten wir, so Butler, »ein neues Verständnis des Gegeneinander- und Zusammenspiels verschiedener Zeitlichkeiten« entwickeln. Die dominanten Medien gelte es dabei infrage zu stellen.

Um Gewaltverzicht zu ermöglichen, habe man wiederum Walter Benjamins Diktum zu beherzigen, nachdem Revolutionen nicht die Lokomotiven der Weltgeschichte seien, sondern »der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse«. Und die Antwort auf die Ausgangsfrage, weshalb wir nämlich nur begrenzt mitleidsfähig seien, verpufft recht unspektakulär in einem löblichen wie dunklen Appell: Es sei »kritisches Denken gefragt, das den Rahmen des Kampfes um Identität« und »die normative Zwangsabgrenzung betrauerbaren Lebens« nicht einfach hinnehme. Wer würde da widersprechen wollen?