Martenstein "Ist das Katzennetz meiner Nachbarin überhaupt biologisch abbaubar?"

Unser Kolumnist berichtet von der Eigentümerversammlung und stellt fest: Die Bourgeoisie kocht auch nur mit Wasser

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Manchmal werde ich von jungen, hungrigen Autoren angegriffen, weil ich zu saturiert bin, ein Bourgeois. Ähnlich ging es wohl schon Flaubert, Oscar Wilde und Tolstoj. Warum seid ihr neidisch? Kommt, ich zeige euch, wie die Bourgeoisie lebt.

Wer als Großbürger eine Eigentumswohnung besitzt, muss regelmäßig die Eigentümerversammlung besuchen. Bei der vorletzten Sitzung, an der ich aus künstlerischen Gründen nicht teilnehmen konnte, ging es lange um das Katzennetz. Eine der Wohnungseigentümerinnen, eine freundliche Biologin, besitzt drei Katzen – ich will das weder werten noch kommentieren.

Weil Katzen, ähnlich wie der moderne Mensch, zwischen ihrer Bezugsperson und ihrem Erfahrungshunger ständig hin und her gerissen sind, hat sie ihren Balkon mit dem Katzennetz ausbruchsicher gemacht.

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So etwas muss von den anderen Eigentümern genehmigt werden. Bei der Versammlung wurde, wie ich hörte, stundenlang um das Katzennetz gerungen. Es gibt ja zu jedem Ding auf Erden ein Für und ein Wider. Ist so ein Katzennetz überhaupt biologisch abbaubar? Verändert es unser Klima? Verschärft es die Schuldenkrise? Das ist alles ungeklärt.

Die Abstimmung endete mit einer Gegenstimme. Einer der Eigentümer, ein Architekt, war mit Verve gegen das Katzennetz. Ich selber hatte das Katzennetz bis dahin überhaupt nicht bemerkt, mir ist das, ehrlich gesagt, egal, solange es meine künstlerische Freiheit nicht beeinträchtigt.

Nun also stand das Katzennetz zum zweiten Mal auf der Tagesordnung. Es ist nämlich strittig, ob zur Genehmigung eines Katzennetzes ein einstimmiger Beschluss der Eigentümer gefasst werden muss oder ob eine Mehrheitsentscheidung genügt. Es hängt davon ab, ob man das Katzennetz als eine tief greifende bauliche Veränderung ansieht oder nicht.

Ein anderer Eigentümer, ein Anwalt, hielt zu dieser Frage ein längeres Referat, das ich nicht ganz verstanden habe. Offenbar gibt es zu Katzennetzen eine üppige juristische Literatur, und es hat in der deutschen Rechtsgeschichte fast ebenso viele Katzennetzprozesse gegeben wie Prozesse zu den Folgen des Zweiten Weltkrieges. Anschließend meldete sich jeder Eigentümer zu dem Katzennetz zu Wort.

Jede Meinung unterschied sich um eine Nuance von der vorherigen. Es gab leidenschaftliche Appelle in der Tradition von Cato und Cicero – ceterum censeo Katzennetz esse delendam –, sarkastisch-pointierte Wortmeldungen im Stile von Herbert Wehner und hochdifferenzierte, anspruchsvolle Reden, die den Geist eines Richard von Weizsäcker atmeten: Das Katzennetz ist für die Hausgemeinschaft, ähnlich wie der 8. Mai 1945 für die Deutschen, keine Niederlage, sondern eine Befreiung.

Ich dachte, dass ich in der Stunde meines Todes, wenn ich Bilanz ziehe und mir klar wird, wie viele Stunden meines Lebens ich mit Gesprächen über Katzennetze verbracht habe, dies sehr wahrscheinlich bereuen werde. Ich sagte: »Könnten wir nicht vielleicht abstimmen?«

In diesem Moment sprang der Architekt auf. Der Anwalt hatte offenbar etwas gesagt, das ihm vollkommen unannehmbar erschien, der Architekt rief: »Das muss ich mir nicht gefallen lassen! So geht’s nicht, mein Herr!« Ich dachte, gleich geht er ihm an die Gurgel. Er lief aber mit rotem Kopf auf die Straße, irgendwo da draußen hatte er seinen Volvo geparkt.

Mein Nachbar sagte: »Er will nur nicht das Gesicht verlieren. Er spürt, dass er die Abstimmung verlieren wird, deshalb inszeniert er einen Eklat.« Wahrscheinlich wird jetzt ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Katzennetzprozesse geschrieben. Wenn Sie mich fragen, junger Freund: Die Bourgeoisie kocht auch nur mit Wasser.

 
Leser-Kommentare
  1. Meine Nachbarin hat auch ein solches Netz an ihrem Balkon.
    Ich bin bisher überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen,
    daß darüber gestritten werden könnte, mußte aber nach Lek-
    türe des Artikels feststellen, daß nicht nur
    Wohnungseigentümer, sondern auch Mieter und Vermieter
    deswegen Gerichte bemüht haben.
    Für Leute, die Freude an grotesken Prozessen haben, möchte
    ich gern auf das amüsante Büchlein des früheren Chefredak-
    teurs der ZEIT, Josef Müller-Marein, Der Entenprozeß, hinweisen.

  2. Falls Netze gegen Fluchtversuche läufiger Katzen biologisch nicht abbaubar sein sollten, kann man sie zum Abgießen von Sphagetti benutzen. Nachdem der Bourgeois nur mit Wasser gekocht hat, wäre das eine ganz unkonventionelle Methode,davon abzulenken. Die bequemere Variante könnte in der Nutzung des Katzennetzes als Hängematte bestehen. Der Bürger kann dann vor dem Balkon hängen und die Katzen am Fliehen hindern.

  3. Spaghetti, Kann vorkommen, dass sie im Katzennetz durcheinander geraten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...einmal im Jahr: Wo sich auch der Kleinwohnungseigentümer einmal wie Napoleon fühlen kann. Da werden - heimlich - nachbarschaftliche Allianzen verabredet, Strategien verworfen, Basisdemokratie gelebt: Miteigentumsanteilmäßig.

    ...einmal im Jahr: Wo sich auch der Kleinwohnungseigentümer einmal wie Napoleon fühlen kann. Da werden - heimlich - nachbarschaftliche Allianzen verabredet, Strategien verworfen, Basisdemokratie gelebt: Miteigentumsanteilmäßig.

  4. ...einmal im Jahr: Wo sich auch der Kleinwohnungseigentümer einmal wie Napoleon fühlen kann. Da werden - heimlich - nachbarschaftliche Allianzen verabredet, Strategien verworfen, Basisdemokratie gelebt: Miteigentumsanteilmäßig.

    Antwort auf "Spaghetti"
  5. ... wenn es denn hilft von den eigenen Problemen und Unzulänglichkeiten abzulenken, darf mann sich ruhig mal über das Katzennetz des Nachbarn streiten.
    Schade nur, dass manch einem wertvolle Zeit gestohlen wird.

  6. Werden Sie mal Pächter in einer Kleingartenanlage, dann sehen Sie was da abgeht. "Unser kleines Dorf mitten in unserer Stadt... Erinnert mich an Asterix und Obelix.

  7. mal was Gutes in Kolumne.
    Da hat Herr Martenstein einen guten Tag gehabt.
    Gratulation!

  8. Leider haben wir keine Katzenmutter. Denn dann wäre schlimmeres vermieden worden, wie zum Beispiel Ausräuberung meines Kontos. Wir haben nämlich für unseren Wohnblock im Hansaviertel eine Rücklage angespart, die dreimal so hoch ist wie der Berliner Durchschnitt (pro qm). Wir können bald unser schönes Haus von Oskar Niemeyer mit unserem Vermögen dreimal abreißen und absehbar wieder neu errichten. Dabei würden Probleme wie Schwitzwasser, die man die letzten 40 Jahre permanent übersehen hatte, endlich und zwar dringenst beseitigt werden können. Auch wollten wir unser Gebäude mit einem Edelstahlband gegen aus dem Tiergarten heranrückende Schnecken und Rasensamen schützen. Das konnte ich mit dem glücklichen Einfall verhindern, dass - nach Installation - das Edelstahlband nächtnes sofort einer besseren Verwendung zugeführt worden wäre.

    Rousseau hatte recht: der erste der sagte dieses Land / dieser Beton gehört mir war ein Verbrecher.

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