In der ersten Hälfte der sechziger Jahre war Daniel Cohn-Bendit Odenwaldschüler. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre war Daniel Cohn-Bendit Kindergärtner. Diese beiden biografischen Daten schienen lange Zeit unverdächtig zu sein. Vor dem Hintergrund der seit Monaten laufenden Missbrauchsdebatten könnte sich das geändert haben. Sollte der einstige Wortführer des »Pariser Mai« und heutige Europaparlamentarier und Grünen-Politiker etwa auch Pädophiler gewesen sein? Das jedenfalls fragen einige seine Gegner unverblümt und mancher Freund hinter vorgehaltener Hand. In seinen frühzeitig verfassten Lebenserinnerungen, die 1975 unter dem Titel Der große Basar erschienen sind, hat er so freimütig wie provokativ geschildert, zu welch erotisch aufgeladenen Szenen es in seiner Kindertagesstätte der Frankfurter Universität gekommen ist. Einige Kinder, heißt es dort, hätten sich an seinem Hosenlatz zu schaffen gemacht und ihn gestreichelt. Das habe ihn vor Probleme gestellt. Er habe ganz unterschiedlich darauf reagiert. Wenn sie darauf bestanden hätten, dann habe auch er sie gestreichelt. Mehr erfährt man nicht.

Eine erste Debatte um Cohn-Bendits Kita-Erfahrungen hatte es freilich schon ein knappes Jahrzehnt zuvor gegeben. Nach Verdächtigungen im französischen Nachrichtenmagazin Express wurde im Nachbarland wochenlang die Frage debattiert, ob »Dany le rouge« nicht ein paar Grenzen zu viel überschritten habe. Die deutsche Öffentlichkeit ist von diesen Aufregungen nur gestreift worden. Lediglich der ehemalige Bundesaußenminister Klaus Kinkel hatte nach einem Bericht der Bild- Zeitung die skandalträchtige Debatte aufzugreifen versucht und den Grünen-Politiker in der B.Z. aufgefordert, klarzustellen, dass es mit den ihm anvertrauten Kindern »nie zu unsittlichen Berührungen« gekommen sei. Cohn-Bendit reagierte in derselben Zeitung ausweichend, ihm sei damals »das Problem nicht bewusst« gewesen. Man habe auf kollektive Weise »eine neue Sexualmoral« zu definieren versucht. Mit der Passage in seinen Memoiren habe er sich lediglich »als Tabubrecher profilieren« wollen. Wenn er mehr über sexuellen Missbrauch gewusst hätte, dann hätte er über seine Kita-Erlebnisse seinerzeit gewiss nicht so geschrieben. Das wiederum klang eher nach Rhetorik, nach einem bloßen Fehler in der Wortwahl.

In Frankreich scheint die Debatte aus dem Jahr 2001 inzwischen fast vergessen zu sein. Cohn-Bendit ist dort politisch überaus erfolgreich. Ihm ist es gelungen, die französischen Grünen aus ihrem einstigen Schattendasein herauszuführen und sie als Partner künftiger Regierungskoalitionen zu profilieren. Nun wird die alte Geschichte hierzulande wieder aufzuwärmen versucht. Doch der Name Cohn-Bendit steht nicht für die Bestätigung eines Verdachts, eher für ein Symptom, für die inzwischen mehr als dreißig Jahre zurückliegende Leichtfertigkeit im Umgang mit einer Pädophilie-Debatte, die die Geschichte der 68er-Bewegung mit der der Grünen verbindet.

Die Auseinandersetzungen setzten Mitte der siebziger Jahre zunächst in der Schwulenbewegung ein und ergriffen nach und nach die Zentren der Spontibewegung, in München, dann in Berlin und schließlich in Frankfurt. Ausgetragen wurde sie vor allem in Stadtzeitungen wie dem Münchner Blatt, der Berliner Zitty und dem von Cohn-Bendit herausgegebenen Frankfurter Pflasterstrand. Dann folgte auch die damals neu gegründete tageszeitung, die zur bundesweiten Ausbreitung der Diskussion beitrug. Selbst der Spiegel schien an dem irritierenden Phänomen nicht vorbeizukommen und wusste 1980 zu vermelden, dass es in der linksalternativen Szene eine ausgeprägte »Pädophilie-Debatte« gebe. Nach Schwulen, Lesben und Bisexuellen – hieß es dort nicht ohne Süffisanz – wollten nun auch die Pädophilen als »Emanzipationsbewegung« verstanden werden. Das genau war das Stichwort. Eine diskriminierte Sexualform sollte »entkriminalisiert« und als nachholender Beitrag zu der von vielen geforderten »sexuellen Befreiung« verstanden werden. Nachdem im Zuge der 68er-Bewegung schon so viele andere Verbote angegriffen und geknackt worden waren, sollte es nun um ein besonders tiefreichendes, mit innerfamiliären Dramen um Schuld und Verstrickung verbundenes Tabu gehen. Daraus speisten sich Faszination ebenso wie Voyeurismus. Der Pädophile wurde dem Spießer entgegengestellt. Und wer wollte schon als spießig gelten?

Protagonist derartiger Strömungen, die bald schon als eigene »Pädophilie-Bewegung« bezeichnet wurden, war insbesondere der Münchner Peter Schult (Jg. 1928), ein ehemaliger Fremdenlegionär, der sich nun als Anarchist verstand. Mit dem Argument, dass niemand etwas gegen eine einvernehmliche sexuelle Praxis einwenden könne, forderte er zusammen mit anderen die vollständige Streichung des Paragrafen 176 StGB, durch den sexuelle Handlungen mit Kindern unter 14 Jahren unter Strafe gestellt sind. Die Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern müsse, sofern sie frei und ohne Ausübung von Gewalt erfolge, grundsätzlich straffrei bleiben. Was die Öffentlichkeit in der Figur des »Kinderschänders« attackiere, sprang der damals populäre Sexualwissenschaftler Ernest Bornemann solchen Forderungen bei, sei nichts anderes als die Eifersucht »auf unsere eigene verdrängte kindliche Sexualfreude«.

Auf dem ersten Höhepunkt dieser Debatte fand am 28. Januar 1977 eine von der Spontiszene organisierte Veranstaltung im Hörsaal VI der Frankfurter Universität statt. Das Thema lautete etwas irreführend: Die Linke und die Männersexualität am Fall Peter Schult. In Wirklichkeit ging es um jenen Mann, der sich offen zu seiner Pädophilie bekannte und deshalb ein ums andere Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Erst wenige Tage zuvor war ein gegen Schult erlassener Haftbefehl außer Vollzug gesetzt worden. Nun trat er zusammen mit seinem Rechtsanwalt auf und nutzte die Gelegenheit, um der Frauenbewegung vorzuwerfen, sie würde Pädophile pathologisieren, und der Linken, sie verknüpfe Pädosexualität mit Vergewaltigungsfantasien und würde so den Interessen der Justizbehörden dienen. Als Schult ein Gedicht vorlas, in dem er detailliert einen Geschlechtsakt mit einem 15-jährigen Strichjungen schildert, schrieb ein offensichtlich schwer beeindruckter Berichterstatter anschließend im Pflasterstrand, hätte man unter den 800 Zuhörern eine Stecknadel mehr zu Boden fallen hören. »So ne wahnsinnige Diskussionsbeteiligung, Spannung, Betroffenheit und Angst hat’s schon lange nicht mehr bei Teach-ins gegeben.« Am Ende empfahl der Kommentator, künftig auch die bereits Ende der sechziger Jahre in den Kommunen und Kinderläden gemachten Erfahrungen zu berücksichtigen.

Der Aufmerksamkeitserfolg, den Schult unzweifelhaft für sich verbuchen konnte, war jedoch nicht gleichzusetzen mit einem Erfolg in der von ihm propagierten Sache. Schult war enttäuscht, ja erbost, auf wie viel Ablehnung er mit seinen Forderungen nach einer Legalisierung der Pädophilie nach wie vor stieß. In der Zeitschrift Autonomie publizierte er deshalb bald darauf ein Pamphlet, das den bezeichnenden Titel Für eine sexuelle Revolution – Wider die linken Spießer trug. Für ihn seien – versuchte er einen der am häufigsten gegen ihn erhobenen Einwände zu entkräften – die Jungen keine einfachen Sexualobjekte, sondern »gleichwertige und gleichberechtigte Partner«. Doch es half alles nichts. Die Spontibewegung war nicht gleichzusetzen mit der Schwulenbewegung oder Teilen von ihr. Schult blieb ein Streitfall. Einerseits wollte man zwar nicht, dass er wegen seiner sexuellen Kontakte zu Jugendlichen vor Gericht gestellt und mit Haftstrafen belegt wurde, andererseits jedoch wollte man sich von ihm auch nicht vor den Karren einer Kampagne spannen lassen, die als anstößig galt und für die ohnehin keine gesellschaftlichen Mehrheiten in Sicht waren.