Endlich reißen die Wolken auf. Nach drei Tagen Dauerregen. Oslo, ein paar Hundert Meter unter uns, liegt wie zum Trocknen ausgebreitet. Links das dunkelbraun verklinkerte Rathaus mit seinen zwei klobigen Türmen. Dahinter der Hafen mit den Containerterminals. Gerade läuft ein Kreuzfahrtschiff aus. Sein Kielwasser zeichnet eine weiße Schleppe auf das bleigraue Wasser des Fjords, wo Dutzende kleiner Inseln wie schlafende Wale im Wasser liegen. Dazwischen das Marmordach der Oper, einem Gletscher nachempfunden. Weiter rechts das Nobel Peace Center und Aker Brygge, das ehemalige Werftgelände, heute eine Arena für postmoderne Architektur. Der Autobahnring zieht sich wie ein feiner Strom von Quecksilber zwischen den Hügeln hindurch, die Sonnenstrahlen werden von tausend Windschutzscheiben reflektiert. Ganz rechts, am Berg Holmenkollen, liegt die gigantische neue Sprungschanze, erbaut für die nordischen Weltmeisterschaften im nächsten Jahr.

Nils Petter Molvær hat nicht übertrieben. Die "beste Aussicht über die Stadt" hatte er versprochen, als er seinen Toyota die Serpentinen hinaufmanövrierte. 360 Höhenmeter. Eine leichte Brise geht durch die Kiefernwipfel. Hummeln summen. Es ist der erste Frühsommertag, das Land legt Farbe auf. Eine Gruppe Jogger kämpft sich die Straße hoch, sie keuchen, japsen, schreien. Als sie uns bemerken, verstummen sie. "Im Winter laufe ich hier morgens Ski", sagt Molvær. "Und da vorn", sagt er, blinzelt aus graublauen Augen gegen das gleißende Licht und zeigt in Richtung der Baumgrenze unterhalb der Terrasse des Restaurants Grefsenkollen, "da vorn werde ich am 5. Juni mit Eivind Aarset spielen. Ein ruhiger Abend. Nur Gitarre und Trompete. Die Leute essen und genießen die Aussicht."

Könnte ein überraschender Abend werden. Denn Nils Petter Molvær ist alles andere als ein Party-Entertainer. Seit Khmer, seinem zweiten Album aus dem Jahr 1998, gehört er zu den wegweisenden Jazztrompetern der Welt: der Mann, der die Coolness von Miles Davis in die Gegenwart übertrug. Dafür holte er damals einen DJ in seine Band, und er trat mit zwei Schlagzeugern auf, die die flirrenden elektronischen Beats zum Kochen brachten. Eivind Aarset, der als Studiomusiker für Ray Charles oder Cher geschmeidig in die Saiten griff, sonst aber ganz andere aufzog, jagte seine Gitarre durch die Effektwege, bis sie klang wie ein Stahlwalzwerk unter Volllast. Aber immer war da die majestätische Einsamkeit von Molværs Musik. Er gerät ins Schwärmen über Berliner Untergrund-Größen wie Maurizio, Basic Channel oder sogar Tangerine Dream und ihre beinah vergessenen Soundtracks für Reisen in die Innenwelt. "Es geht darum, Raum zu geben und die Sehnsucht klingen zu lassen", sagt er. "Sehnsucht ist ein schönes Wort. Wir haben kein passendes dafür im Norwegischen."

Norwegischer Jazz steht seit je für Wagemut. Die Generation von Jan Garbarek oder Terje Rypdal ist seit bald vierzig Jahren Legende. Männer und Frauen, die furchtlos aufbrechen in tosende Sound-Ozeane, unbeirrt durch die Gischt der freien Improvisation segeln – oder aber den elektronischen Außenborder anwerfen. Im seichten Wohlklang ankern sie selten.

Bugge Wesseltoft kommt mit dem Mountainbike zur Verabredung vor seinem Studio. Große Hornbrille, verschmitztes Lächeln unterm Fahrradhelm. Molvær ist der Poet, Wesseltoft der Tanzbeauftragte des norwegischen Jazz. Bugge’s Room, in dem er sämtliche der rund achtzig Alben seines Labels Jazzland produzierte, liegt am Rand von Grünerløkka, einem gentrifizierten ehemaligen Arbeiterviertel, das wie eine norwegische Ausgabe von Prenzlauer Berg anmutet. New Conception of Jazz hieß die Band, mit der Wesseltoft Mitte der Neunziger berühmt wurde. Damals war er Anfang dreißig.

"Bugge’s Room ist bald Geschichte", sagt er, als wir die hohen Räume der ehemaligen Spinnerei betreten. Das Studio ist schon halb ausgeräumt. Wesseltoft verkauft gerade seine Synthesizersammlung, die Hammondorgel will er dem Jazzklub Victoria als Leihgabe überlassen. Er behält nur seinen Flügel und zieht in eine Produktionswabe, Wand an Wand mit Nils Petter. Leichter reisen, leichter leben, sagt er. In einer solchen Wabe hat einst seine Sololaufbahn begonnen – mit der Aufnahme einer Weihnachtsplatte, die bis heute in vielen europäischen Haushalten als einzig akzeptable Festtagsbeschallung gilt. Kürzlich hat Wesseltoft einen Webshop für seine Musik eröffnet. Es gibt ihm zu denken, dass sein zwanzigjähriger Sohn schon lange keine CDs mehr kauft.

Aber für Livemusik begeistert sich die Osloer Jugend nicht weniger als früher, nur anders. Im Blå hat an diesem Abend das Frank Znort Quartet die Bühne besetzt. Der Klub riecht, als habe er schon viele Musiker kommen und gehen sehen. Wesseltoft hat hier in den Neunzigern seinen Ruhm begründet. Heute, sagt er mit einem Anflug von Ironie, drücke er sich lieber in die Ecke, wenn er mal vorbeikomme.

 

Die Bläser klingen wie eine flüchtende Elefantenherde

Das "Quartett" besteht aus 17 Musikern, die Abwechslung zu ihrem Rock- oder Pop-Alltag suchen. Sie spielten nur, worauf sie Lust hätten, sagt Willie, der Sänger. Nachmittags gibt es einen kurzen Soundcheck und eine Stunde Probe. Dann geht es los. Drei schweißtreibende Sets mit ironisch ondulierten Chansons und Jazzstandards. Aber auch Punk-Klassiker werden durch die Swing-Mühle gedreht. Die Bläser erinnern bisweilen an eine flüchtende Elefantenherde. Die Menge tanzt wild. Draußen wartet eine fünfzig Meter lange Schlange auf Einlass, Gepiercte, Hippies, Hornbrillen-Nerds, Dicke, Dünne, Schwarze, Weiße. Ein Fest der Individualität. Die meisten sind Mitte zwanzig und haben das Vorspiel schon sichtbar hinter sich. So lautet das norwegische Wort für den Brauch, sich vor dem Ausgehen im privaten Rahmen warm zu trinken. Wer zahlt schon gerne acht, neun Euro für ein Glas Bier?

Der Glockenturm auf dem ehemaligen Werftgelände Aker Brygge

Der Rest der Welt denkt im Zusammenhang mit Oslo und Musik zurzeit an den Eurovision Song Contest am Wochenende, gemeinhin bekannt als Grand Prix. Vielleicht auch an den glatten Pop von a-ha, die mit 50 Millionen verkaufter Platten als Nationalheiligtum gelten. Oder an Wencke Myhre, die beim Grand Prix 1968 für Deutschland antrat und dafür von ihren Landsleuten zero points erhielt. Wegen der Kosten für den Grand Prix hat das staatliche norwegische Fernsehen auf die Übertragungsrechte für die Fußball-WM verzichtet. Man muss Prioritäten setzen.

Aber die Musikszene Oslos hat viel mehr zu bieten. Etwa tausend Bands gibt es in der Stadt mit ihrer halben Million Einwohner. Das heißt: Es swingt, rockt, scratcht und jammt an jeder Ecke. Zwischen Schlager und Death Metal gibt es nichts, was es nicht gibt. 6000 Konzerte gehen pro Jahr über die Bühnen, von der Telenor Arena mit 20000 Plätzen bis hin zur Jamsession im Queens, der Kneipe mit dem klebrigsten Boden der Stadt, wo um Mitternacht bärtige Männer Bob-Marley-Songs anstimmen.

Zehn Millionen Euro im Jahr gibt die Stadt für Musikförderung aus

Man muss nicht nackt durch die Wälder laufen oder die nordische Mythologie befragen, um diese geballte Kreativität zu erklären. Es sei ganz einfach, sagt Bugge Wesseltoft: Die meisten Musiker in Oslo stammen nicht aus der Stadt. Sie wuchsen irgendwo auf dem Land auf. Selbst das kleinste Dorf hat Schulbands, öffentliche Probenräume und natürlich ein Festival. Ausdauer und Eigensinn gedeihen gut in Abgeschiedenheit. Aber wer von seiner Musik leben möchte, muss in die Hauptstadt. Das gilt auch für Designer und Künstler, fast ein Fünftel der Bevölkerung Oslos arbeitet in den sogenannten kreativen Berufen.

Nils Petter Molvær stammt von Sula, einer Insel im Westen. Wenn er aufs Festland wollte, musste er eine Stunde Boot fahren. Mit sechzehn ging er von zu Hause weg. Er jobbte, reinigte Fischmehlzentrifugen mit dem Schlagbohrer oder trat als Clown im Kindertheater auf. Ehe er die Kurve kriegte, war er so abgebrannt, dass er sein Klopapier in Restaurants klaute. Als er das erzählt, sitzt er im Palace Grill, einem seiner Lieblingslokale. Ein Gourmetrestaurant mit Liveprogramm, dessen zehngängiges Menü von derben Gitarrenriffs unterlegt wird. Als die Tische sich leeren und endlich alle rauchen dürfen, statt sich nur den Kautabak Snus als Behelf in die Backentasche zu stopfen, setzt sich Dan-Ola, der Barmann, zu uns. Er hört sonst gerne Heavy Metal, aber gerade interessiert ihn schamanistischer Gesang. Nils Petter hat vor zwei Tagen in Reykjavík gespielt. Dann sprechen die beiden über den Joik, den Obertongesang der Samen. Dan-Ola erzählt, er komponiere für Experimentalfilme, mit Tierknochen als Instrumenten. Nach dem dritten Bier gesteht er sein Faible für Joy Fleming.

17. Mai, Norwegens Nationalfeiertag. Ein Tag ohne Militärparade. Ausgelassene Bürger defilieren in Trachten am königlichen Balkon mit dem winkenden Herrscherpaar vorbei. Ein Tag der Kinder, die heute so viel Eis und Würstchen essen dürfen, bis sie grün im Gesicht sind. Ein Tag, an dem die Norweger sich dazu gratulieren, Norweger zu sein, und ganz unironisch davon sprechen, in einem Paradies zu leben. Nachvollziehbar angesichts der verschwenderischen Natur vor der Haustür und eines Durchschnittseinkommens von 61000 Euro im Jahr. Hier hat man Inseln als Vorstädte. Eine U-Bahn, die bis zur Loipe fährt. Und eine Kulturreferentin, deren Ziel es ist, Oslo zur "Musikhauptstadt des Nordens" zu machen. Zehn Millionen Euro pro Jahr gibt die Stadt allein für die Förderung der Populärmusik aus.

Bei der Unabhängigkeit 1905 war Norwegen eines der ärmsten Länder Europas, die Norweger galten als die Bauern Skandinaviens. Seit Entdeckung der Erdölvorkommen in den Siebzigern ist es eines der reichsten. Heute kommen Schweden und Dänen als Gastarbeiter. Arrogant sind die Norweger darüber nicht geworden. In der teuersten Stadt der Welt gelten Bescheidenheit und Understatement als Tugenden. Man erhebt sich nicht über andere wegen ihres Lebensstils oder Geschmacks.

 

Die abendliche Karl Johans Straße

Als Eivind Aarset, der Jazzgitarrist, uns am Abend des 17. Mai die Tür öffnet, fragt er als Erstes: "Wie fandest du die Parade?" Die hohen Stuckdecken seiner Wohnung sehen aus wie aus dem Bilderbuch eines Immobilienmaklers. Kinder, Katzen und ein großer Pudel tollen herum. Es ist die gediegene Gegend oberhalb des königlichen Schlosses. Aarset, ein schlaksiger, hochgeschossener Mann, dem die halblangen graublonden Strähnen in die Stirn fallen, trägt eine Schleife mit dem Konterfei des Königs, Haralds V., am Revers. Nils Petter Molvær holt zwei Flaschen Wein aus dem Rucksack. In Aarsets Wohnung ist die halbe Jazzgesellschaft der Stadt versammelt. Und man begreift: Der Grund des musikalischen Reichtums liegt nicht nur im Wohlstand des Landes. Er liegt auch in der Überschaubarkeit seiner Hauptstadt, in der irgendwann jeder jedem über den Weg läuft. Musiker der Philharmonie spielen mit Experimentalbands, Folksänger mit DJs. "Es gibt hier keine Genregrenzen", sagt Molvær. Ein Musikverständnis, das alle Einflüsse und jeden Zuhörer willkommen heißt.

Allein in der City wummert es aus fünfzig Liveklubs, auch dort, wo man es nicht erwartet. Oslo kann innerhalb weniger Blocks vom Postkartenidyll zum stadtplanerischen Notstandsgebiet werden. Der Youngstorget zum Beispiel ist tagsüber ein zugiger Platz im Schatten diverser Partei- und Verwaltungsgebäude. Aber es kann einem passieren, dass man abends durch die verlassenen Straßen irrt, und unvermittelt, hinter der richtigen Ecke oder der richtigen Tür, trifft man auf die richtigen Leute. Dann steht man plötzlich vor einer Institution wie dem Café Mono und erfährt, dass hier schon ganz andere standen. Franz Ferdinand zum Beispiel. Draußen in der Schlange, wie ganz normale Besucher. Auf seine egalitäre Türpolitik ist das Mono sehr stolz.

Oben auf dem Grefsenkollen kommt wieder eine Gruppe Jogger an. Sie tragen Kopfhörer und hören nicht das Konzert der Vögel, in das jetzt Nils Petter Molvær mit seiner Trompete spaßeshalber einstimmt. Seven Steps to Heaven von Miles Davis. Lässig, leichtfüßig, pointiert und mit jenem warmen Hauch, an dem man Molvær sofort erkennt. Vom Himmel sind wir hier nicht mehr weit entfernt.